Daniel Harding bleibt bei Brahms auf der Strecke

Igor Levit, Brahms und Elgar  Alte Oper Frankfurt, 18. April 2026

Daniel Harding © Kia Pasqualini (Accademia Nazionale di Santa Cecilia)

Es gibt Abende in der Alten Oper, an denen man sich fragt, ob man versehentlich im Proberaum eines homöopathischen Instituts gelandet ist statt in einem der bedeutendsten Konzertsäle Europas. Was sich am 18. April 2026 in Frankfurt abspielte, war keine Interpretation von Johannes Brahms’ erstem Klavierkonzert, sondern dessen chirurgische Entkernung.

Johannes Brahms
Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15

Edward Elgar

Enigma-Variationen op. 36

Igor Levit, Klavier

Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia
Daniel Harding, musikalische Leitung

Alte Oper Frankfurt, 18. April 2026

von Dirk Schauß

Dass das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia zu den herausragenden Ensembles Italiens zählt, blieb an diesem Abend eine bloße Information aus dem Programmheft. Unter Daniel Harding wurde das Orchester bei Johannes Brahms in eine Zwangsjacke aus Askese und radikalem Dynamikverzicht gezwängt – eine Darbietung, die fast schon wie Sabotage eines Monumentalwerks wirkte.

Wer Brahms’ d-Moll-Konzert programmiert, weiß, worauf er sich einlässt: ein Werk des jungen Sturm und Drang, ein orchestrales Schlachtschiff, das im Maestoso mit Paukenschlägen und Trillern eine Welt aus den Angeln hebt. Harding jedoch lieferte eine nachbarschaftsfreundliche Absichtserklärung. Die Sforzati, die eigentlich durch Mark und Bein fahren sollten, kamen so harmlos daher, dass man fast Mitleid mit den Notenständern bekam. Das orchestrale Furioso verkam zu einem gezügelten Geplänkel. Permanent bremste der Dirigent seine Musiker aus, als fürchtete er, die Akustik der Alten Oper könnte oberhalb des Mezzoforte Schaden nehmen. Heraus kam ein entkernter, weichgespülter Klang ohne Sonorität und rhythmische Schärfe – ein Brahms ohne Rückgrat, eine spröde Verweigerung jeglicher Leidenschaft.

In dieser orchestralen Ödnis wirkte Igor Levit zu Beginn seltsam verloren. Sein Einstieg war von einer deutlichen Nüchternheit geprägt: metronomisch, beiläufig, eher so als wollte er das Elend schnell hinter sich bringen. Erst beim Es-Dur-Seitenthema fand er zu seinen eigentlichen Stärken – einer leisen, nuancenreichen Dynamik von großer Zartheit.

Igor Levit © Peter Rigaud c.o Shotview Artists

Besonders im Adagio gelang ihm diese freiere, poetische Gestaltung am überzeugendsten. Doch auch hier behinderte Hardings überreguliertes Dirigat mehr, als es trug. Wenn der Solist die Zeit anhalten will, der Dirigent aber nur darauf bedacht ist, jede Lautstärke unter den Teppich zu kehren, entsteht kein Dialog, sondern ein Missverständnis. Das abschließende Rondo wurde zwar sauber exekutiert, doch durch die permanente dynamische Drosselung fehlte jeder zündende Funke. Dennoch war das Publikum am Ende zufrieden, spendete reichlich Applaus – offenbar vor allem für Levits individuelle Brillanz und erhielt eine Zugabe.

Nach der Pause folgten Edward Elgars Enigma-Variationen. Hier durfte das Orchester etwas freier atmen und glänzte in einzelnen Solobeiträgen. Dennoch blieb der Eindruck eines manischen Kontrolleurs am Pult bestehen. Harding setzte auf nahtlose Übergänge, was dem Zyklus zwar Fluss verlieh, die markanten Charakterköpfe der Variationen aber nivellierte. Die neunte Variation, Nimrod – eigentlich das emotionale Herzstück mit ihrem großen Bogen von tiefer Einkehr zum gewaltigen Aufbrausen –, blieb eine bloße Behauptung. Die Steigerung fehlte, das Orchester blieb an der kurzen Leine. Ein Jammer, wenn ein Dirigent die Wucht solcher Momente durch übermäßige Kontrolle im Keim erstickt.

Einzig die Romanza vermochte wirklich zu fesseln: Die Pauke spielte das Geräusch eines fernen Schiffsmotors so realistisch und fein abgestuft, dass man für einen Augenblick die Welt vergaß. Das folgende Crescendo war überraschend deutlich – ein seltener Ausbruch an diesem Abend. Die Ernüchterung kam jedoch im Finale. Ein Werk, das mit solcher Pracht endet, braucht die vorgeschriebene Orgel. Dass sie fehlte, war der letzte Dämpfer einer ohnehin stark beherrschten Darbietung.

Die Zugaben – eine Orchester-Canzone und eine Wiederholung von Nimrod – unterstrichen das Bild: schöne, kultivierte Musik auf Nummer sicher, aber ohne Wagnis und ohne Folgen. In Brahms und Elgar stecken Abgründe und Gipfelstürme, die an diesem Abend einer falsch verstandenen Disziplin zum Opfer fielen. Für ein Kennerpublikum ist eine solche Verweigerung von Leidenschaft und Klanggewalt schlicht unbefriedigend.

Es bleibt die Hoffnung, dass Daniel Harding beim nächsten Mal den Mut aufbringt, sein Orchester einfach einmal spielen zu lassen. Luft nach oben gibt es reichlich.

Dirk Schauß, 19. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Harding, Trifonov, Brahms und Dvořák Isarphilharmonie München, 18. März 2026

Daniil Trifonov, Klavier, Orchestra S. Cecilia, Daniel Harding, Dirigent Musikverein, 17. März 2026

Wiener Philharmoniker, Daniel Harding, Dirigent Elbphilharmonie, Hamburg, 20. Januar 2026

Ein Kommentar zu „Igor Levit, Brahms und Elgar
Alte Oper Frankfurt, 18. April 2026“

  1. Meine erste Erfahrung mit Daniel Harding war im Sommer 2006 in Salzburg, als er „Don Giovanni“ dirigierte – d.h. er stand vor dem Orchester und „fuchtelte mit dem … Taktstock“. Ein musikbewanderter Freund, der diese Vorstellung auch besuchte, sagte mir nachher in Punkto Harding: Don’t send a boy to do a man’s work!
    Seit damals habe ich Harding gemieden. Er wirkte damals völlig unbeholfen und überfordert. Jetzt versucht ein den anderen seinen Willen aufzuzwingen. Ich habe ihn seit dem Sommer 2006 gemieden, wie man sieht zurecht! Manch einer lernt einfach nie …

    Sheryl Cupps

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