Vom Kriegstrauma zum Märchen – Schostakowitsch und Zemlinsky bieten Schwebezustände

10. Philharmonisches Konzert, Dmitri Schostakowitsch, Symphonie Nr. 9 Es-Dur op. 70  Alexander Zemlinsky, Die Seejungfrau  Elbphilharmonie, 26. Juni 2022

Elbphilharmonie, Photo: Hannes Rathjen

Großer Saal der Hamburger Elbphilharmonie, 26. Juni 2022

10. Philharmonisches Konzert

Dmitri Schostakowitsch, Symphonie Nr. 9 Es-Dur op. 70
Alexander Zemlinsky, Die Seejungfrau

 Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
James Conlon, Dirigent

von Dr. Andreas Ströbl

Von der inneren Ausrichtung her diametral entgegengesetzt sind die beiden Kompositionen, die am 26. Juni 2022 im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie erklangen. Das Verbindende ist, wie im Programmheft beschrieben, der jeweilige Schwebezustand. Bei Schostakowitsch ist es einerseits das Taktieren und Balancieren zwischen dem Willen zur Umsetzung der eigenen Kunstauffassung und dem Abschätzen der Gefahren seitens des Stalin-Regimes, andererseits das Einsetzen unterschiedlicher, oft gegensätzlicher Ausdrucksformen, was ein Schweben zwischen den Extremen ausmacht. Für Zemlinsky wird dieser Zustand ebenfalls biographisch und künstlerisch konstatiert, da er, wie die Titelheldin seiner Märchenphantasie, zwischen den Welten wandelte und sich als ausgemachter Spätromantiker nicht dafür entscheiden konnte, sich mit der Moderne zu arrangieren.

Schostakowitsch schrieb seine 9. Symphonie als Auftragswerk zur Feier des sowjetischen Sieges über Nazi-Deutschland. Künstlerisch lastete auf ihm die magische 9-Zahl, die für solche Giganten wie Beethoven, Schubert, Dvořák und Bruckner die symphonische Schaffensgrenze markierte, aber der gesellschaftliche und damit psychische Druck war viel stärker. Stalins Terrorregime hatte sich gerade erst warmgelaufen und die Angst davor bestimmte Leben und Schaffen nahezu aller, auch der hochdekorierten Kulturschaffenden. Julian Barnes hat mit „Der Lärm der Zeit“ 2017 ein eindrückliches Stimmungsbild dieser Zeit gemalt: Jeden Tag konnte jeder in Ungnade fallen und gestandene Mannsbilder sackten in sich zusammen, wenn man ihnen die Frage „Weiß Stalin davon?“ stellte, die nur noch durch die Bemerkung übertroffen wurde: „Stalin weiß davon“.

Die parodistischen, zirkushaften Zerrbilder einer Triumphmusik hatte der Komponist in dieser Symphonie gar nicht erst unter feiner Ironie versteckt, die waren auch für stumpfe Parteifunktionäre nicht zu überhören. Und so beschloss dieses Werk für viele Jahre alle öffentlichen Auftritte Schostakowitschs, denn seine Musik wurde als „formalistisch“ von Stalin höchstselbst verboten.

Tatsächlich gut versteckt aber ist ein Mahler-Zitat, denn im ersten Satz gibt es Anklänge an Kuckucksrufe, die an Gustav Mahlers Lied „Lob des hohen Verstandes“ erinnern und damit an das Urteil eines dummen Esels über den „Gesang“ des Kuckucks als hochwertiger denn das Lied der Nachtigall. Hätte Stalin das kapiert, wären die Folgen für Schostakowitsch katastrophal, ja lebensgefährlich gewesen. Dieser Satz gibt sich harmlos, stellenweise fast spielerisch, wobei fröhliche Anklänge von vornherein aufgesetzt klingen. Bereits hier verdirbt der ironische Duktus das mögliche Siegesgebrüll.

Im zweiten Satz wird ein Klagegesang angestimmt, mit wehmütigen Rückblicken auf wenig glorreiche Jahre mit spürbaren seelischen Narben. Ob nun als politische oder private Äußerung wahrgenommen – diese Musik zieht eine nüchterne Bilanz; die Flöte singt traurige Klänge und vermittelt den Eindruck von Einsamkeit. Die Zähigkeit am Ende gemahnt an endlose Märsche auf der Flucht durch Schnee und Matsch.

Verzweifelt-hysterisch hetzt der dritte Satz voran, der Marsch wird im Tempo angezogen, aber ein erlösendes Ziel ist nicht in Sicht.

Das können auch die Fanfaren im vierten Satz nicht versprechen und wirken in ihrem überzogen militärischen Klang eher sarkastisch. Bläsersignale können auch dazu dienen, die eigenen Leute ins feindliche Feuer zu jagen. Das Fagott hingegen übernimmt wieder eine Klage und kündet von der Allgegenwart des Todes und der Trauer.

Ohne Pause schließt sich der fünfte Satz an, das Fagott bestimmt den Übergang. Bald wird wieder ein Marsch angestimmt, der aber aus der Manege und nicht vom Schlachtfeld des Ruhms schallt. Hölderlins „immer spielt ihr und scherzt“ scheint in diesem schwarzen Humor durchzuklingen, denn das, was hier mit großem Trara gefeiert werden soll, kann nicht freudig begangen werden. Im Krieg gibt es nur Verlierer. Und jede Aufführung einer Schostakowitsch-Symphonie ist auch eine enthusiastische Kritik an der derzeitigen russischen Führung. Stalin und Putin trennen nicht nur ein paar Buchstaben.

James Conlons ernstes, aber hochengagiertes Dirigat und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg entlockten dieser vielschichtigen Musik all die Facetten und Färbungen, die Schostakowitsch hier mehr oder weniger offen ausgebreitet hat. In seinen Kompositionen sind private Aspekte nie von den – zumindest programmatisch – politischen zu trennen, was die Musikerinnen und Musiker sensibel und leidenschaftlich hörbar machten.

Wie ein erholsamer Sprung ins Wasser im zweiten Teil des Konzerts wirkte – bei aller Tragik der Geschichte – Zemlinskys „Seejungfrau“, seine Phantasie für großes Orchester nach dem traurig-romantischen Märchen von Hans Christian Andersen.

Brillante Blechbläser und fulminant tiefe Bässe schufen ein weites Meergemälde mit schäumenden Wellen, auf denen das Sonnenlicht glitzert. Der erste Violinist Daniel Cho ließ seine Geige als Sinnbild des Meermädchens leidenschaftlich seufzen und Conlon durchschwamm mit weiten Zügen den Ozean, den das mit sinnlicher Verve aufspielende Orchester zum Wogen brachte.

Wer einmal auf Capri war, mag während dieses ersten Teils an die in der dortigen Certosa di San Giacomo ausgestellten wildromantischen Gemälde von Karl Wilhelm Diefenbach mit den Meermädchen in den gischtenden Wellen denken, die zwar mehr als hart am Kitsch vorbeischrammen, aber durch ihre hellblaue Frische und Wasserlust bezaubern.

Röhrenglocken, Fanfaren und Tanzrhythmen beschreiben die Welt der Menschen, nach der sich das liebende Geschöpf sehnt wie der Komponist nach der männerverschlingenden Alma Schindler, die bald Alma Mahler heißen sollte. Das brach ihrem ehemaligen Lehrer und Liebhaber Zemlinsky zwar das Herz, aber wahrscheinlich hat er sich dadurch viel Ärger erspart.

Der goldene bis waldgrüne Klang hat, auch durch die Harfen, immer wieder etwas Böhmisches und erinnert in manchen Motiven an Janáček. Das Schwelgerische und Vielfarbige in dieser Musik ist zu sehr symbolistisch verklärt als wirklich in existentielle Abgründe zu blicken und so ist die “Seejungfrau“ ein zauberhaft-zauberischer Genuss mit hinreißend schimmernden Flechtbändern, die Harfen, Violinen und Bratschen weben, bevor sie sanft und einsam entschwimmt.

Ein spannungsreiches Konzert, dessen fabelhafte Umsetzung durch Dirigent und Orchester mit viel Beifall belohnt wurde.

Dr. Andreas Ströbl, 28. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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