Buchbesprechung
Innerhalb weniger Monate sind zwei doch sehr unterschiedliche biographische Publikationen über den Dirigenten Herbert von Karajan erschienen.
Wolfgang Rathert
Herbert von Karajan
Macht-Ohnmacht-Vermächtnis
et+k
von Peter Sommeregger
Während Michael Wolfssohns „Genie und Gewissen“, verfasst im Auftrag des Karajan-Centers, fast ausschließlich auf Karajans Karriere im Dritten Reich fokussiert ist, wobei er zu einem, den Dirigenten eher entlastenden Urteil kommt, ist Wolfgang Ratherts in der edition text+ kritik erschienene Monographie deutlich breiter und neutraler aufgestellt.
Schon in der Einleitung thematisiert der Autor die grundsätzlichen Probleme der Karajan-Biographik. Mehrere, bereits zu Lebzeiten Karajans erschienene Publikationen wurden von ihm abgesegnet, was sie zu nur bedingt zuverlässigen Quellen macht. Der Dirigent hat es meisterhaft verstanden, belastbare Fakten über seine Parteizugehörigkeit bei der NSDAP zu verschleiern, bzw. zu verharmlosen. Rathert behandelt das Problem ergebnisoffen, analysiert die Faktenlage, vermeidet aber Parteinahme. Er setzt die relevanten Jahre in Karajans Karriere in einen breiteren Kontext, wodurch sein Karajan-Bild ein viel breiteres Spektrum erhält.
Beeindruckend ist die umfangreiche Quellenforschung, die der Autor sehr zum Nutzen seines Porträts unternommen hat. Das Buch sprengt tatsächlich den Rahmen der Reihe SOLO im Rahmen der edition text+kritik, der sich im Normalfall auf etwa 150 Seiten beschränkt, aber die Komplexität der Vita Karajans wäre dabei zu kurz gekommen. Wolfgang Rathert gelingt nun auf ca. 300 Seiten eine erfreulich vielschichte und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Stardirigenten.
Den breitesten Raum nimmt die Entwicklung von Karajans fast beispielloser Karriere nach dem zweiten Weltkrieg ein. Vor allem die Strategien der Vermarktung seines Ruhmes werden detailreich geschildert, wie auch sein geschickter Poker um die einzigartige Position bei den Berliner Philharmonikern und der Wiener Staatsoper. Karajan erstrebte und erreichte eine Dominanz in den Medien und in der internationalen Klassikszene, wie sie vor und nach ihm undenkbar war, und die in der Rückschau geradezu monströs erscheint.
So sehr sich der Autor um Objektivität bemüht, gelingt es ihm nicht, besondere Sympathien für Karajan zu wecken. Aber das lag wahrscheinlich auch nicht in seiner Absicht. Was ihm gelang, ist ein gut lesbares, kompaktes Porträt einer widersprüchlichen Persönlichkeit.
Peter Sommeregger, 14. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at