„Das Publikum konnte sich, nachdem der letzte Ton verklungen war, gar nicht mehr beruhigen – fast wie bei einem Popkonzert gab es Jubelschreie und natürlich standen alle 2100 Leute losgerissen aus ihren Stühlen – irre!“
Utopia mit Vilde Frang und Teodor Currentzis; Foto Patrik Klein
Selbst bei einem Werk wie Alban Bergs Konzert für Violine und Orchester „Dem Andenken eines Engels“ gelingt es Teodor Currentzis mit seinem Orchester Utopia und einem Weltstar an der Geige, Vilde Frang, dem Saal Beifallsstürme zu entlocken, die man hier nur selten erlebt – Man fragt sich immer wieder: Was macht dieser schwarz gekleidete Sonderling als Dirigent da eigentlich und wodurch unterscheidet sich die musikalische Ausdruckskraft von der anderer Top Dirigenten – der Versuch einer Antwort.
Utopia
Vilde Frang, Violine
Dirigent: Teodor Currentzis
Elbphilharmonie Hamburg, 12. Mai 2026
von Patrik Klein
Wow – hat man den „Titan“ jemals so gehört?!
Currentzis war bereits oft Gast in der Elphi, sei es mit seinem russischen Orchester aus Perm bzw. Sankt Petersburg, mit dem SWR Sinfonie Orchester oder in den letzten Jahren mit dem Festivalorchester à la Bayreuth, das er schlicht Utopia nennt, einem zusammengestellten Projektorchester mit Spitzenmusikern aus ganz Europa.
Die Musiker unterschreiben einen Projektvertrag und gehen mit dem ausgewählten und einstudierten Programm europaweit auf Tournee. Intensive Probenarbeit auf Augenhöhe soll es geben, wobei der Maestro dafür bekannt ist, dass lange Probentage inkludiert sind, bis die gewünschte Konzertreife erreicht zu sein scheint. Tarifvertragsgeplänkel mit Pausenreglungen und Dienstzeitüberschreitungsverboten sind dabei unbekannt. Das hat den Vorteil, dass alle Musiker bei der Sache sind, oder sogar weit darüber hinaus. Höchste Motivation und Spielfreude sind das Resultat.
Man mag ja über Teodor Currentzis musikwissenschaftlich kontrovers diskutieren und eine kritische Einstellung in sich tragen. Mit seiner musikalischen Interpretation zu berühren, das kann er wie kaum ein anderer.
Im gestrigen Konzert in der bereits seit dem Vorverkauf vor beinahe einem Jahr restlos ausverkauften Elbphilharmonie berührte er mit seinen Mitstreitern erneut und teilweise flippten die Zuhörer regelrecht aus. Unglaublich?
Wichtige Solistin war zudem die atemberaubende Vilde Frang in Bergs Violinkonzert und zusätzlich im zweiten Teil als Konzertmeisterin bei Mahlers Erster Sinfonie. Das muss man auch erst einmal schaffen, eine Künstlerin dieses Kalibers als „erste Geigerin“ einer Sinfonie zu gewinnen und „seine Machart“ zu unterstützen.
Des Engels Andenken geriet im ersten Teil des Konzerts zu einer Hommage an Manon Gropius mit feinstem Soloviolinenklang und Streicherstelldichein, als die rund 30 Streicher bei Violinen und Bratschen zu diesem musikalischen Höhepunkt aufstanden und mit eindringlichster Emphase der früh verstorbenen Person huldigten.
Die zwei Sätze beschreiben musikalisch das Leben des Mädchens sowie ihr Leiden, ihren Tod und ihre anschließende Verklärung. Berg vereinte die von Arnold Schönberg entwickelte, oft als mathematisch-kalt kritisierte Zwölftontechnik mit traditioneller, emotionaler Tonalität. Dabei ist die Reihe so konstruiert, dass sie traditionelle Dur- und Moll-Dreiklänge sowie am Ende eine Ganztonleiter beinhaltet. Dies ermöglichte Berg den fließenden Wechsel zwischen Moderne und Romantik. Im zweiten Satz integrierte Berg den J.S. Bach Choral „Es ist genug“. Die Tonfolge des Chorals deckte sich damit perfekt mit dem Ende von Bergs Zwölftonreihe.

Im Zentrum von Currentzis Interpretation stand ganz klar die Geigerin Vilde Frang, für die er sogar auf sein Dirigentenpodium verzichtete und sich mit ihr in nächster Nähe agierend positionierte und offensichtlich gemeinsam mit hörbaren rhythmischen Fußtritten durch die Partitur fegte. Vilde Frang hatte den größtmöglichen Freiraum, um ihr Instrument und ihre Kunst ins Zentrum zu stellen. Für mich unglaublich, wie ihre Geige, wahrscheinlich ein Exemplar von Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1734, die sogenannte „Rode“-Guarneri im Saal stand wie eine „Eins“, mit ungeheurer Kraft und Schönheit im Klang. Als es dann zum Ende hin die Streicher von den Stühlen bewegte, kam der emotionale Ausdruck zu einem Glanzpunkt des Abends, dessen Wirkung man nicht entgehen konnte. Berührt von Alban Bergs Violinkonzert, wer hätte das gedacht?
In der Pause wurde fleißig umgebaut für das beinahe 100 Musiker zählende Utopia Orchester. Beinahe alle Stühle wurden entfernt, nur die Cellisten durften auf leicht erhöhten Podien sitzen. Die übrigen Musiker hatten frei zu stehen und sich frei zu bewegen.
Darf man sich zu recht fragen, was das soll und was das bringen kann? Sicher eines der Geheimnisse von Teodor Currentzis, dessen Dirigentenpodium nun endlich stand. Vielleicht befreit es aus fest eingefahrenen Gleisen, macht locker und erfordert noch höhere Konzentration von den Mitwirkenden.
Genau diese beinahe 100 Musiker waren dann auch voll dabei bei des Meisters von mir bis dato nie gehörten Tempovariationen, Dynamikneujustierungen und ungewöhnlichen Akzentsetzungen. Sie folgten mit absoluter Präzision, ungeheurer Amplitude und phasenweise atemberaubenden Klangbild seinen taktstocklosen, ganzkörperbetonten Anweisungen und Impulsen als wären sie ein gemeinsames hochkomplexes lebensnotwendiges Organ. Man hatte zudem den Eindruck, dass die Spielfreude aller auf einer Skala von 1 bis 10 bei mehr als 12 lag.
Ja, so hatte ich sie noch nie gehört, Gustav Mahlers Tondichtung in Sinfonieform, die 1893 hier (am Millerntor) in nur wenigen Hundert Metern uraufgeführt wurde – wie Gustav Mahler wohl gestern reagiert hätte?

Das Publikum konnte sich, nachdem der letzte Ton verklungen war, gar nicht mehr beruhigen – fast wie bei einem Popkonzert gab es Jubelschreie und natürlich standen alle 2100 Leute losgerissen aus ihren Stühlen – irre!
Patrik Klein, 13. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg, 12. Mai 2026
Utopia
Vilde Frang, Violine
Teodor Currentzis, Dirigent
Alban Berg
Konzert für Violine und Orchester »Dem Andenken eines Engels«
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 1 D-Dur

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!
Vilde Frang Violine, London Symphony Orchestra, Sir Antonio Pappano Musikverein Wien, 27. April 2026
Utopia Ensemble, Teodor Currentzis Philharmonie Berlin, 10. April 2025
Jean-Philippe Rameau, Castor et Pollux, Teodor Currentzis, Conductor Palais Garnier, 1. Februar 2025
UTOPIA, Dirigent TEODOR CURRENTZIS Laeiszhalle, Hamburg, 5. Oktober 2022