Foto: RChB © Peter Adamik
Die Berliner Chöre, Opernhäuser und Orchester gehen in die Stadt. So auch und vor allem der Rundfunkchor Berlin, der mit seiner nun schon traditionellen RundfunkchorLounge, seit einiger Zeit im Heimathafen Neukölln angesiedelt, nicht nur örtlich, sondern auch thematisch den Bezug zur Stadt und gesellschaftlichen Topoi herstellt. Diesmal zum Thema „Wasser“. Die Kombination aus Musik und Gesprächen zum Thema und das Setting am Puls Berlins funktionieren: Begeisterten Applaus spendet das Publikum selbst für zeitgenössische Stücke. Musikalisch völlig zu Recht.
Sauberes Wasser und schmutzige Geschäfte
RundfunkchorLounge
Heimathafen Neukölln, 22. Oktober 2026
Rundfunkchor Berlin
Gijs Leenaars, Leitung
Philip Mayers, Klavier
Mischa Meyer, Violoncello
Sophie Catherin, Mezzosporan
Georg Streuber, Bass
Raoul Bumiller, Tenor
Gesine Nowakowski, Sopran
Vivian Perkovic, Moderation
Dr. Laura von Vittorelli, Gesprächsgast
Mika Schachenmayr, Gesprächsgast
Johannes Malfatti, DJ
von Sandra Grohmann
Mitten in Neukölln, an der Karl-Marx-Straße, hören wir ein Programm von Philippe de Monte bis Eriks Ešenvalds. Philippe de Monte war ein Renaissancekomponist und hat – wie Moderatorin Vivian Perkovic launig anmerkt – mit dem heute zu Gehör gebrachten achtstimmigen a capella-Chorgesang „Super flumina Babylonis“ quasi den Vorläufer zu den „Rivers of Babylon“ geschaffen. Ešenvalds hat 2011 für Chor, tibetische Klangschalen und gestimmte Wassergläser das Lied „Stars“ geschaffen.

In diesem Rahmen hören wir uns durch die Musikgeschichte, wobei auch weibliche Stimmen nicht zu kurz kommen. Nadia Boulanger, Karin Rehnqvist und Gwyneth Walker tragen neben Debussy, Purcell und Brahms, aber auch Lasse Enersen, Aoi Hasegawa, Heinrich von Herzogenberg sowie Paul Simon zu allen Aspekten des Themas „Wasser“ bei, das im Mittelpunkt des Abends steht.
Verwässert wird dabei gar nichts. Der Rundfunkchor Berlin singt vom umlaufenden Rang in den Saal, so dass jede Sängerin, jeder Sänger in der ersten Reihe steht. Mit großer Klarheit, ja Reinheit, erreichen die acht Stimmen des ersten Stücks die gespitzten Ohren, bevor es zum zweiten Stück an den in der Mitte des Saals gestellten Flügel geht, an dem einzelne Chorsolisten weitere Stücke zu Gehör bringen. Es beginnt mit Sophie Catherin (Mezzosopran), die zusammen mit Philip Mayers (Klavier) Debussys „La mer est plus belle“ vorträgt. Das zugrundeliegende Gedicht von Paul Verlaine diente auch Nadia Boulanger für ihre Instrumentalversion als Inspiration, gespielt von Mayers und Mischa Meyer.

Catherins Stimme ist ein einziger Genuss, warm, makellos geführt und bis in die Tiefen von großer Ausdruckskraft. Den Saal füllt sie im piano wie im fortissimo spielend. Das ist bei Rehnqvists „The Dream“ auch nötig. Der Albtraum vom sich schwärzenden Meer und der alles verbrennenden Sonne ist ausdrücklich als Warnung vor der Zukunft geschrieben. Der vertonte kurze Text von Rosa Taikon wird ergänzt von dunkel beginnenden, gleichsam explodierenden Vokalisen, die den zweiten Teil des Stücks sogar allein bestreiten. Catherins Stimme verschmilzt dabei zuweilen mit dem Ton von Meyers sie begleitendem Cello. Jubelnder Applaus für ein düsteres „klassisches“ Musikstück von 2022: Das allein ist eine Nachricht wert.

Das Zukunftsthema wird im Gespräch aufgegriffen. Vivian Perkovic moderiert den Abend mit großem Charme in goldener Glitzerbluse über wasserblauer Hose und interviewt neben dem Leiter des Rundfunkchors Gijs Leenaars auch die Senior Researcher für Umweltrecht und Governance am Öko-Institut Dr. Laura von Vittorelli sowie Mika Schachenmayr, Pressesprecher von Fridays for Future.

Dabei macht von Vittorelli die Probleme fachkundig deutlich und führt mit großer Nachdenklichkeit in das Thema ein. Ihre Antworten verweisen auf die Vielschichtigkeit des Wasserthemas, wenn sie über die Nutzung und Speicherung dieser bedeutendsten aller Ressourcen spricht und über die unabsehbaren Folgen, die die Erderwärmung bereits zeigt und noch zeitigen wird. Den größeren Beifall erntet gleichwohl Schachenmayr, der offenbar im Reden sehr geübt ist und mit einigem Pathos klare politische Botschaften verkündet.
Der erste Teil des Abends endet mit Lasse Enersens „Agua nocturna“ von 2004 und damit wieder aus dem Rang mit dem wunderbaren Rundfunkchor Berlin, begleitet aus dem Saal abermals von Mischa Meyer am Cello.
A capella nimmt der Chor nach der Pause das Thema Wasser lautmalerisch auf und singt ein von ihm in Auftrag gegebenes Werk des Japaners Aoi Hasegawa, das zwei Haikus von Kobayashhi Issa zum Sommer und zum Herbst verbindet. Wie der Regen auf den Boden fällt, abprallt, zu tanzen scheint, stürmt oder nieselt, so fallen Töne und Laute musikalisch auf das Publikum hinab, bis der Herbstmond erscheint, den das Kind nicht erreichen und zu sich herabholen kann. Poesie pur.
Aber ach, ihr Kinder. Was werdet ihr noch von den Gletschern sehen, die heute vielerorts unsere Wasserspeicher sind? Gwyneth Walker hat einen Brieftext des Naturphilosophen John Muir über Gletschereis vertont, von Tenor Raoul Bumiller mit Mayers’ Klavierbegleitung lebendig vorgetragen. Perkovic erläutert den Hintergrund des Briefs, und das Publikum ist weiter ganz Ohr – die Verbindung von Text, Vertonung und Gespräch ist hier ganz besonders intensiv und fesselt den Saal.
Die Erläuterung – übrigens nachzuhören am 3. Dezember 2026 um 20 Uhr im Deutschlandfunk Kultur – ist auch für Henry Purcells „What Power Art Tou“ nötig, dessen sich Georg Streuber mit schlankem Bass annimmt, gefolgt von seiner Kollegin Gesine Nowakowski, die mit dem Frauenchor das für Sopran gesetzte Lied „O ihr Wolken, gebet Wasser“ von Heinrich von Herzogenberg vorträgt.

Brahms‘ trauriges Sehnsuchtslied op. 112 Nr. 1 für Chor und Klavier (Es rinnen die Wasser) und Paul Simons Hit „Bridge Over Troubled Water“, hier ebenfalls für Chor und Klavier gesetzt, bilden den ersten Schluss des Abends – bis hierher geht die Radioübertragung -, bevor noch ein musikalischer Höhepunkt folgt: Eriks Ešenvalds „Stars“ lassen den himmlischen Rundfunkchor nicht nur singen.
Das Wasserthema wird hier nicht im Text aufgegriffen, sondern in den Instrumenten. Denn neben tibetischen Klangschalen kommen gestimmte Wassergläser zum Einsatz. Vielleicht erinnert sich mancheiner, wie er früher mit dem feuchten Finger über den Glasrand strich, um einen Ton zu erzeugen. So geschieht es auch hier, und die Sphärenklänge entlassen ein verzaubertes, aber auch nachdenkliches Publikum wieder auf die Karl-Marx-Straße, in der die Sterne von den Lichtern der Stadt überdeckt sind.
Sandra Grohmann, 24. Oktber 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at