"Der Fliegende Holländer": Eine großartige Besatzung legt an in Hamburg

Staatsoper Hamburg, 13. Februar 2018
Richard Wagner, Der fliegende Holländer

John Lundgren, Holländer
Ingela Brimberg, Senta
Daniel Behle, Erik
Günther Groissböck, Daland
Sergei Ababkin (Mitglied des internationalen Opernstudios), Steuermann
Renate Spingler, Mary
Chor der Hamburgischen Staatsoper
Johannes Fritzsch, Musikalische Leitung
Marco Arturo Marelli, Inszenierung und Bühnenbild
Dagmar Niefind-Marelli,
Kostüme
Eberhart Friedrich, Chor

Zwar nicht genau alle sieben Jahre, aber schon seit über 22 Jahren kehrt Richard Wagners Der fliegende Holländer in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli aus dem Jahr 1996 auf den Spielplan der Staatsoper Hamburg zurück. Doch: So, wie man dem getriebenen, auf den Meeren umherirrenden Holländer die Erlösung wünscht, wünscht man sie auch dieser Inszenierung.

Marellis Werk hat schöne Momente, interessante Ideen und ist insgesamt angenehm zurückhaltend. Dennoch wirken die Umbauten mechanisch und veraltet, das Bühnenbild teils fragil (müssen die Häuser darstellenden Leinwände so schwanken?) und improvisiert (Türen lassen sich nicht richtig schließen, „Geisterhände“ eines Bühnenarbeiters erscheinen und befestigen die Kulisse). So etwas kann natürlich immer passieren – Theater lebt vom live-Moment –, bleibt jedoch störend, wenn es öfters passiert.

Die großen Gewinner an diesem Abend sind ohne Zweifel die Sänger!

Mit John Lundgren in der Rolle des gespenstigen Holländer, Ingela Brimberg in einer der zentralsten Frauenrollen im Wagner’schen Werk – Senta, Günther Groissböck als gefälliger Daland und Daniel Behle als verliebt-verzweifelter Jäger Erik sind vier Topsolisten angeheuert worden, die allesamt überzeugen und diese Wiederaufnahme mit meisterlich aufgelegten Stimmen auf ein hohes Niveau stemmen.

Die schwedische Sopranistin Ingela Brimberg gibt die Senta zunächst in sich gekehrt, unschuldig, der Legende des fremden Mannes auf hoher See hinterher träumend. Die Ballade gelingt ihr ausgesprochen gut, ihr klarer Sopran drückt reinste Sehnsucht aus. Überzeugend gelingt Brimberg auch die Darstellung der charakterlichen Vielschichtigkeit Sentas: Sobald sie dem Holländer begegnet, wenn sich also Ersehntes in Wahrhaftiges umwandelt, wird aus der schwärmenden Tochter eine entschlossene, wenn auch tragische Heldin. Schauspielerisch überzeugend dargestellt und sowohl im Duett mit dem Holländer und Erik als auch solistisch eine Freude. Brava!

Sympathiepunkte sammelt darüber hinaus Daniel Behle als Erik, der im vergangenen Sommer als David in den Die Meistersinger von Nürnberg ein glänzendes Debüt in Bayreuth gab (Regie: Barry Kosky, Leitung: Philippe Jordan). Sein junger Tenor ist flexibel, mit sicherem Sitz in allen Registern und drückt schön nuanciert Eriks ganze Verunsicherung und unerwiderte Liebe für Senta aus.

Der Bass Günther Groissböck ist als Sänger von Wagnerpartien nicht nur von international renommierten Bühnen kaum noch fortzudenken, sondern ist auch in Bayreuth selbst regelmäßig zu sehen. Kein Wunder: mit vertrauter Leichtigkeit sowohl im Spiel als auch im Gesang, kernig und mit klarer Aussprache interpretiert er bravourös den jovialen, selbstgefälligen Daland, der seine Tochter zwar als sein „höchstes Gut“ anpreist, im Tausch einer Heirat Sentas mit dem Holländer gegen dessen Schiffsladung voll Güter jedoch nicht zögert.

Mit seiner imposanten Statur (noch verstärkt durch den bodenlangen, schwarzen Mantel), dem kahlen Schädel und den bleichen Gesichtszügen hat John Lundgren allein optisch die stärkste Bühnenpräsenz, leistet die durchschlagendste Verkörperung einer Rolle an diesem Abend. Seine Auftritte erfolgen in geheimnisvollem Licht, unterlegt vom spannungsgeladenen Pochen der Pauke. Allein das beeindruckte schon und verleiht dem Holländer die passende Aura.

Lundgrens angenehmer, dramatischer Bariton und seine individuelle Interpretation der Partie lassen den Holländer beeindruckend vieldimensioniert erscheinen. Zum Kalten, Harten tritt das Warme, Weiche; zum Geheimnisvollen das Heimelige; zum Irrenden, Verlorenen der Heimat- und Trostsuchende. Den Charakter des Holländers lernt der Zuhörer selbstverständlich auch durch den bei Lundgren immer bestens verständlichen Text kennen, doch es ist die musikalische Umsetzung, die starke charakterliche Interpretation auf stimmlicher Ebene, die Lundgrens Verdienst an diesem Abend besonders ausmacht.

Renate Spingler als Sentas Amme Mary und der junge Sergei Ababkin, Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Hamburg, als Steuermann geben jeweils eine gute Partie, treten aber allein im Verhältnis zu den anderen Rollen weniger in Erscheinung.

Der Chor der Staatsoper unter der Leitung von Eberhard Friedrich liefert musikalisch eine solide Leistung ab und weiß mit guter Spielfreude zu punkten. Trotzdem hakt es unangenehm oft an der genauen Abstimmung zwischen Chor und dem Dirigenten Fritzsch, teils wurde geschleppt und nicht immer sauber artikuliert.

Auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg zeigte schon mal eine überzeugendere Leistung. Größtenteils liefen Szenen klangschön und stimmig phrasiert – die wunderschönen musikalischen Motive des Holländer füllten den Saal. Unsauberes Intonieren der Holzbläser und ungenaue Absprachen zwischen Fritzsch und den Musikern gaben jedoch der Freude immer wieder Dämpfer.

Sei’s drum. Die hervorragenden Sänger, die für diese Wiederaufnahme gewonnen werden konnten, rissen vieles raus, und man wünscht sich, dass sie bald schon wieder in Hamburg anlegen.

Weitere Vorstellungen: 16., 21. + 24. Februar sowie am 2. März 2018; jeweils um 19.30 Uhr.

Ricarda Ott, 14. Februar 2018, für
klassik-begeistert.de

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