"Götterdämmerung" Unter den Linden: Andreas Schager gewinnt den "Berlin-Marathon"

Richard Wagner, Götterdämmerung, Staatsoper Unter den Linden Berlin, 29. September 2019

Bildquelle: www.andreas-schager.info

Staatsoper Unter den Linden, Berlin
29. September 2019

Richard Wagner, Götterdämmerung

von Peter Sommeregger

Zwei komplette Ring-Zyklen hat die Staatsoper Unter den Linden gleich an den Beginn der neuen Saison gesetzt. Jeder Kenner weiß, dass dies eine Herausforderung selbst für ein Haus des Standards der Lindenoper ist.

Unter diesem Aspekt muss man vielleicht die etwas müde und ermüdende Götterdämmerung, den achten und letzten Abend der beiden Zyklen beurteilen. Dem Orchester unter Daniel Barenboim steht außerdem nur vier Tage nach diesem Abend eine wichtige Premiere ins Haus.

Die Sänger dieser Aufführung hatten ebenfalls einen kräftezehrenden Marathon bereits hinter sich, als sie zu dieser letzten Materialschlacht antraten, ähnlich wie die über 4000 Teilnehmer des Berlin-Marathons an diesem verregneten Sonntag. Man hatte weitgehend auf bewährte Kräfte des Hauses zurückgegriffen, von denen manche aber bereits ihre beste Zeit hinter sich haben.

Foto: © Marcus Ebener

Anna Samuil, die gefühlt bereits jede Sopranpartie am Haus gesungen hat, war eine akzeptable dritte Norn, und eine überforderte Gutrune. Ihr charakterschwacher Bruder Gunther war bei Roman Trekel in bewährten Händen, aber auch sein einst kräftiger Bariton hat über die Jahre beträchtlich an Volumen verloren. Ähnliches gilt für den Hagen Falk Struckmanns. Der stellt eine imposante Figur auf die Bretter, aber seiner Stimme fehlt es an der „Bass-Schwärze“, die für diese Rolle des Bösewichtes wünschenswert wäre. Jochen Schmeckenbecher als Alberich kommt da schon sehr viel kräftiger und vitaler über den Graben.

Ekaterina Gubanova, die nach der zweiten Norn auch noch die Waltraute übernommen hat, kann für beide Partien einen vollen und höchst gesunden Mezzosopran aufbieten, bei der Waltrauten-Erzählung hätte man sich vielleicht ein bisschen mehr Temperament im Vortrag gewünscht.

Iréne Theorin. Foto: © Chris Gloag

Die vokale Hauptlast des Abends trugen natürlich Brünnhilde und Siegfried. Erstere in Gestalt von Irene Theorin, die schier unverwüstlich dieses „barbarische Fach“ schon seit Jahren auf internationalen Bühnen singt. Ihr groß dimensionierter Sopran trägt nach wie vor mühelos, Defizite in der Tiefe werden klug kaschiert, von den zahlreichen Spitzentönen bleibt sie keinen schuldig, aber ein starkes Vibrato trübt den Gesamteindruck doch beträchtlich.

Andreas Schager. Foto: © David Jerusalem

Theorin ertrotzt sich diese Partie stimmlich, für Gestaltung sind keine Reserven übrig. Dagegen scheint der Siegfried Andreas Schagers über geradezu unerschöpfliche zu verfügen. Sein relativ hell timbrierter Tenor ist nicht nur in der Höhe bombensicher, er kann auch eine Lautstärke entwickeln, die selbst die nachgebesserte Akustik des Hauses an ihre Grenzen bringt. Das macht Schager eindeutig zum Sieger dieses Wagner-Marathons Unter den Linden, obwohl er des Guten manchmal schon zu viel tut. Sein „Ho-Hei“ im dritten Akt empfindet das Ohr schon fast als schmerzhaft.

Die Staatskapelle unter Barenboim, ein wahrhaft Wagner-erprobtes Team musiziert die gewaltige Partitur schwelgerisch und breit, ein paar Patzer bei den Bläsern kann man leicht verzeihen. Der Chor singt kompetent und sicher, wenn auch von der Regie zum bewegungslosen Herumstehen verurteilt.

Das Ärgernis, nicht nur dieses speziellen Abends, ist die hilflose Regie Guy Cassiers, oder das, was von ihr noch übrig ist. Cassiers, der auch teilweise für die Bühnenbilder verantwortlich ist, kommt über statische Arrangements nicht hinaus, in keinem Augenblick gelingt es ihm, so etwas wie Spannung und echte Interaktion herzustellen. Kryptische Videos und farbige Projektionen verwirren mehr, als dass sie die Szene bereichern würden, das abwechselnde Herein- und Hinausfahren von Versatzstücken durch die keineswegs geräuschlose Hydraulik bewegt sich hart an der Grenze der Lächerlichkeit.

Foto: © Monika Rittershaus

Und erst die Kostüme! Brünnhilde muss den gesamten Abend mit einer unsinnigen meterlangen Schleppe kämpfen, die sich im Laufe des Abends mehr und mehr in einen schmuddeligen Putzlappen verwandelt. Die Gibichungen werden im Stil des Nationalsozialismus kostümiert, wobei das Gewand der Gutrune eine Zumutung an ihre Trägerin bedeutet.

Diese Produktion, die erst 2013 ihre Premiere hatte, wirkt bereits heute wie aus der Zeit gefallen und altbacken. Schön und stimmig ist sie nie gewesen. Wie man hört, plant Daniel Barenboim bereits eine Neuinszenierung. Hoffentlich hat er dann bei der Wahl des Regie-Teams eine bessere Hand!

Peter Sommeregger, 30. September 2019, für
klassik-begeistert.de

Siegfried Andreas Schager
Brünnhilde Irene Theorin
Alberich Jochen Schmeckenbecher
Hagen Falk Struckmann
Gutrune, 3. Norn Anna Samuil
Waltraute,2. Norn Ekaterina Gubanova

Regie Guy Cassiers
Dirigent Daniel Barenboim

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