Foto: Martha Argerich Festival Hamburg Laeiszhalle 2026, (c) Daniel Dittus
Es ist wieder Martha-Argerich-Zeit in Hamburg: Das von der Meisterin eingerichtete und nach ihr benannte Festival bringt die Große Dame des Fortepianos mit künstlerischen Freunden zusammen. Auf dem Mammutprogramm des zweiten Abends stehen neben Brahms‘ Doppelkonzert das erste Klavierkonzert von Argerichs erster großer Liebe, Beethoven, und das Konzert für Orchester von Béla Bartók.
Martha Argerich Festival Hamburg
Johannes Brahms
Doppelkonzert a-Moll op. 102
Ludwig van Beethoven
Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15
Béla Bartók
Konzert für Orchester
Sylvain Cambreling Dirigent
Gil Shaham Violine
Dai Miyata Violoncello
Martha Argerich Klavier
Symphoniker Hamburg
Laeiszhalle Hamburg, 21. Juni 2026
von Sandra Grohmann
Die Unvergleichliche singt auf dem Klavier lange Kantilenen: Martha Argerich beherrscht das Laut-Leise, das Fortepiano, den Flügel, das Klavier wie wenige Andere. Im langsamen Satz von Beethovens sogenanntem Ersten Klavierkonzert (das in Wirklichkeit sein viertes gewesen sein dürfte) spielt Martha Argerich die Kantilenen so nachvolllziehbar auf einem Bogen, dass niemand überrascht gewesen wäre, hätte das Publikum mitgesungen. Naja, wenigstens gesummt.
Soweit kommt es nicht. Die Reihe wippender Füße zeigt deutlich genug an, dass auch das Beethoven‘sche Largo unter die Haut gehen kann. Argerich verhilft jedem Ton zu seinem Recht. Die Läufe perlen, die Wiederholungen variieren klangfarblich und dynamisch: Jedem einzelnen gibt der „Oldie“ am Klavier (wie sie selbst sich einmal bezeichnete) den Raum und die Individualität, die der Klang braucht. Das gräbt sich in Herzen, Atmen, Füße. Ist vor einem Ton eine winzige Zäsur angebracht, atmet das Publikum auch die mit.
Die ersten Versuche Beethovens mit dem musikalischen chiaro-scuro, mit plötzlichen pianissimi und ebenso unerwarteten fortissimo-Ausbrüchen kommen unter den Händen dieser wunderbaren, im Wortsinne „spielenden“ Pianistin (es sieht bei ihr so einfach aus!) deutlich zur Geltung. Nicht umsonst bekam das Klavier in jener Zeit den Namen Fortepiano verpasst. Es gab dem später an seiner Taubheit verzweifelnden Beethoven erst die Möglichkeit, gegensätzliche Pole auszuloten und seiner Emotionalität Lauf zu lassen.

Von hoher Konzentration und mit großem Klangreichtum, wenn auch rhythmisch und dynamisch in nicht ganz so feiner Prägung wie die Solistin, begleiten die Symphoniker Hamburg unter ihrem Chefdirigenten Sylvain Cambreling diesen Abend. Schon vor dem Klavierkonzert verzaubern sie gemeinsam mit dem Geiger Gil Shaham und dem Cellisten Dai Miyata Brahms‘ Doppelkonzert in das von Brahms intendierte verbindende Werk, eine Liebeserklärung an den Menschen an sich.

Dabei versprüht Gil Shaham sein meisterhaftes Können, den vollen Klang seiner Violine, auch seine Lebensfreude zusammen mit Dai Miyata, mit dem er offenkundig sehr präzise geprobt hatte. Die vor allem auch rhythmische Harmonie zwischen beiden Solisten ist unabdingbar für das Gelingen einer Aufführung und heute in schönster Weise erlebbar, was vor allem Shaham immer wieder ein freudiges Strahlen ins Gesicht ruft. Miyata spielt ebenfalls meisterlich und hochkonzentriert, der Ton seines Cellos bleibt indes merkwürdig fahl, als fehlte ihm der Kern.

Nach der zweiten Pause schließlich erklingt Bartóks Konzert für Orchester. Der Saal ist nicht mehr ganz so gut gefüllt wie bei den Konzerten mit den berühmten Solisten. Das ist einerseits schade, weil Bartók mit seinen für westeuropäische Ohren ungewohnten Rhythmen eine reizvolle Abwechslung bietet. Andererseits sind solche Riesenprogramme mit drei Hauptwerken und einer Dauer von insgesamt über drei Stunden ja nun auch schon seit längerer Zeit ein wenig aus der Mode. Wer Bartók meidet, verpasst allerdings eine Hörerfahrung, wenngleich Cambreling bei aller Konzentration und Präzision seines Dirigats doch die dynamische Breite und den Variantenreichtum von Spielansätzen durchaus noch hätte anreichern dürfen.

Das Publikum jedenfalls jubelt wieder. Nach dem begeisterten Applaus für Shaham und Miyata, den standing ovations für Martha Argerich lässt es sich auch von einem Werk, in dem das Orchester mit unterschiedlichen Instrumentengruppen quasi den Solopart übernimmt, noch mitnehmen. Bravo.
Sandra Grohmann, 23. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
„INTONATIONS“ Chamber Music Festival 2026, Argerich, Beethoven Kühlhaus, Berlin, 13. Juni 2026
„INTONATIONS“ Chamber Music Festival 2026, Martha Argerich Kühlhaus Berlin, 12. Juni 2026
Martha Argerich, Wiener Philharmoniker, Tugan Sokhiev Musikverein Wien, 23. September 2025