Petersen flicht Liebe und Lied zum leuchtenden Lebenskranz 

Marlis Petersen, Blüten der Liebe klassik-begeistert.de, 12. Juni 2026

 

CD-Besprechung:

Fazit: Petersens reifstes und in ihrer unmittelbaren Schnörkellosigkeit bestes Soloalbum!

BLÜTEN DER LIEBE

MARLIS PETERSEN &
STEPHAN MATTHIAS LADEMANN

mit Liedern von Robert Schumann, Alexander Zemlinsky, Richard Wagner und Richard Strauss

Solo Musica

von Dr. Ingobert Waltenberger

„Sei der Schmerz der Liebe dann Dein höchstes Gut“

„Ist unser Blick offen für die Schönheiten, die das Leben auf der Welt bietet? Oder sind wir gefangen in Strukturen, Mustern und Urteilen und können das Grün des Waldes und das Blau des Meeres gar nicht mehr sehen?“ Petersen

Die deutsche Sopranistin Marlis Petersen hat fachüberschreitend auf Opernbühnen viele Partien als Koloratursoubrette, lyrischer Koloratursopran bis zu jugendlich dramatischen Partien gestaltet und mit prallem Leben erfüllt. Die unglaubliche Bandbreite reicht da von Händel, Mozart, Donizetti, Bellini, Verdi, Offenbach, A. Thomas bis zu sportlich anspruchsvollen Kalibern des deutschen Fachs (Salome, Fidelio, Marietta/Marie), der klassischen Moderne (Lulu, Wozzeck-Marie, Emilia Marty) bis zu zeitgenössischen Opern und Ausflügen in die Glitzerwelt der Operette (Rosalinde, Hanna Glawari).

Was für ein Glück, dass Marlis Petersen sich immer wieder Zeit für Liedgesang, Liederabende und Liederalben genommen hat. Im Zyklus „Dimensionen“ (Welt, Anderswelt, Innenwelt, Neue Welt) hat Petersen programmatisch klug sich immer wieder mit dem Menschsein an sich, unseren Bezügen zu Natur und der Liebe intensiv auseinandergesetzt.

„Im Lied wieder Mensch sein!“ dürfte als sinniges Motto der sensitiven Musikerin gerade nach einer schweren, mit viel Arbeit und glücklich überstandenen Stimmkrise von eminenter Bedeutung sein. Geholfen haben ein zeitweiliger Rückzug in die griechische Wahlheimat sowie eine Neujustierung der Gesangstechnik mit Hilfe der legendären New Yorker Pädagogin Claudia Visca, Professorin für Gesang am Institut für Gesang und Musiktheater an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien.

Aber auch die Beschäftigung mit musikfernen Themen, wie Aromatherapien, hat Petersen Antrieb und eine neue Freiheit „vom Betrieb“ geschenkt.

Jetzt ist Petersen auf Tonträgern zurück mit ihrem neuen Album „Blüten der Liebe“. Wie bei ihren Vorgängeralben wird sie sorgsam und mit Gespür für Intimität und lyrischer Wahrheit von Stephan Matthias Lademann begleitet. Gleich vorweg: Es ist ein traumhaft schönes, grundehrliches und zutiefst berührendes Album ohne jegliche Faxen und Manierismen geworden.

Die Liebe, die Petersen meint, fasst sie mithilfe von Liedern romantischer und spätromantischer Provenienz. Dabei spielen Blumen als Metaphern für die vielfältigen Emotionen des Zueinander eine Rolle (Robert Schumann: „Meine Rose“, Richard Strauss: „Rote Rose“, „Die erwachte Rose“). Dass Liebe nicht nur Jubelstimmung und Euphorie auslöst, sondern auch Illusionen, Zweifel, Verlustängste und tiefen Trennungsschmerz bedingen, wird nicht ausgespart.

Eine zentrale Stelle nehmen die Zyklen „Frauenliebe und -leben“, op. 42, von Robert Schumann nach dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Adelbert von Chamisso und die „Wesendonck-Lieder“ von Richard Wagner ein. Es grenzt an ein Wunder, mit welch lyrischer Feinzeichnung, mädchenhaft duftiger Natürlichkeit, mit welch staunendem Herzen Petersen die Bedingtheiten der Frauenschicksale einzufangen versteht.

Bei den Wagner-Liedern ist keine hochdramatische Heroine am Werk. Die Faszination, ja das Staunen, diese altbekannten Lieder völlig anders erleben zu können, erwächst aus Petersens subtil aufgetragenen pastellfarbenen Zwischentönen, einer zarten Zerbrechlichkeit, den offenen Augen und Ohren einer puren Seele und der kreatürlichen Ambivalenz von Gefühlen, deren unbedingte Wahrheit sich nur in einem selbst kristallisieren, sich in einem selbst voll entfalten kann. „Im Treibhaus“ oder „Träume“ scheinen durch Petersens sphärische Pianotöne in somnambule Stofflichkeit entrückt.

Die Emphase in Schumanns „Er, der Herrlichste von allen“ oder „Helft mir, ihr Schwestern“ erwächst aus einem vom Wind getriebenen, espenlaubzitternden Beben. Das abrupte, den Tod des Geliebten gewidmete „Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“ geht weit über jegliche biedermeierliche Pflichttrauer hinaus. Petersen weiß dieses jeglichen Liebesverlust besingende Momentum ganz aus dem Wort heraus zu gestalten und mit stillem Schmerz (‚ich zieh mich in mein Inneres still zurück‘) zu adeln. Mit dem Wiederholen der Grundstrophe aus dem ersten Lied vokal und nicht nur im Klaviersatz samt kurzem Melodram setzt Peterson eine ganz persönliche finale Note im Schumann-Zyklus.

In den sechs bezaubernden Walzer-Gesängen op. 6 von Alexander Zemlinsky nach toskanischen Volksliedern künden die liebe Schwalbe, eine spitze Eifersüchtelei zwischen Mond und Sonne, fensterlugende Nelken und Rosen vom stillen Herzensbund unter blauen Sternlein. Spätromantisch getönt, ist der Hörer baff ob der gebrochenen Ironie, der in abendliche Schleier gehüllten Verschmitztheit der Musik. („Am Ende gewinnt, wer dauert im Streit, Maria, Maria, das sollst du bedenken. Es siegt, wer dauert in Ewigkeit.“). Petersen hält dazu die passende vokale Mimik bereit. Sie gibt dabei dem narrativen Faden den Vorzug vor atmosphärischer Pinselei.

Bevor Alexander Zemlinsky mit dem tröstlich „Selige Stunde“ (‚Ich schmieg in dein Gewand den Flittertand eitler Gedanken‘) das letzte Wort hat, trägt Petersen sechs Lieder von Richard Strauss sozusagen als Heimspiel ihres ureigenen Könnens vor. In verschwörerischem Plauderton entzücken „Die erwachte Rose“ und „Die Begegnung“. Dunklere Reminiszenzen streifen „Die Zeitlose“ und „Allerseelen“. Petersen wirft bei den Strauss-Preziosen all ihre Nuancierungskunst, ihr eminentes Wort-Klang-Raffinement mit Gewinn in die künstlerische Waagschale. Toll.

Fazit: Petersens reifstes und in ihrer unmittelbaren Schnörkellosigkeit bestes Soloalbum!

Dr. Ingobert Waltenberger, 12. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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