Mahler in Vollendung – Patrick Hahn dirigiert in Bern

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 9, Berner Symphonieorchester, Patrick Hahn, Leitung  Casino Bern, 23. Oktober 2026

Patrick Hahn © C&G Pictures:

Gustav Mahler selbst hat seine letzte Symphonie nicht mehr gehört, da er 1911 mit nur 50 Jahren starb. Dieses ausufernde und in jeder Hinsicht fordernde Werk hat viele Verehrer. In Bern kamen sie auf ihre Kosten.

Casino Bern, 23. Oktober 2026

Berner Symphonieorchester
Patrick Hahn / Leitung

Gustav Mahler (1860-1911) / Symphonie Nr. 9

von Julian Führer

1910 in Südtirol fertig komponiert und später in New York in Reinschrift vollendet, dauert Mahlers Neunte knappe eineinhalb Stunden. Die äußere Form scheint fast klassisch mit vier Sätzen (und ohne Soli oder Chöre wie in manch anderen Orchesterwerken Mahlers). Jedoch lässt sich der Symphonie keine klare Tonart zuweisen, und sie endet wie nur sehr wenige Werke der Symphonik bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem langsamen Satz.

Patrick Hahn dirigierte einen ruhigen Beginn. Er wartete zu Beginn und vor jedem neuen Satz ab, bis die (zum Glück wenigen) Huster im Publikum wieder ruhig waren, so dass mit Einsetzen der Musik im vollbesetzten Casino Bern aufmerksame Stille im Publikum herrschte. Das Berner Symphonieorchester klang sehr geschlossen und kompakt und wirkte äußerst konzentriert.

Bei dieser Symphonie ist es schwierig, anhand von Einzelpunkten ein Gesamtbild zu zeichnen. Dennoch: Die Dichte und Geschlossenheit des ersten Satzes, die Disposition der Sehnzehntelfiguren im Holz im zweiten, „sehr derb“ zu nehmenden Teil, die Präzision im Schlagwerk und die Klangschönheit der perfekt aufeinander abgestimmten Posaunen im Rondo des dritten Satzes setzten Maßstäbe. Die Streicher waren im ersten Teil des Schlusssatzes so gut aufeinander eingestellt, dass man hätte meinen können, es sei von der Faktur her ein Streichquartettsatz. Patrick Hahn dirigierte in einem moderierenden, motivierenden Stil – hier wurde offensichtlich gut und ertragreich geprobt.

Der vierte Satz („Adagio. Sehr langsam und noch zurückhaltend“) ist ein Kapitel für sich. Langsam, sehr langsam, nach etwa einer Stunde Musik erst beginnend und für sich schon 25 Minuten lang, stellt er höchste Anforderungen: Wie dirigiert man fast eine halbe Stunde Langsamkeit, die selbst bei einem Riesenorchester à la Mahler auf nur 16 Partiturseiten passt? Wie ist hier die Dynamik zu setzen? Wieviel kann man wagen, wenn es gegen Ende immer noch langsamer wird (hier die letzten Angaben aus der Partitur: „Pesante“ – „Wieder zurückhaltend“ – „Molto Adagio (noch breiter als zu Anfang)“ – „ersterbend“ – „Adagissimo“ – „Langsam“ – „Zögernd“ – „Äußerst langsam“). Wie dirigiert man so etwas?

BSO Krzysztof Urbański © Florian Spring

Patrick Hahn wagte hier einen hohen Einsatz: Das Publikum blieb still, lauschte und folgte der Darbietung, die tatsächlich immer zurückhaltender wurde, ohne die Tempi zu zerdehnen. Die letzte Partiturseite, mehrere Minuten in Anspruch nehmend, war perfekt ausbalanciert komponierte Stille. Nur wenige Dirigenten, nur wenige Orchester, nur wenige Säle können dies leisten, und nicht immer ist das Publikum gewillt oder in der Lage, hier mitzuhalten. In Bern schon. Dieser Schluss war ungemein stark und ernst, und so verharrte auch das Publikum in langer, regungsloser Stille, bevor es den verdienten großen Applaus für alle Beteiligten gab.

Das Berner Symphonieorchester hat in den vergangenen Jahren ein stupendes Niveau erreicht, das nicht nur bei Konzerten mit ihrem Chefdirigenten Krzysztof Urbański zu erleben ist. Das „Wunder von Bern“ ist nicht nur ein Begriff aus der Geschichte des deutschen Fußballs, es ist dort immer wieder bei Symphoniekonzerten zu erleben. Hingehen!

Julian Führer, 24. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Berner Symphonieorchester, Krzysztof Urbański / María Dueñas Casino Bern, 20. Februar 2026

Gustav Mahler, The Symphonies, Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons klassik-begeistert.de, 23. Oktober 2026

Berner Symphonieorchester / Krzysztof Urbański / Nemanja Radulović Casino Bern, 5. Juni 2025

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