Mozart trifft auf Zemlinsky – und Lübeck erlebt ein überragendes Konzert

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, 7. Symphoniekonzert   Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 3. Mai 2026

Stefan Vladar und Orchester; Photo Andreas Ströbl

Erneut präsentierten die Lübecker ein Symphoniekonzert in spannungsreicher Gegenüberstellung, zudem mit hochkarätiger solistischer Besetzung. Und wer „nur“ wegen Zemlinskys Lyrischer Symphonie gekommen war, wurde am 3. Mai 2026 in der Musik- und Kongresshalle durch einen wunderbar frischen Mozart überrascht.

7. Symphoniekonzert 

Wolfgang Amadeus Mozart, Symphonie Nr. 36 C-Dur KV 425, „Linzer“
Alexander Zemlinsky, Lyrische Symphonie in sieben Gesängen

Adrienn Miksch, Sopran
Bo Skovhus, Bariton

Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 3. Mai 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Mozart mit Maienlust

„In der Linzer Symphonie arbeitet Mozart weit mehr melodisch als motivisch“, erklärte der Dirigent Ivor Bolton einmal, und in der Tat durchströmt die „Linzer Symphonie“ KV 425 in der optimistischen Tonart C-Dur eine flüssige Natürlichkeit, mit einem „großartigen Gespür für Melodie“, um Bolton nochmals zu zitieren.

Ein sichtlich gutgelaunter GMD Stefan Vladar und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck spielen die Symphonie mit lebensfrohem Tempo und mitreißender Frühlingsfrische. Gerade die ungewöhnlich langsame Einleitung des Kopfsatzes scheint die Lübecker anzuspornen, rasch in eine ansteckende Lebhaftigkeit zu wechseln. Der Satz besticht durch Spannungsbögen zwischen heroischem Duktus und einer ungezwungenen Leichtigkeit.

Im beschaulicheren Andante herrscht eine pastoral anmutende Zurückgenommenheit vor, der Satz ist einerseits streckenweise liedhaft-idyllisch, hat aber auch deutlich ernsthafte Aspekte. So changiert er zwischen unangestrengter Anmut und stolz-selbstbewusster Haltung.

Tänzerisch beschwingt ist das folgende Menuett, das in liebenswerter Einfachheit mit Ländlermotiven spielt. Man denkt an bukolische Szenen mit Schäferinnen und jungen Burschen, wie sie im Rokoko beliebt waren. Da beschwor man die Natürlichkeit des Landlebens, war aber ganz froh, sich selber die Hände nicht unnötig schmutzig machen zu müssen.

Munter und von klingendem Maiengrün umkränzt ist der Finalsatz, Vladar scheint hier eine spritzige Waldmeisterbowle in der Partitur entdeckt zu haben. Trotz der energisch-kräftigen Passagen verlieren die Lübecker nie den optimistischen Grundton. Das springt über und beim Applaus gibt es erste „Bravo“-Rufe.

Rauschhaft betörender Zemlinsky

In der Verbindung des Lyrischen mit dem Symphonischen ähnelt Alexander von Zemlinskys Werk in sieben Gesängen für – erfreulich – großes Orchester tatsächlich Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, das 1908 entstand. Über die rund 15 Jahre später komponierte „Lyrische Symphonie“ schrieb Rudolf Hoffmann 1924: „Es gibt viele Lieder von der Erde. Auch dieses ist eines. Seine geistige Zugehörigkeit zu Mahler ist so unbestreitbar, wie die eigene Persönlichkeit Zemlinskys, die ihm das unverkennbare und bedeutsame Gepräge gibt.“

Die Verwendung asiatischer Gedichte nebst Verwendung eines leicht exotisierenden Klang-Kolorits zum Schaffen eines dann doch umso persönlicheren Werks ist beiden Zyklen eigen. Zemlinsky nutzte die Texte des bengalischen Universalgenies und Literatur-Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore, auch um die Spätfolgen seiner unglücklichen Liebe zu Alma Schindler, später Mahler, zu verarbeiten.

Stefan Vladar, Bo Skovhus, Adrienn Miksch und Orchester; Photo Andreas Ströbl

Ergebnis ist ein rauschhaftes Werk von prachtvoller Opulenz und einer Klangfarbigkeit, die an symbolistische Gemälde erinnert, in all dem Schillern, Flirren, Strahlen und einer magisch anziehenden Tiefe der Empfindung. Geheimnisvoll ist diese Musik, von goldglänzender Größe in verschwendungssüchtiger Instrumentierung. Aber es gibt eine klare Struktur: „Die innere Zusammengehörigkeit der sieben Gesänge mit ihren Vor- und Zwischenspielen, die alle ein und denselben tiefernsten, leidenschaftlichen Grundton haben, muß bei richtiger Erfassung und Ausführung einwandfrei zur Geltung kommen“, so der Komponist.

In einem Dialog der beiden Geschlechter, hier im Sopran von Adrienn Miksch und dem Bariton von Bo Skovhus, erhebt sich die alte Mär von Lieben, Sehnen, Miteinander und Auseinandergehen. Die beiden Solisten haben gerade mal einen halben Tag zuvor, ebenfalls unter Leitung von Stefan Vladar, in Alban Bergs „Wozzeck“ (Regie KS Brigitte Fassbaender) brilliert (https://klassik-begeistert.de/alban-berg-wozzeck-brigitte-fassbaender-inszenierung-theater-luebeck-25-april-2026-premiere/) und stehen nun schon wieder gemeinsam auf der Bühne.

Adrienn Miksch schafft es mühelos, leuchtend und kraftvoll gegen das große Orchester anzukommen, Bo Skovhus besticht in seiner virilen Fülle vor allem in den mittleren bis hohen Lagen. Beide singen ausgesprochen unprätentiös, fernab von jeglichem Pathos und absolut glaubhaft in all den emotionalen Facetten der wundervollen Texte mit all ihrer Metaphorik und Bildstärke.

Unter einem hochengagierten Dirigenten geben die Musikerinnen und Musiker die phantastische Partitur ebenso wuchtig-leidenschaftlich, wie zauberhaft-tiefgründig wieder. Feine Linien zeichnet der Erste Geiger Khristian Artamonov, die Blechbläser sorgen für üppige Klangmonumente.

Hat den sensiblen Hörer schon zu Beginn ein Gänsehautschauer nach dem anderen den ganzen Leib überzogen, so enthebt das transzendent in ein Hoffen auf ein jenseitiges Miteinander leuchtende Finale endgültig diejenigen, die Ohren haben zu hören und über Herzen verfügen, die mitempfinden, in eine selige Sinnlichkeit durch eine betörende Macht von farben-berstendem Klang.

Zahlreiche „Bravos“ und ein langer, begeisterter Beifall zeigen, dass sich viele der soghaften Kraft des Werks nicht entziehen konnten. Ein überragendes Konzert!

Dr. Andreas Ströbl, 3. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ebendies ist am Montag, dem 4. Mai, um 19.30 Uhr am selben Ort nochmal zu hören.

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Con voce festiva: Werke aus Früh- und Hochbarock Europäisches Hansemuseum, Burgkloster, Lübeck, 16. April 2026

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