Foto: Prof. Fredrik Schwenk © Festival junger Künstler Bayreuth
Das Festival junger Künstler Bayreuth – die „Tochter“ der Richard-Wagner-Festspiele – steht im Jubiläumsjahr im Einklang mit dem Festspielhaus.
Studierende der Musikstudiengänge aus verschiedenen Kulturkreisen treffen sich dieses Jahr in Bayreuth unter dem Motto RE:SONANZ, was „Zuhören, Antworten und Mitschwingen“ bedeutet. Dadurch sollen nicht nur künstlerische Inspirationen, sondern auch Vertrauen, Dialog und Friedensperspektiven entstehen. Das Programm umfasst vier große Projekte, darunter zwei in Zusammenarbeit mit den Bayreuther Festspielen. Über die Details spricht der künstlerische Leiter des Festivals, Prof. Fredrik Schwenk.
von Jolanta Łada-Zielke
klassik-begeistert: Das Wortspiel RE:SONANZ und die Begriffe „Mithören“ und „Mitschwingen“ kann man auf unterschiedliche Weise verstehen. Was ist die Hauptbedeutung dahinter?
Prof. Fredrik Schwenk: Mit RE:SONANZ geht es uns vor allem darum, das Festival als Kommunikator für verschiedenste gesellschaftliche Gruppen sichtbar zu machen. Deshalb realisieren wir dieses Jahr ein Projekt mit dem Türkischen Jugendorchester, um den türkischen und syrischen Bevölkerungsanteil zu erreichen. Dieser ist in Oberfranken – und speziell in Bayreuth – ziemlich groß, kulturell aber noch nicht stark in die Stadt eingebunden. Wir wollen in diese Bevölkerungsgruppe in der Region, zumindest aber in Bayreuth, hineinstrahlen. Ebenso soll es zu einer Begegnung der Festivalteilnehmer mit der hiesigen Jugend türkischer und syrischer Herkunft kommen.
klassik-begeistert: Resonanz verbindet Physik, Musik und Psychologie miteinander. Man sagt beispielsweise, dass bestimmte Personen miteinander „resonieren“. Wird man diese Assoziationen im Programm des Festivals wiederfinden?
Prof. Fredrik Schwenk: In diesem Jahr steht das 150. Jubiläum des Festspielhauses im Mittelpunkt. Wir setzen zwei Projekte um, die unserem Leitmotiv entsprechen und sich an unterschiedliche Zielgruppen richten.

Das erste realisieren wir zusammen mit Richard Wagners Ururenkel Antoine Wagner-Pasquier, der Videokünstler ist. Unsere Kompositionsstudierenden schreiben bereits Musikstücke für seine Installation. Dies soll ein Dialog zwischen zeitgenössischer bildender Kunst – der Videokunst – und aktueller Musik sein, den wir im Rahmen einer Vernissage präsentieren werden. Die komponierten Werke sind für zwei Klaviere bestimmt und beziehen somit das Steingraeber-Haus mit ein.
Dadurch möchten wir auch die Aufmerksamkeit des Festspielpublikums auf uns lenken.
klassik-begeistert: Steht das zweite Projekt stärker mit der Tradition der Bayreuther Festspiele in Resonanz?
Prof. Fredrik Schwenk: Das zweite Projekt richtet sich an die kleinen Teilnehmer: Wir bauen ein eigenes „Festspielhaus“ für sie. Dafür konnten wir Angela Merl gewinnen, die Leiterin des Jungen Theaters am Theater Münster und eine der bekanntesten und renommiertesten Theaterpädagoginnen in Deutschland. Sie wird gemeinsam mit Kindern erarbeiten, wie man ein Festspielhaus bauen und was darin stattfinden könnte. Dabei lernen die Teilnehmer im Alter von acht bis vierzehn Jahren ganz grundlegend, was Kultur ist.
Wir haben nämlich den Eindruck, dass immer mehr Kinder und Jugendliche aus kulturfremden Familien kommen und in der Schule dieses „Know-how“ nicht mehr vermittelt bekommen. Ich habe beispielsweise zufällig erfahren, dass man in Pinneberg das Musikprofil abgeschafft hat. Wenn die Jugend weder in der Schule noch zu Hause erfährt, dass es so etwas wie Oper, Ausstellungen, Theater, Kleinkunst oder Kabarett gibt, könnte man in zwanzig Jahren alle Opernhäuser in Deutschland zusperren, weil sie niemand mehr besuchen wird. Deswegen brauchen wir solche Edukationsprojekte wie den Bau unseres „Festspielhauses“. Parallel zu dem großen Haus bauen wir ein kleines – und das machen wir nicht erst zur eigentlichen Festspielzeit, sondern bereits während der Eröffnungsphase der Bayreuther Festspiele.
klassik-begeistert: Wie stimmt ihr die Termine eurer Veranstaltungen mit den Opernaufführungen auf dem Grünen Hügel ab?
Prof. Fredrik Schwenk: Der Kinderworkshop wird tagsüber stattfinden, und zwar am Wochenende, da in Bayern das Schuljahr noch läuft. Wir fangen am Freitagnachmittag an und setzen ihn am Samstagvormittag fort. Wir machen den Veranstaltungen im Festspielhaus also keine Konkurrenz. Das Projekt mit der Installation von Antoine Wagner-Pasquier wird zu verschiedenen Zeiten zugänglich sein. Vielleicht werden wir es an einem Sonntag im Rahmen einer Matinee präsentieren. Den genauen Termin stimmen wir noch mit dem Steingraeber-Haus ab.
klassik-begeistert: Derzeit sorgt die Politik auf internationaler Ebene für zahlreiche „Dissonanzen“. Werden auf dem Festival auch Diskussionen zu diesen Themen stattfinden?
Prof. Fredrik Schwenk: Genau zu diesem Zweck haben wir das bereits erwähnte Türkische Jugendorchester eingeladen, das schon oft in Deutschland gastiert hat. Nach dem Konzert bei uns treten sie in der Berliner Philharmonie auf. In dem Ensemble spielen vorwiegend Schülerinnen und Schüler, also wirklich noch junge Menschen, nicht ausschließlich Studierende.
Mein Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund für unser Konzert zu gewinnen. Im Vorfeld planen wir verschiedene Begegnungsformate, vor allem eine Diskussion zu folgenden Fragen: Warum spielt ein türkisches Orchester klassische europäische Musik? Warum ist die klassische Musik in der türkischen Gemeinde in Bayreuth bisher kaum angekommen? Und warum gibt es umgekehrt hier keine Konzertereignisse, in denen man eine Bağlama oder ein anderes türkisches Instrument spielt?
Diese Begegnungen sollen Grenzen überwinden und dafür sorgen, dass sich diese beiden oft nur nebeneinander lebenden Kulturkreise stärker vernetzen. Wir möchten durch den Auftritt eines solchen Orchesters animieren und ein Zeichen setzen, nach dem Motto: „Wir sind jetzt und hier da“. Dann werden wir sehen, aus welchen Zielgruppen in Bayreuth und Umgebung sich das Publikum zusammensetzt und wie sich das weiterentwickelt. Was die Zusammenarbeit mit den Bayreuther Festspielen betrifft, so ist geplant, dass Pablo Heras-Casado das Orchester mit Werken von Richard Wagner im Rahmen einer Repertoire-Probe dirigiert.

klassik-begeistert: Wie setzt ihr das ursprüngliche Motto des Festivals junger Künstler Bayreuth um, nämlich Richard Wagners Aufruf „Kinder, schafft Neues!“?
Prof. Fredrik Schwenk: Jedes unserer Projekte enthält innovative Elemente. Ich habe darauf bestanden, dass das Türkische Jugendorchester die Uraufführung eines Werks eines jungen türkischen Komponisten oder einer Komponistin spielt. Der Bau des „Festspielhauses“ unter Mitwirkung von Kindern ist ebenfalls ein Experiment. Vielleicht bauen sie etwas aus Legosteinen, aber genauso gut könnten sie ihre Kreativität unter Beweis stellen und eine ganz eigene Idee von Theater umsetzen. Wir versprechen uns viel von diesem Experiment und gehen davon aus, dass es auf große Resonanz stoßen wird. Deshalb habe ich eine erfahrene Theaterpädagogin dazu eingeladen. Wir wollen keine reine Improvisation, sondern dass am Ende ein konkretes Ergebnis steht. Wir wissen ebenfalls noch nicht im Detail, was Antoine Wagner-Pasquier uns liefern wird. Hoffentlich werden er und die jungen Leute sich gegenseitig inspirieren. Getreu dem Motto des diesjährigen Festivals gehen wir über den Bereich der reinen Musik hinaus in andere Kunstsparten.
klassik-begeistert: Enthält das Programm auch Vokalmusik?
Prof. Fredrik Schwenk: Seit zwei Jahren planen wir, die Sprechstücke von Carl Orff mit einer Schauspielklasse aus Hamburg zu realisieren. Die Studierenden hatten gerade mit den Proben begonnen, als der Professor für Sprecherziehung unerwartet verstarb. Jetzt müssen wir jemanden finden, der die Betreuung des Projekts übernimmt. Die Idee ist, Sprache und Schauspiel mit Schlagzeugspiel zu kombinieren und an sehr ungewöhnlichen Orten aufzuführen. Solche Events finden typischerweise eher im Freien statt – zum Beispiel im Hofgarten der Münchner Residenz – vorausgesetzt natürlich, das Wetter spielt mit.
Wir haben vor, dieses musikalische Spektakel in mehreren Räumen eines der kleinen Schlösser in Bayreuth zu inszenieren. Für den Innenraum einer Kirche eignet sich das eher nicht, da sich die Schauspieltruppe stark im Raum bewegen wird.
klassik-begeistert: Wie viele Teilnehmer werden dieses Jahr erwartet?
Prof. Fredrik Schwenk: Es kommen fünf bis sechs Komponistinnen und Komponisten sowie zwei Klavierduos. Ich selbst leite das Wagner-Pasquier-Projekt, an dem etwa fünfzehn Personen mitwirken. Im Orchester spielen 80 Jugendliche, begleitet von fünf Betreuungspersonen.
Die Theatergruppe besteht aus zwölf Schauspielerinnen und Schauspielern sowie zwei Dozierenden. Das macht allein schon 120 Künstlerinnen und Künstler. Dazu kommen noch die Leitenden und Teilnehmenden der kleineren Workshops, wir sind also bei insgesamt rund 150 Personen. Ein großes Problem in diesem Jahr könnte sein, dass wir nur wenige Volontäre in den einzelnen Organisations- und Verwaltungseinheiten haben werden. Ein Teil der früheren Auszubildenden ist nicht mehr dabei, denn er steht mittlerweile im Berufsleben. Wir müssen mit den verfügbaren personellen Ressourcen vernünftig haushalten, so gut und so professionell es eben geht.
Das Problem liegt dabei auch, aber nicht in erster Linie an den Finanzen, sondern vielmehr an einem kleiner werdenden Kreis interessierter Nachwuchskräfte. Im Sommer strömen vor allem Wagnerbegeisterte nach Bayreuth, aber weniger junge Menschen, die bereit sind, zwei Wochen lang rund um die Uhr für unser Festival zu arbeiten. Andererseits ist gerade das Festival junger Künstler Bayreuth eine hervorragende Ausbildungsstätte, in der erste praktische Schritte im Bereich Kulturmanagement und Öffentlichkeitsarbeit möglich sind. Außerdem sind wir ein gerade für Jugendliche immens wertvoller Ort vielseitiger Begegnungen, eine einzigartige Innovationsplattform, wie es sie kaum ein zweites Mal gibt. Schon allein deshalb lohnt es sich, diese Gelegenheit zu nutzen, aktiv beim Festival mitzuwirken.
klassik-begeistert: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
Jolanta Łada-Zielke, 28. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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