Einführungsmatinee „Titus“: Katleho Mokhoabane weckt große Hoffnung

Einführungsmatinee Neuproduktion La clemenza di Tito, Regie Jan Lauers  Wiener Staatsoper, 22. Februar 2026

Kathleho Mokhoabane © Wiener Staatsoper

Sind Güte und Milde im politischen System von Bedeutung? Dieser Frage stellt sich Regisseur Jan Lauwers bei der Neuproduktion von „La clemenza di Tito“ an der Wiener Staatsoper womöglich nicht. Direktor Bogdan Roščić wirft diese Frage in den Raum, schon zu Beginn der Einführungsmatinee im Vorfeld zur Premiere am 9. März 2026.

von Jürgen Pathy

Für Lauwers steht hingegen fest: Die Opernbühne ist kein Platz für politischen Aktivismus. Den sieht er außerhalb als angebrachter an, zum Beispiel wenn er einer Glasmanufaktur in Palästina einen Auftrag erteilt, über 800 Gläser anzufertigen. Damit wird deutlich: Am tagesaktuellen Politikum führt bei dieser Matinee nichts vorbei – und: Mozarts Oper ist aktueller denn je zuvor. Immerhin handelt die 1791 uraufgeführte Oper von der Milde und Gnade der Herrscher – Tugenden, die man im heutigen politischen Diskurs nur allzu oft vermisst.

Den Auftrag dazu habe Mozart nur wegen seiner finanziellen Schieflage angenommen. Davon ist Bogdan Roščić überzeugt. Secco-Rezitative, Da-capo-Arien und zum Ende eine Huldigung des Herrschers. Ein Weltbild, das Mozart mit dem zuvor komponierten Da Ponte-Zyklus längst gesprengt hatte.

Katleho Mokhoabane singt Titus

Grund genug, um sich eine der noch vorhandenen Karten zu ergattern, ist ein junger Sänger: Der Südafrikaner Katleho Mokhoabane ist im Haus am Ring schon länger bekannt: u.a. 1. Gralsritter („Parsifal“), 1. Priester („Die Zauberflöte“), Kunz Vogelgesang („Die Meistersinger von Nürnberg“). Wirklich bedeutende Rollen hat er bislang nur am Hessischen Staatstheater Wiesbaden erhalten. Dort singt der lyrische Tenor im Ensemble, in Wien war er im Opernstudio der Wiener Staatsoper. Einen kleinen stimmlichen Vorgeschmack auf seinen „Titus“ konnte man sich zu Gemüte ziehen.

Die Stimme ist klar, technisch souverän geführt und in allen Lagen von betörender Klangschönheit. Ein Tenor, wie man ihn für Mozart benötigt. Sollte man in Wien noch auf ein Mozart-Ensemble pochen, ist Mokhoabane ein Kandidat, der weit oben auf der Liste stehen sollte. Warum er noch nicht dort steht, wo er hingehört, kann definitiv nicht am Stimmmaterial liegen.

Regisseur Jan Lauwers gewährt viel Freiheit

Die Freiheiten, die Regisseur Lauwers seinen Akteuren bietet, empfindet Mokhoabane fast ein bisschen „scary“. Lauwers, der in Wien kein Unbekannter ist, setzt bei seinen Regiekonzepten auf viel Freiraum. Fixe, starre vorgegebene Bewegungsabläufe auf der Bühne gibt er nicht vor. Mit dieser ungewöhnlichen Arbeitsweise hätten viele Künstler ihre Probleme. Sein Credo sei, dass er die Sänger grundsätzlich auffordere, sich beim Singen zu bewegen. Nur an der Rampe zu stehen und zu singen darf man bei dieser Premiere somit nicht erwarten.

Die Bilder dürften eher auf Ästhetik ausgelegt sein, mit einem Hang zur Moderne, wie man bereits bei seiner Regie zu Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ sehen durfte – ohne mit dem Finger den Moralapostel zu spielen.

Pablo Heras-Casado am Pult

Dass die Musik nicht zu kurz kommt, dafür wird Pablo Heras-Casado sorgen. Der Spanier, als Spezialist für viele Genres bekannt, hatte in Wien schon erfolgreich den Monteverdi-Zyklus dirigiert. In Bayreuth leitete er Wagners „Parsifal“, 2028 übernimmt er dort den „Ring“.

Auf die Frage, wie Mozart heute klingen müsse, lässt er sich nicht festnageln. Den Wandel der Mozart-Interpretation hatte Bogdan Roščić immer wieder als Diskussionsstoff eingeworfen. Jede Zeit habe ihren Stil. Das betont auch Hanna-Elisabeth Müller, die neben all dem Fokus auf Sujet und Regie eines in den Mittelpunkt stellt: Die Musik sei im Endeffekt das Tragende, so die deutsche Sopranistin, die als Vitellia zu sehen sein wird.

Das Publikum möchte keine Belehrung

Dass Musik im Mittelpunkt stehen müsse und dass Regisseur Lauwers bei seiner Arbeit nicht den moralischen Zeigefinger hebt, ist eine erfreuliche Erkenntnis und Aussage dieser Mittagsmatinee. Immerhin soll eine Opernvorstellung für den Großteil des anwesenden Publikums keine Lehrvorstellung sein. Bei der mittlerweile per Handy durchgeführten Live-Abstimmung zu Fragen, die Bogdan Roščić stellt, ergeben sich folgende Antworten.

Für 77 % soll eine Opernvorstellung „ein sinnliches Erlebnis“ sein. 44 % sehnen sich nach „Unterhaltung“, 17 % sehen die Chance auf „Flucht vor der Realität“. Nur 9 % sehen in einer Opernvorstellung „die Schaubühne als moralische Anstalt“. Ein Stimmungsbild, das man zur Kenntnis nehmen darf.

Jürgen Pathy, 22. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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