Foto: Omer Meir Wellber (c) Rori Palazzo
Richard Wagner Die Walküre
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Chor der Hamburgischen Staatsoper
Omer Meir Wellber Dirigent
Hamburgische Staatsoper, 18. Oktober 2026
von Jörn Schmidt
Sie haben Missstände, Gesetzesverstöße, Korruption oder in sonstiger Weise unethisches Verhalten in Ihrem Unternehmen oder gar in einer Regierungsbehörde erlebt – und wissen noch nicht so ganz, wie Sie damit umgehen sollen? Dann sehen und hören Sie sich Richard Wagners Walküre an, das ist die perfekte Anleitung – zumal, wenn Camilla Nylund singt und Omer Meir Wellber dirigiert. Whistleblowing ist im Grunde ganz einfach: Sie suchen sich einen Komponisten Ihres Vertrauens, vertrauen ihm die Missstände an – und zwei Jahre später ist alles auf großer Bühne spektakulär offengelegt. Der Gesetzgeber steht auch hinter Ihnen, seit dem 31. Mai 2023 gibt es in Deutschland das „Gesetz für einen besseren Schutz hinweisgebender Personen“ (Hinweisgeberschutzgesetz).
Whistleblowing Schritt für Schritt – (1) Erstmal müssen Sie sich Insiderwissen beschaffen. So wie Brünnhilde (Camilla Nylund), sie belauscht Wotans (Derek Welton) großen Monolog im zweiten Aufzug und erkennt sofort kriminelle Machenschaften. Als sie dann noch für Hunding (Ante Jerkunica) zu Lasten Siegmunds (Matthew Newlin) agieren soll, ist ihr Dilemma perfekt. (2) Genau gesagt müssen Sie zwischen Loyalität und Moral entscheiden. Brünnhilde fällt eine ethisch korrekte Entscheidung, sie rettet immerhin Sieglinde (Vida Miknevičiūtė). (3)
Um sich später auf das Hinweisgeberschutzgesetz berufen zu können, müssen Sie Beweise sichern. Brünnhilde stellt sofort Nothung sicher – Siegmunds magisches Schwert oder das, was davon übrigblieb. (4) Ihnen muss klar sein: Erstmal schlägt das korrupte System mit voller Wucht zurück, Brünnhilde wird auf den Walkürefelsen verbannt. Doch die Berufung auf eine höhere Ethik verklingt nicht ungehört. Zwar verliert Wotans Lieblingstochter ihren Götterstatus, wird in einen ziemlichen Schlaf versetzt, um sich herum viel Feuer – doch sollte es einem Helden gelingen, dieses Feuer zu durchbrechen: Dann darf der sie wachküssen. Das ist immerhin eine Perspektive, dem Hinweisgeberschutzgesetz sei Dank.
Camilla Nylund – Am 16. Dezember 2024 hatte ich nach einem Auftritt in Lübeck geschrieben: Camilla Nylund lebt und atmet Richard Strauss. Man kann sie vermutlich nachts wecken, sie wird aus dem Stand ein Strauss-Lied singen und damit zu Tränen rühren. Ihre Stimme ist unverändert frisch und damenhaft, ohne jemals angestrengt zu wirken. Heute kann ich hinzusetzten: Man kann die Nylund desgleichen on short notice – Allison Oakes war erkrankt – nach Hamburg einfliegen lassen und sie singt eine fantastische Brünnhilde. Was über die Jahre an Volumen verloren geht, sich auch in minimal stumpfen Höhen bemerkbar machte, machten lyrische Stimmführung und subtil-dominante Bühnenpräsenz mehr als wett.

Ensemble – Ausnahmslos alle Sänger hatten das für Wagner erforderliche Durchhaltevermögen. Annika Schlicht (Fricka) sang zugleich wohlklingend. Ante Jerkunica auch, was indes nicht so recht zu seiner Rolle als Bösewicht passen wollte. Mathew Newlins Tenor war dunkel gewandet, etwas scharfzüngig formuliert gab er trotz aller Kraft einen ziemlich wehledigen Siegmund. Vielleicht lag das an Vida Miknevičiūtės sehr dominanter Sieglinde? Schließlich, wie Derek Welton zum Feuerzauber überleitete, das war ein ständiger und intelligenter stimmlicher Wechsel zwischen Macht und Mitleid.

Omer Meir Wellber – Überhaupt der Feuerzauber, der zeigt nicht nur kondensiert auf wenige Minuten Wagners Meisterschaft der Orchestrierung, der feinen Verflechtung der Leitmotive. Sondern bietet ein Füllhorn an Möglichkeiten, sich als großer Wagner-Dirigent zu positionieren. Trotzt aller Wucht spürt man magischen Schlummer, das Feuer vermittelt das Ambiente und die Wärme eines Kamins – eben weil Wotans Abschied voll der zauberischen Melancholie ist. Das gelingt so stimmig nur großen Wagner-Maestros. So wie dem Hamburger Generalmusikdirektor.
Jörn Schmidt, 19. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Zwischen den Sätzen 5: Social Media Verbot für Richard Strauss? Elbphilharmoonie, 3. Oktber 2026
Zwischen den Sätzen 4: Programmgestaltung für Nerds Laeiszhalle Hamburg, 20. September 2026