Cyrille Dubois veredelt die vergessene Kunst des französischen Liedes

CD/Blu-ray-Besprechung: So poétique! Cyrille Dubois, Tenor  klassik-begeistert.de, 9. April 2026

CD/Blu-ray-Besprechung:

Diese CD ist ein Muss für jeden Kenner französischer Musik und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schönheit des Unscheinbaren. Schlicht fabelhaft, wie hier der Staub von den Notenblättern gewischt wird und ein funkelnder Schatz zum Vorschein kommt. Ein durchweg beglückendes Erlebnis, das die Ohren öffnet und das Herz wärmt. Sehr hörenswert!

So poétique!

Cyrille Dubois, Tenor

Brussels Philharmonic
Pierre Dumoussaud, musikalische Leitung

Alpha Classics, ALPHA1214

von Dirk Schauß

Es gibt sie, diese seltenen Momente. Eine neue CD beginnt, die ersten Takte erklingen – und plötzlich ist man in einer anderen Welt. Einer Welt voller Wärme, zarter Nuancen und diskreter Schönheit, in der man sich sofort geborgen und zugleich wunderbar lebendig fühlt. Genau dieses Gefühl schenkt das neue Album von Cyrille Dubois. Gemeinsam mit dem Brussels Philharmonic unter der Leitung von Pierre Dumoussaud veredelt der französische Tenor eine Kunst, die viele längst für ein bloßes Salonvergnügen hielten: die große, orchestrale französische Mélodie des 19. Jahrhunderts.

Der Sänger, der sich bereits mit preisgekrönten Ausgrabungen aus der Opéra-Comique einen Namen gemacht hat, begibt sich hier auf das feinste, orchestrale Terrain des französischen Erbes. Das Programm, mit der gewohnten Akribie des Palazzetto Bru Zane zusammengestellt, ist weit mehr als eine Anthologie.

Es ist eine leidenschaftliche Rehabilitierung eines Genres, das zwischen der Wucht der Oper und der Intimität des Klavierliedes viel zu oft übersehen wurde. Vierundzwanzig Preziosen entfalten ein Panorama der französischen Seele – eine Musik der Halbtöne, der diskreten Eleganz und der poetischen Andeutung, die den Hörer sofort in eine gehobene, angenehme Stimmung versetzt.

Cyrille Dubois erweist sich als Idealbesetzung für diese Aufgabe. Er verkörpert den seltenen Typus des Ténor de grâce: kein Heldentenor, der mit Lautstärke dominiert, sondern ein Sänger von außerordentlicher Beweglichkeit, heller Leuchtkraft und exquisiter Diktion. Dubois wählt den Weg der Leichtigkeit und des Geschmacks.

Er kostet jede Silbe aus, lässt Vokale strahlen und Konsonanten präzise funkeln, ohne den musikalischen Fluss je zu stören. Besonders berührend zeigt sich das in rezitativischen Passagen wie Alfred de Mussets „Lucie“, wo Dubois nicht nur singt, sondern wahrhaft erzählt. Er trifft den intimen Ton des Chansons ebenso sicher wie den großen, arienhaften Gestus bei Gounod oder Saint-Saëns. Jedes der vierundzwanzig Stücke erhält eine eigene Farbe und Persönlichkeit – eine beachtliche Leistung bei einer Spielzeit von über einer Stunde.

Die Begleitung durch das Brussels Philharmonic unter Pierre Dumoussaud ist dabei weit mehr als eine schöne Klangkulisse. Die französischen Komponisten dieser Epoche – von Massenet und Fauré über den zu Unrecht vernachlässigten Benjamin Godard und Théodore Dubois bis hin zu selteneren Stimmen wie Fernand de La Tombelle oder Augusta Holmès – nutzten das Orchester als Instrument feinster Stimmungsmalerei. Es geht nicht um wagnerische Klangmassen, sondern um ein filigranes Gewebe aus Holzbläsern, Harfenklängen und seidigen Streichern.

Dumoussaud führt das Orchester mit großer Feinsinnigkeit: Er trägt den Sänger, ohne ihn je zu bedecken, und bewahrt jene Klarheit der französischen Sprache, die bewusst gegen den alles beherrschenden Wagnerismus gesetzt wurde. Die Musik suggeriert, statt zu diktieren. Sie lässt Bilder im Kopf entstehen, ohne laut darauf hinzuweisen.

Besonders reizvoll sind die Entdeckungen abseits der bekannten Pfade. Wer kennt heute noch die zarte „Berceuse pyrénéenne“ von La Tombelle oder die dramatische Kraft einer Augusta Holmès? Das Album bringt wahre Schätze ans Licht – Partituren, die jahrzehntelang nur als Handschriften in den Koffern reisender Stars existierten. In Ambroise Thomas’ „Le soir“ beschwört Dubois die melancholische Abendstimmung mit berührender Intensität herauf, während er in Saint-Saëns’ „Lever de soleil sur le Nil“ die exotische Pracht des Orients mit warmem, klanglichem Schmelz einfängt. Man hört förmlich, mit welchem Vergnügen er gestaltet: vom leisesten Flüstern bis zum strahlenden Forte lotet er die Dynamik aus, immer mit Geschmack und tiefer Durchdringung der Texte.

In einer Musikwelt, die oft das Spektakuläre und die schnelle Wirkung sucht, wirkt diese Aufnahme wie ein kostbares Geschenk. Sie lädt zum Innehalten ein, zum genauen Hinhören auf die feinen Regungen der Stimme und die subtilen Reize der Instrumentierung. Cyrille Dubois und seine Mitstreiter haben hier ein Denkmal für eine verloren geglaubte Epoche errichtet – eine Feier der Kunst der Andeutung, der Zartheit und der poetischen Kraft. Wer sich auf diese Reise einlässt, wird mit Eindrücken beschenkt, die noch lange nachklingen.

Diese CD ist ein Muss für jeden Kenner französischer Musik und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schönheit des Unscheinbaren. Schlicht fabelhaft, wie hier der Staub von den Notenblättern gewischt wird und ein funkelnder Schatz zum Vorschein kommt. Ein durchweg beglückendes Erlebnis, das die Ohren öffnet und das Herz wärmt. Sehr hörenswert!

Dirk Schauß, 9. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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