Sommereggers Klassikwelt 21: SALOME – Wildes Werk und Lachmanns Anteil

Sommereggers Klassikwelt 21,  klassik-begeistert.de

von Peter Sommeregger

Richard Strauss‘ Oper Salome erfreut sich seit mittlerweile über hundert Jahren der Gunst des Opernpublikums in aller Welt. Erst kürzlich schrieb Kollege Charles Ritterband an dieser Stelle über das Werk, das zur Zeit seiner Entstehung noch für nicht wenige Skandale gut war. Das Sujet und die Freizügigkeit der Sprache, die sexuelles Begehren in blumige Metaphern umsetzt, eilten ihrer Zeit ebenso wie die erotisch aufgeladene Musik von Strauss voraus. Offenbar war der Komponist vom Text besonders inspiriert und erreichte eine Dichte der Atmosphäre, die zu einer optimalen Symbiose von Text und Musik führten.

Auf allen Theaterzetteln kann man lesen: Nach der Dichtung von Oscar Wilde in der Übersetzung von Hedwig Lachmann. Das ist korrekt, greift aber deutlich zu kurz. Die Besonderheit und Schönheit dieser Dichtung macht dann doch neugierig auf die Entstehungsgeschichte, und man findet bei der Suche nach den Quellen einige interessante Details.

Seine erste Inspiration erfuhr der Dichter durch ein Gemälde Moreaus und er begann spontan mit der Niederschrift des Dramas in französischer Sprache, die ihm für die Dekadenz des Sujets passender erschien. Schon früh legte Wilde sich auf die gefeierte Schauspielerin Sarah Bernhardt als erste Salome fest. Der britische Verleger Wildes bestand aber auf einer englischen Übersetzung, die Wildes Liebhaber, Lord Alfred Douglas erstellte, welche aber erst nach einigen Veränderungen die Zustimmung des Autors fand.

Dieser englische Text diente nun der jüdischen Dichterin und Übersetzerin Hedwig Lachmann als Vorlage für ihre deutsche Nachdichtung. Dieses Wort scheint hier eher angebracht als Übersetzung, denn Lachmann entwickelt bei aller Treue zum Original doch eine ebenso schöne wie eigenständige Sprache. Sicher, alle blumigen Metaphern sind bereits bei Wilde/Douglas vorhanden, Lachmann gelingt aber ein Text von seltener sinnlicher und sprachlicher Schönheit.

Wer war diese Hedwig Lachmann? Geboren 1865 in Pommern als Tochter eines Kantors arbeitete sie zunächst als Erzieherin, später ergriff sie den Beruf der Sprachlehrerin. Nach längeren Aufenthalten in England und Ungarn begann sie, Übersetzungen aus dem Englischen und Ungarischen anzufertigen und zu publizieren. 1901 begegnete sie ihrem späteren Ehemann Gustav Landauer, mit dem sie gemeinsam an Übersetzungen arbeitete. Ihr eigenes dichterisches Werk beschränkte sich im Wesentlichen auf Gedichte. Mit Gustav Landauer hatte sie eine voreheliche und eine eheliche Tochter. Im Februar 1918 erlag sie, wohl bedingt durch die schlechte Versorgungslage, einer Lungenentzündung. Tragisch gestaltete sich auch das Ende Gustav Landauers. Als sozialistischer Visionär wurde er zu einem Akteur der Münchener Räterepublik, was ihm zum Verhängnis wurde. Als reaktionäre Freikorpstruppen diesem politischen Experiment ein Ende setzten, wurde er nach seiner Verhaftung im Mai 1919 erst gefoltert, und anschließend erschossen.

Die jüngere Tochter der beiden, Brigitte heiratete einen aus Russland emigrierten Arzt, mit dem sie noch rechtzeitig vor den Nazis in die USA flüchten konnte. Der noch in Berlin geborene Sohn des Ehepaares wurde später in Hollywood  unter dem Namen Mike Nichols ein berühmter Filmregisseur, der auch einen Oscar gewann.

Lachmanns Salome-Text wurde zuerst in der Wiener Rundschau im Juni 1900 abgedruckt, Richard Strauss hat ihn für seine Zwecke behutsam gekürzt. Schon frühzeitig erwog er auch eine französische Version seiner Oper. Bei der entsprechenden Bearbeitung des Textes war ihm sein Schriftsteller-Freund Romain Rolland behilflich. Dauerhaft konnte sich die französische Version gegen die deutsche aber nicht durchsetzen, und ist praktisch von den Spielplänen verschwunden, wogegen das Original bis heute höchst erfolgreich gespielt wird.

Peter Sommeregger, 5. Februar 2020, für
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Peter Sommeregger, 21.Januar 2020, für
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Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

2 Gedanken zu „Sommereggers Klassikwelt 21,
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  1. Das ist ein hoch interessanter Text, der die Hintergründe der Entwicklung einer Textübertragung bis hin zur Nachdichtung erhellt.
    Nur eine Frage hätte ich. Warum ist es wichtig zu erwähnen, dass Hedwig Lachmann eine „jüdische“ Dichterin und Übersetzerin war, welcher Erkenntnisgewinn ergibt sich aus ihrer Konfession?

    Karl Rathgeber

    1. Es ist deshalb wichtig, weil Lachmanns Kinder später beinahe Opfer der Nationalsozialisten wurden.
      Ausserdem halte ich es für angebracht, ein so wesentliches Element der Biographie nicht zu unterschlagen. Man würde den betreffenden Künstlern einen Teil ihrer Identität nehmen.Der Hinweis auf die jüdische Abstammung soll auch zeigen, wie groß der Anteil jüdischer Kulturschaffender in dieser Zeit war, und welchen Aderlass ihre spätere Vertreibung und Ausgrenzung bedeutete.

      Peter Sommeregger

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