Christian Tetzlaff © Giorgia Bertazzi
Heute mögen uns die einst unüberbrückbar scheinenden Gegensätze von Komponisten und deren Anhängerschaft in ihrer Vehemenz kaum nachvollziehbar sein. Dass Wagnerianer und Brahms-Jünger aufeinander losgegangen sind oder Brahms und Bruckner sich gegenseitig das Talent abgesprochen haben, wird landauf-landab zitiert. Sei’s drum, das 6. Symphoniekonzert am 22. März 2026 in der Lübecker Musik- und Kongresshalle erwies ein erneutes Mal, dass der Hamburger und der Oberösterreicher sich sogar einen Konzertsaal teilen können – mit einem hervorragenden Ergebnis!
6. Symphoniekonzert
Johannes Brahms, Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102
Anton Bruckner, Symphonie Nr. 9 d-Moll WAB 109
Tanja Tetzlaff, Violoncello
Christian Tetzlaff, Violine
Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 22. März 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Harmoniesuche als Kompositionsprogramm
Hinlänglich bekannt ist, dass Brahms sein Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester seinem alten Weggefährten, dem Geiger Joseph Joachim, widmete, weil die Freundschaft deutlich abgekühlt war. Die Rechnung ging auf; das Werk gilt als musikalisches Versöhnungsgeschenk.
Man mag in den beiden Solo-Instrumenten zwei Charaktere sehen, die im Dialog miteinander stehen und sich gegenseitig die klingenden Bälle zuwerfen. Das vermitteln in jedem Falle die Geschwister Tanja und Christian Tetzlaff, ein seit früher Kindheit eingespieltes Duo. „Ich glaube, ich hätte mit Tanja auch gespielt, wenn wir nicht Geschwister gewesen wären“, sagte der Geiger einmal über seine Schwester.

Was die beiden schon von der Spielweise her verbindet, ist ein entschiedener, markanter Strich sowie eine völlig pathosfreie und unsentimentale, dennoch tiefempfundene Wiedergabe der Partitur.
GMD Stefan Vladar lässt das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck in bewährt flottem Tempo spielen, was dem oft gehörten Stück ausgesprochen guttut. Der Musikwissenschaftler Walther Siegmund-Schultze hat das zweite Thema des Kopfsatzes einmal als „Versöhnungsversuch“ bezeichnet, den Tanja Tetzlaff auf dem Cello mit Wärme, aber auch aufrichtigem Bekenntnis zu den eigenen Ecken und Kanten wiedergibt. Ihr Bruder meistert virtuos-unaufgeregt und mit hochengagiertem Einsatz die schwierigen Passagen.
Den Beginn des zweiten Satzes hat man schon oft altväterlich-behäbig gehört; davon ist hier keine Spur. Vladars Begriff von „Andante“ ist an dieser Stelle erfrischend zügig, aber über die sanfteren Passagen wird dadurch dennoch nicht hinweggespielt. Das Unisono der Geschwister gestalten die beiden sahnig-geschmeidig.
Lebhaft und frühlingshaft-frisch erklingt der Finalsatz, geprägt von expressiver Kraft und andererseits tänzerischer Leichtigkeit. „War der Freund bisher noch nicht bewegt, jetzt muß er es werden“, um noch einmal Siegmund-Schultze zu zitieren. Trotz des energischen Zugriffs gestaltet der Violinist die ganz feinen, hohen Passagen so delikat, als würde er feine Pflanzenranken musikalisch abbilden.
Die Verbindung von Leichtfüßigkeit, echter Empfindung und der Absage an falsches Sentiment hätte Brahms gerade in dieser Wiedergabe sicher gefallen – angekommen ist diese Interpretation in jedem Falle beim Lübecker Publikum, dessen begeisterter Applaus das Geschwisterpaar zu einer Zugabe nötigt.
Mit sicht- und hörbarer Spielfreude schenken sie den Lübeckern den dritten Satz aus Zoltán Kodálys Duo für Geige und Cello op. 7, dessen Reiz im sprunghaften Miteinander von nervös-angespannter Sprödigkeit und volksmusikalischen Elementen liegt. Das meisterhafte Spiel der beiden wird mit „Bravo“-Rufen belohnt.

Ein nachträgliches „Bravo“ sei Christan Tetzlaff noch entgegengerufen, weil er im vergangenen Jahr eine USA-Tournee aufgrund der von ihm als „Horrorfilm“ bezeichneten politischen Situation absagte. Er war übrigens Meisterschüler des vor wenigen Wochen verstorbenen Violinisten und Hochschullehrers Uwe-Martin Haiberg.
Vernehmbare Ahnung des Endes
„Der Tod wird mir hoffentlich die Feder nicht früher aus der Hand nehmen“, schrieb Anton Bruckner nach Vollendung des dritten Satzes seiner 9. Symphonie noch im Mai 1895 – am 11. Oktober des Folgejahres starb er. Meinte der große Gleichmacher, dass jenes sanfte Ausklingen des Adagios als Abschiedsmusik passender sei als ein wuchtiges Tutti-Finale, als er dem Komponisten die Augen schloß?
Dass der große Komponist am Ende seiner geistigen Kräfte war, vermittelt auch sein im Programmheft abgedruckter letzter datierter Brief vom 7. Okober 1896 an seinen Bruder. Das wiederholte und variierte „Leb wohl wohl wohl… Ignaz, leb lebe wohl!… Leb’webel woll wohl… hochllebwolf!“ erinnert an ein Gedicht von Enst Jandl.
Das, was er vollendet hat, atmet Abschied, Rückblick, Lebensbilanz und Erinnerung an die ausgetragenen Kämpfe. Die Lesart des Werks in Lübeck entspricht ganz dieser Haltung; synästhetisch wahrgenommen ist diese Symphonie in herbstlaub-rotbraunen Farben gemalt.
Vladar sieht „Bruckner 9“ quasi durch die Lupe; sein Dirigat ist vom Beginn des ersten Satzes an gleichzeitig analytisch-exakt und entschieden emotional. Die Struktur der Symphonie wird denkbar transluzid und differenziert herausgearbeitet. Eine nachdenkliche Melancholie durchzieht alles, darüber können auch die hochaufragenden Passagen mit glänzend strahlenden Hörnern nicht hinwegtäuschen.
Äußerst sensibel und präzise von den Holzbläsern eingeleitet und von den Streichern im pointillistischen Pizzicato fortgeführt, erklingt das charakteristische Hämmern des Scherzos unerbittlich; die Satzbezeichnung erscheint wie ironisch gebrochen. Die Lübecker geben die Härte des anklopfenden Todes unmittelbar wieder; das Trio wirkt spukhaft und dämonisch.
Die Lebensherbst-Wehmut wird im dritten Satz wieder deutlich spürbar, aber es gibt auch hoffnungsvolle Ausblicke – ist dies eine optimistische Jenseitsahnung des tiefgläubigen Bruckners? Die Piano-Stellen erklingen hier wirklich sehr leise, alles erscheint bis ins letzte Detail ausgeleuchtet und an feinnervigen Wiedergabemöglichkeiten ausgelotet. Eine ausgiebige Generalpause lässt innehalten, kaum wagt man zu atmen. In fast Mahler-artiger, liebevoller Zartheit verklingt die Musik und eröffnet einen Blick in die Ferne, sanft und friedlich.
Vladar hält lange seinen Taktstock oben und auch nach dem Senken der Arme steht er eine kleine Ewigkeit nur da, wie nach einem stillen Segen. Dann bricht der Beifall los, anhaltend und begeistert.
Dr. Andreas Ströbl, 22. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
30 Jahre Tetzlaff Quartett Kölner Philharmonie, 26. November 2024