© Monika Rittershaus
„INTONATIONS“ Jerusalem Chamber Music Festival 2026
Kühlhaus, Berlin, 13. Juni 2026
von Dr. Ingobert Waltenberger
Ludwig van Beethovens Violinsonate Nr. 3 in Es-Dur, op. 12, Nr. 3 stand am dritten Tag des Festivals am Beginn eines umfangreichen Programms mit zwei Pausen. Dementsprechend war als Konzertbeginn 17 Uhr anberaumt. Mir ist völlig schleierhaft, wie Amateure in den damaligen bürgerlichen Salons die in den Ecksätzen technisch wahnsinnig anspruchsvolle und technisch schwierige Sonate überhaupt auf die Reihe bringen konnten. Die wie das gesamte op. 12 Antonio Salieri gewidmete Sonate mit ihrem im Adagio an Mozart gemahnenden Gestus erweist sich bei aller Anforderungen an den Violinpart immer noch als klavierdominant, gegenteilige musikwissenschaftliche Behauptungen hin oder her.
Martha Argerich unterlegte im Beethoven-Heimspiel ein weiteres Mal ihre einzigartige Stellung im ‚Business‘ mit aberwitzigen Tempi, stupender Fingerfertigkeit, vor allem prall kräftigem Anschlag und dynamischer Geschmeidigkeit im Zusammenspiel mit der Violine. Jeglichem Geburtsurkundendatum trotzend fegte Argerich con spirito energisch durch den ersten Satz und wusste mit ihrer Violin-Partnerin Tatiana Samouil schlagfertig dialogisierend die dynamischen Kontraste dezidiert auszureizen. Wunderbar zudem, wie sehr die beiden Künstlerinnen den spannungsreichen Modulationen und Übergängen individuelle Kontur verliehen. Als Ruhepol im Zentrum der Sonate erklang das in Beethoven’schem Melos schwelgende Adagio wirklich ‚con molta espressione‘, traumhaft liedsanglich phrasiert. Im unterhaltsamen Rondo erklommen tänzerischer Schwung und lächelnd vollführte Klangartistik nach und nach den virtuosen Steilhang bis zur sonnenlichtigen Coda. Das Publikum wusste das exzeptionell Dargebotene mit Dank zu würdigen.

Dorothea Röschmann, begleitet von Yael Kareth am Steinway, interpretierte mit ihrem opulenten, obertonreichen, mittlerweile mezzodunklem Sopran die Wesendonck Lieder von Richard Wagner. Als Höhepunkte gerieten die beiden als „Tristan und Isolde“-Studien geltenden Titel ‚Im Treibhaus‘ und ‚Träume‘ sozusagen als Nachklang zu ihrem 2023 an der Opéra national de Lorraine gegebenen späten Bühnendebüt als Isolde. War ihr Legato anfangs noch ein wenig kurzatmig phrasiert, erfreuten „Träume“ dafür umso mehr mit exquisiten purpurfarbenen Tönen. Jubel!
Dank der atemberaubend volltönenden Kunst des Flötisten Emmanuel Pahud war sogar die Violinsonate Nr. 8 in G-Dur, Op. 30, Nr. 3 von Ludwig van Beethoven in dieser geänderten Besetzungsvariante ein selten bereicherndes Erlebnis. Denn es ist keineswegs selbstverständlich und ausgemacht, dass sich die vogelsangliche Flötencharakteristik in gehöriger Balance zur Power des geöffneten Steinway Flügel behaupten kann. 1802 vollendet und kompositorisch wesentlich elaborierter als die eingangs gehörte dritte Violinsonate, versprüht dieses lebenszugewandte Stück gerade in der Bearbeitung für Flöte jenen duftigen Geist und schalkhaft amourösen Animo, der dem Werk über seine durchgängige Élegance und im Menuett ihre zarthumorige Intimität hinaus seine Beliebtheit verdankt.

Nach der ersten Pause erklang das Klarinettenquintett in h-Moll, op. 115 von Johannes Brahms. In der Besetzung mit Karl-Heinz Steffens (Klarinette), Fedor Rudin & Kathrin Rabus (Violine), Adrien La Marca (Bratsche) und Andrei Ionita (Cello) war eine emotional dicht gewebte, zumindest von meinem Sitzplatz aus in unmittelbarer Nähe von Cello und Bratsche grosso modo leicht streicherbetonte Wiedergabe zu registrieren. Karl Heinz-Steffens, ehemals Solo-Klarinettist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als auch der Berliner Philharmoniker, seit 2019 Musikdirektor an der Staatsoper Prag, gefiel in diesem Brahms’schen Spätsprössling mit schlankem Ton und einer nobel wehmütigen Note. Die sich immer wieder in die Musik mischenden ungarisch-rhapsodischen Tonschleier, der maskierte fin de siècle Charakter, das engmaschige motivische Netz sowie das gewollte ‚an der Nase führen‘ durch Brahms fanden in der erstklassigen Interpretation ihre trefflichen Fürstreiter.


Nach der zweiten Pause waren die „Vier ernsten Gesänge“, op. 121, von Johannes Brahms mit dem Bariton Thomas Bauer und Elena Bashkirova am Klavier sowie das Oktett in F-Dur, D. 803 von Franz Schubert programmiert.
Was für ein wunderbarer Abend! Morgen gehts in die Endrunde.
Dr. Ingobert Waltenberger, 14. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Intonation Chamber Music Festival 2026 Kühlhaus Berlin, 11. bis 14. Juni 2026
„INTONATIONS“ Chamber Music Festival 2026, Martha Argerich Kühlhaus Berlin, 12. Juni 2026