Dr. med. Theodor Lierhammer © Look and Learn / Elgar Collection
… „die jederzeit zurückgenommen werden kann“ lehrte Theodor Lierhammer, Bariton und Gesangspädagoge, seinen Schülerinnen und Schülern.
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Das spüren wir auch sprachlich. In einem Bericht von der Wiederaufnahme der „Rusalka“ lesen wir aktiv, dass Nicole Car ihre Spitzentöne aufblühen lässt, doch im Vorsatz steht gewiss unbewusst, die Handelnde etwas in den Hintergrund rückend, dass ihre Stimme an Fülle gewonnen hat.
Wenn von einer Sängerin gesagt wird, dass ihr Mezzo in der Höhe eine stählerne Leuchtkraft von höchster Eindringlichkeit erhält, so wird dieses vielseitige Tätigkeitswort eher empfangen als aufrechterhalten bedeuten.
Wir haben beobachtet und verstanden, dass ein Sänger in kleinen Rollen Größe zeigen konnte, bei heikleren und umfangreicheren Partien jedoch nicht herangezogen wurde. Tenöre, die in der Höhe keine Leichtigkeit und Strahlkraft besitzen, können als Paul in Korngolds „Die tote Stadt“, dadurch dass wir die Tücken der Partie beim Anhören merken, dessen Nöte tiefer nachempfinden lassen.
Wir schrieben über eine Interpretin der Emilia Marty („Der Fall Makropulos“) aus Venedig: „Schärfe in der Stimme war nur vereinzelt dann zu hören, wenn sie sich mit Ausbrüchen an die Grenzen der ihr gegebenen Stimmmittel wagte.“ Und von einem der Baritone: „Er neigte leider ebenfalls zum Forcieren, nur ist von Natur aus sein Material voluminöser.“ Auch wir verwendeten im Ausdruck (siehe kursive Schrift) die weltliche Sprache.
Bei unsrer Erstbegegnung mit einer Sopranistin in einer Wagner-Oper waren unsere Erwartungen durch die Zeitschrift „Das Opernglas“ hoch heraufgeschraubt. Wir wurden enttäuscht, doch waren wir in ihrer nächsten Wagnerpartie von ihrer Interpretation sehr angetan. Es gehört allgemein zu unsren schönsten Schlüsselerlebnissen, bei Menschen plötzlich ungeahnte Qualitäten zu entdecken.
Eine Kollegin rät uns mit dem Ausdruck Stimmwunder vorsichtig umzugehen. Im nächsten Satz jedoch schreibt sie über das Debüt einer amerikanischen Sopranistin: „Diese Konstanze verdient nur die außergewöhnlichste Beschreibung.“ In nächster Nähe zu Wunder steht bezaubern, welcher Ausdruck sehr gern und häufig in Rezensionen zu finden ist. Von gleicher, zumindest ähnlicher und austauschbarer Bedeutung gehört folgende Beschreibung: „Sie riss mit einer glockenhellen Stimme als Ein junger Hirt hin.“
Zum Abschluss möchten wir den Ausspruch Lierhammers (* 1866 in Lwiw/Lemberg, damals zu Österreich gehörend, † 1937 in Wien), der während des Ersten Weltkriegs als Heeresarzt diente, präzisieren. Bei einer Gabe, die zurückgenommen werden kann, handelt es sich nicht um ein Geschenk, sondern um ein Anvertrauen.
Lothar und Sylvia Schweitzer, 31. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
Schweitzers Klassikwelt 155: Chorsängerinnen und -sänger klassik-begeistert.de, 20. Januar 2026