Sommereggers Klassikwelt 18: Malwina, Wagners erste Isolde, und ihr leeres Grab in Dresden

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Der Grabstein des in Wahrheit leeren, für Malwina vorgesehenen Grabes trägt die Inschrift:

Tod, du trenntest uns dereinst,
Nun uns immerdar vereinst,
Von dem Lebenswerk hienieden
Heimgekehrt zum ewgen Frieden.

von Peter Sommeregger (Text und Foto)

Als Wagners vielleicht bedeutendste Oper „Tristan und Isolde“ 1865 endlich in München uraufgeführt werden konnte, verkörperte ein Ehepaar die beiden Hauptrollen. Lange hatte Wagner nach Sängern Ausschau gehalten, die diesen extrem schwierigen Rollen gewachsen waren. In dem erst 29-jährigen Ludwig Schnorr von Carolsfeld und seiner Ehefrau Malwina, geborene Garrigues, die reichlich zehn Jahre älter war als er, fand er sie schließlich.

Es existieren zahlreiche Berichte über die Uraufführung am 10. Juni 1865 im Münchner Nationaltheater, der noch drei weitere Aufführungen folgten. Die vierte und letzte, von König Ludwig zusätzlich anbefohlen, soll Zeitzeugen zufolge die beste gewesen sein. Als Ludwig Schnorr von Carolsfeld am 21. Juli des gleichen Jahres völlig unerwartet nach kurzer Krankheit in Dresden starb, führten dies nicht wenige Menschen auf die „mörderische“ Anstrengung durch die Tristanpartie zurück. Ein Mythos, der sich bis heute gehalten hat.

Richard Wagner war über den Tod des Freundes tief bestürzt, eilte sofort nach Dresden, kam zur Beisetzung Ludwigs aber um Stunden zu spät. Der Vater des Sängers, Julius Schnorr von Carolsfeld war ein bedeutender und in seiner Zeit sehr populärer Maler der Schule der Nazarener. Bis heute trifft man häufig auf seine Bibel-Illustrationen. Nach Ludwigs Tod gestaltete er dessen Grabstein auf dem Dresdener Annen-Friedhof, und plante eine Grabanlage auch für sich, seine Frau, und Malwina.

Letztere hatte den Tod Ludwigs nie wirklich verwunden. Die gebürtige Dänin portugiesischer Abstammung, 1825 in Kopenhagen geboren, war eine Schülerin Manuel Garcias, des berühmtesten Gesangspädagogen seiner Zeit. Nach einer beachtlichen Karriere nahm sie schließlich ein Engagement am Karlsruher Hoftheater an, wo sie auch ihren späteren Mann kennenlernte. Die Ehe galt als glücklich, die verwitwete Malwina hat auch nicht wieder geheiratet. Ihre Bühnenauftritte wurden immer seltener und sie wandte sich mehr und mehr der Lehrtätigkeit zu.

Als ihr Schwiegervater Julius 1872 starb, wurde er in der selbst entworfenen Grabanlage in Dresden beigesetzt, und zwar neben seinem Sohn. Die Grabstellen für die beiden Ehefrauen waren auf der gegenüberliegenden Seite vorgesehen. Malwina war darüber entsetzt, sie war davon ausgegangen, nach ihrem Tod neben ihrem Gatten begraben zu werden.

Malwina zog sich nach dem endgültigen Ende ihrer Karriere in den 1870er-Jahren nach Karlsruhe zurück, wo sie sich einen guten Ruf als Pädagogin erwarb. Als sie hoch betagt im Jahr 1904 starb, erinnerten sich Nachfahren ihres verstorbenen Ehemannes an ihren Kummer, das Dresdener Familiengrab betreffend. Sie veranlassten die Einäscherung Malwinas in Heidelberg, da Karlsruhe damals noch nicht über ein Krematorium verfügte. Die Urne wurde nach Dresden überführt, und dort im Grab Ludwigs beigesetzt, in dessen unmittelbarer Nähe sich auch das Grab Minna Wagners, des Komponisten erster Ehefrau befindet. Der Grabstein des in Wahrheit leeren, für Malwina vorgesehenen Grabes trägt die Inschrift:

Tod, du trenntest uns dereinst,
Nun uns immerdar vereinst,
Von dem Lebenswerk hienieden
Heimgekehrt zum ewgen Frieden.

Peter Sommeregger, 15. Januar 2020, für
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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

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