Dirigentin Laurence Equilbey: „Bach hätte sicherlich Opern schreiben können“

Interview: kb im Gespräch mit Laurence Equilbey, Dirigentin  klassik-begeistert.de, 11. April 2026

Laurence Equilbey © Irmeli Jung

Nach einem Heimspiel im Pariser Konzertsaal La Seine Musicale gewährte Laurence Equilbey Einblicke in ihren Zugang zu Bachs Musik. Die französische Dirigentin hat international Maßstäbe gesetzt, wenn es um Interpretationen auf historischen Instrumenten geht. Für ihre Verdienste erhielt sie in Frankreich zahlreiche Auszeichnungen.

Interview Jürgen Pathy 

klassik-begeistert: Zunächst einmal vielen Dank für Ihre Zeit, Frau Equilbey. Es war mir eine große Freude, Ihren Zugang zu Bachs h-Moll-Messe live in Paris zu erleben. Eines stach dabei besonders hervor: der Chor. Sie arbeiten seit Jahrzehnten intensiv mit Chören. Was macht für Sie einen wirklich außergewöhnlichen Bach-Chor aus? Es nur auf perfekte Intonation herunterzubrechen, wäre zu einfach.

Laurence Equilbey: Der Chor muss über eine ganze Reihe von Fähigkeiten verfügen: ausgezeichnete Beweglichkeit, Artikulation und Textverständlichkeit, besonders wenn auf Deutsch gesungen wird. Vor allem müssen die Sängerinnen in der Lage sein, sich in die Gesamtpolyphonie einzufügen, die bei Bach oft komplex ist, weil jede einzelne Linie interessant ist.

klassik-begeistert: Wie können Sie als Dirigentin darauf Einfluss üben?

Laurence Equilbey: Es ist die Aufgabe des Dirigenten, die Sänger und Sängerinnen zu führen, gleichzeitig müssen diese aber selbst über jenes Gleichgewichtsgefühl verfügen, das Bachs polyphone Schreibweise verlangt. Die Sopran- und Altstimmen sollten eher leicht sein, mit wenig Vibrato, aus stilistischen Gründen. Die Männerstimmen müssen tragfähig sein, aber nicht zu lyrisch, und in der Lage, sich in den hohen Lagen gut einzufügen.

klassik-begeistert: Gerade die Frauenstimmen hatten eine enorme Präsenz – nicht im Sinne von Opernglamour, sondern von Klarheit, Wärme und Leuchtkraft. Haben Frauenstimmen bei Bach für Sie eine besondere Rolle?

Laurence Equilbey: Ja, weil sie oft die Hauptmelodie tragen. In der Barockmusik sollten die „oberen Stimmen“ grundsätzlich zahlreicher vertreten sein als die unteren. Bevorzugt werden in diesem Stil Stimmen, die an Kinderstimmen erinnern: leicht und beweglich, mit vielen hohen Obertönen.

klassik-begeistert: Besonders im „Et incarnatus est“ ist mir viel Zartheit aufgefallen, etwas fast Entrücktes und dennoch mit einer gewissen Mozart’schen Fülle. Sehen Sie in diesen Momenten schon etwas, das später Richtung Mozart weist?

Laurence Equilbey: In beiden Werken gibt es eine besondere kompositorische Sprache, die das unglaublich Magische der Menschwerdung Christi ausdrücken soll. Die Komponisten, besonders Bach und Mozart, suchen ständig nach einer Form von Erhabenheit, um dies darzustellen; sie suchen nach einer Sprache, die neuartig, transparent und schwerelos ist.

Laurence Equilbey © Julien Benhamou

klassik-begeistert: Sie haben 2012 mit dem Insula Orchestra Ihr eigenes Orchester gegründet – als Frau in einer Welt, die lange stark männlich dominiert war. Mussten Sie dafür härter kämpfen als viele Ihrer männlichen Kollegen?

Laurence Equilbey: Ja, aber das ist nicht der Grund, warum ich mein Orchester gegründet habe. Beim Insula Orchestra ging es mir darum, ein Orchester zu haben, das auf historischen Instrumenten spielt. Wenn es aber um die Welt der Symphonieorchester geht, stimmt es sicher, dass ich am Beginn meiner Karriere weniger Möglichkeiten hatte als viele meiner männlichen Kollegen auf demselben Niveau.

klassik-begeistert: Damit greifen Sie schon ein Stück auf meine nächste Frage vor: Was hat Sie damals an diesem Weg gereizt, ein Orchester zu gründen, das auf historischen Instrumenten spielt? Sie hätten auch mit Orchestern auf „modernen“ Instrumenten arbeiten können.

Laurence Equilbey: Ich bin ein großer Fan des historisch informierten Ansatzes. Meiner Ansicht nach ist er entscheidend, um den Farben und dem Gleichgewicht einer Partitur näherzukommen. Sich der ursprünglichen Inspiration eines Werkes anzunähern, lässt es unglaublich modern erscheinen und mit unserer Zeit in Resonanz treten.

klassik-begeistert: Viele Menschen verbinden historische Instrumente automatisch mit einem kleineren, schlankeren Klang. In Paris hatte man jedoch nie das Gefühl, dass etwas fehlt – ganz im Gegenteil: Der Klang war voll, farbenreich und sehr körperlich. Worin liegt das Geheimnis?

Laurence Equilbey: Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis, weil zu Beginn der Barockbewegung viele Ensembles mit kleinen Besetzungen gespielt haben. Heute wissen wir, dass das Publikum der Klassik und der Vorklassik sehr wohl große Klangfülle mochte, wenn die Musik es verlangte. Deshalb realisieren wir mit Harmonia Mundi auch das Projekt „Beethoven Extended“ und nehmen die Symphonien mit doppelter Orchesterbesetzung auf, wie es zu Beethovens Zeiten üblich war.

Über die Frage der Instrumentierung hinaus spielt auch die Verschmelzung von Holz- und Blechbläsern eine wichtige Rolle. Gerade diese Mischung der Klangfarben sorgt im entscheidenden Moment für große klangliche Kraft, wie bei einer großen Orgel mit vielen Registern. Viele Farben innerhalb einer einzigen Klangschicht.

klassik-begeistert: Ihre Interpretation von Bachs h-Moll-Messe wirkte fast wie Musiktheater ohne Bühne – sehr direkt, sehr entrückt und stellenweise fast opernhaft. Ist Bach für Sie auch immer ein Stück Theater?

Laurence Equilbey: Ja, Bachs Musik hat sehr oft eine theatralische Qualität. Die Passionen sind dafür ein gutes Beispiel, mit Figuren, die durch die Musik sehr lebendig gezeichnet werden. Genau deshalb haben manche Künstler sie auch immer wieder auf die Bühne gebracht. Bach hätte sicherlich Opern schreiben können.

Gleichzeitig spürt man in seinem Werk auch den Einfluss italienischer Madrigale, mit vielen bedeutungsvollen musikalischen Figuren, die ihre eigene Theatralik entwickeln, darunter auch rhetorische Figuren, die unglaubliche Klangwirkungen erzeugen. Es gibt aber auch ganz abstrakte Formen, die etwas Überirdisches haben. Gerade diese geschickte Mischung verleiht besonders der h-Moll-Messe ihre ganze spirituelle Tiefe.

klassik-begeistert: Sie haben in Wien studiert und unter anderem mit Nikolaus Harnoncourt gearbeitet. Hat gerade diese Wiener Schule Ihren Zugang zu Bach geprägt?

Laurence Equilbey: Ja, Harnoncourt hat sicherlich den theatralischen Aspekt der Werke generell betont. Er hatte immer viele Ideen, um Figuren und Situationen lebendig werden zu lassen. Gleichzeitig konnte er sich aber auch von rein poetischen Momenten inspirieren lassen, weit entfernt von einer rein menschlichen Darstellung.

Was ich daraus mitgenommen habe, ist dieses Wechselspiel zwischen sehr irdischen Momenten, die aus der Menschheitsgeschichte stammen, und anderen, die völlig zeitlos sind. Gerade dieses Kaleidoskop an Emotionen macht Bachs Musik, glaube ich, so faszinierend in der Interpretation.

klassik-begeistert: Zum Abschluss vielleicht eine einfache, aber wichtige Frage: Wenn Sie Menschen, die Bachs h-Moll-Messe zum ersten Mal hören, nur eine Sache mitgeben könnten – worauf sollten sie besonders achten?

Laurence Equilbey: Ich würde ihnen raten, auf das Herzstück des Werkes zu hören, das im Credo liegt: das Triptychon aus „Et incarnatus est“ „Crucifixus“ und „Et resurrexit“. Dramatisch gesehen ist das unglaublich. Das „Et incarnatus est“ ist vollkommen schwerelos, wie eine Feder, die vom Himmel herabschwebt. Das „Crucifixus“ ist eine sehr harte, bittere Trauer-Chaconne. Und das „Et resurrexit“ ist die Erlösung nach all diesen Emotionen. Die Freude kehrt zurück.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 11. April 2026
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

h-Moll Messe, J.S. Bach, Laurence Equilbey, Dirigentin La Seine Musicale, Paris, 26. März 2026

Joseph Haydn, Die Schöpfung, Insula orchestra, accentus, Sunhae Im, Martin Mitterrutzner, Daniel Schmutzhard, Laurence Equilbey, La Fura dels Baus, Elbphilharmonie

CD/DVD-Besprechung, The Freischütz Project, Insula Orchestra, Laurence Equilbey klassik-begeistert.de

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