150 Jahre Festspiele: Bayreuths Klänge treffen mitten ins Herz

Eröffnung Bayreuther Festspiele, Beethovens Neunte  Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2026

Fotos © Enrico Nawrath

Die Festspiele eröffnen mit Beethovens Jahrtausendwerk

Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2026
(Erstaufführung: 13. August 1876, Das Rheingold)

Ludwig van Beethoven, 9. Sinfonie, d-Moll op. 125
(„Ode an die Freude“)

Christian Thielemann, Dirigent
Festspielorchester der Bayreuther Festspiele
Chor der Bayreuther Festspiele
Elza van den Heever   Sopran
Christa Mayer   Alt
Klaus Florian Vogt   Tenor
Georg Zeppenfeld   Bass

von Andreas Schmidt

Es gibt Abende, an denen man schon während des Schlussapplauses weiß, dass sie ihren festen Platz in der Musikgeschichte finden werden. Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2026 war genau ein solcher Moment. Zum zweiten Mal in der 150 Jahre währenden Geschichte erklang Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie auf dem Grünen Hügel am Eröffnungstag (wie immer der 25. Juli) – und es fühlte sich überhaupt nicht wie etwas Außerordentliches an. Eher wie ein Werk, das schon immer hierher gehörte und nun wieder einmal seinen Platz gefunden hatte. Selten hat ein Eröffnungsabend eine solche Selbstverständlichkeit ausgestrahlt und zugleich eine so große historische Dimension besessen.

Das hat einen besonderen symbolischen Hintergrund: Richard Wagner
(* 22. Mai 1813 in Leipzig; † 13. Februar 1883 in Venedig) hat Beethoven verehrt wie kaum einen anderen Komponisten. Er bezeichnete die Neunte sogar als das „menschliche Evangelium der Kunst der Zukunft“, und sie spielte für seine eigene künstlerische Entwicklung eine zentrale Rolle. Deshalb kehrt die Sinfonie bei bedeutenden Festakten in Bayreuth immer wieder zurück.

Der ganze Saal schien von derselben musikalischen Idee getragen

Schon mit den geheimnisvollen ersten Takten war zu spüren, dass dieser Abend etwas Besonderes werden würde. Beethoven entfaltet seine musikalische Welt nicht mit einem Paukenschlag, sondern lässt sie langsam aus dem Nichts entstehen. Von Satz zu Satz wuchs die Spannung, bis sich im Adagio eine berührende Ruhe über den Saal legte. Es waren vor allem diese stillen, innigen Momente, die den Atem anhalten ließen – bevor das Finale schließlich alle Grenzen sprengte. Als Chor und Solisten Schillers „Ode an die Freude“ anstimmten, entstand jener überwältigende Klang, der sich kaum in Worte fassen lässt. Für einen Augenblick schien der ganze Saal von derselben musikalischen Idee getragen zu werden.

Festspielhaus-Saal © Enrico Nawrath

Dass ausgerechnet dieses Werk nun nach dem 125. Jahresjubiläum in Bayreuth erklang, besitzt eine tiefe Symbolik. Für Wagner war die Neunte Sinfonie nicht nur der Höhepunkt der sinfonischen Musik, sondern zugleich der Ausgangspunkt einer neuen Kunstform. Die Verbindung von Orchester, Gesang und dramatischer Ausdruckskraft führte Wagner gedanklich direkt zu seinem eigenen Musikdrama. Während man dieser Aufführung lauschte, wurde plötzlich greifbar, wie eng Beethoven und Bayreuth tatsächlich miteinander verbunden sind. Die Neunte wirkte an diesem Ort keineswegs wie ein Gast – vielmehr wie ein länger vermisstes Familienmitglied.

Dabei ist ihre Botschaft heute vielleicht aktueller denn je. Beethovens Vision von Freiheit, Menschlichkeit und Zusammenhalt mag aus einer anderen Zeit stammen, doch sie hat nichts von ihrer Kraft verloren. Im Gegenteil: In einer Welt, die von Kriegen, Krisen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist, treffen diese Klänge mitten ins Herz. Wenn am Ende „Alle Menschen werden Brüder“ erklingt, ist das weit mehr als eine berühmte Textzeile. Es ist ein musikalischer Wunsch, der auch 202 Jahre nach der Uraufführung nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat.

Beethovens Neunte öffnet den Blick zu Wagners Wurzeln und zeigt, dass Bayreuth kein Museum ist

Die Entscheidung, die Bayreuther Festspiele zum 150. Jahresjubiläum mit Beethovens Neunter zu eröffnen, erwies sich als folgerichtig. Sie öffnete den Blick auf die Wurzeln von Wagners eigenem Schaffen und zeigte gleichzeitig, dass Bayreuth kein Museum ist, sondern ein lebendiger Ort der Musikgeschichte. Der Grüne Hügel präsentierte sich an diesem Abend traditionsbewusst und zugleich offen für neue Perspektiven – ohne dabei seine Identität auch nur einen Moment infrage zu stellen.

Als der letzte Akkord verklungen war und minutenlanger Applaus der 1.937 Zuschauer das Festspielhaus erfüllte, blieb vor allem ein Gedanke zurück: Manche Werke altern nicht, weil sie von etwas erzählen, das zeitlos ist. Beethovens Neunte gehört zu diesen seltenen Kompositionen. Sie überwältigt nicht allein durch ihre musikalische Größe, sondern durch ihre zutiefst menschliche Botschaft. Dass sie nun wieder ihren Platz auf dem Grünen Hügel gefunden hat, war einer der bewegendsten und bedeutendsten Momente, die Bayreuth in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat.

Nichts wirkt überhastet, nichts dem bloßen Effekt verpflichtet – die Solisten glänzen, der Chor packt zu

Christian Thielemann ließ Beethovens Neunte von den ersten Takten an atmen, spannte weite Bögen und führte das Festspielorchester der Bayreuther Festspiele und den Bayreuther Festspielchor mit sicherer Hand durch die vier Sätze. Nichts wirkte überhastet, nichts dem bloßen Effekt verpflichtet. Er kostete die dramatischen Zuspitzungen aus, nahm sich Zeit für die leisen, beinahe kammermusikalischen Momente und hielt die Spannung selbst in den ruhigsten Passagen unablässig aufrecht. Das Festspielorchester folgte jeder seiner Gesten mit höchster Präzision, entfaltete einen warmen, transparenten Klang und ließ die mächtigen Steigerungen mit beeindruckender Selbstverständlichkeit wachsen. Im Adagio schien die Zeit für Augenblicke stillzustehen, bevor Thielemann den Finalsatz mit sicherem Gespür für Architektur und Proportion aufbaute. Er hielt die gewaltigen Klangmassen zusammen, ließ Chor, Solisten und Orchester miteinander verschmelzen und führte Beethovens humanistische Vision ohne Pathos, aber mit großer innerer Überzeugung ihrem überwältigenden Schluss entgegen.

Als sich schließlich Elza van den Heever, Christa Mayer, Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld vor den Chor stellten, gewann Beethovens monumentaler Finalsatz noch einmal an Strahlkraft. Elza van den Heever ließ ihren leuchtenden Sopran mühelos über Chor und Orchester aufsteigen und setzte glanzvolle Akzente, ohne je die klangliche Balance zu gefährden. Christa Mayer erdete das Quartett mit ihrem warmen, satten Alt, führte ihre Linien mit natürlicher Ruhe und schenkte jeder Phrase eine berührende Innigkeit. Klaus Florian Vogt packte seine anspruchsvollen Einsätze beherzt an, behauptete sich mit tenoralerm Glanz gegen die orchestrale Wucht und verlieh Schillers Worten Nachdruck und Eleganz zugleich. Georg Zeppenfeld eröffnete den Finalsatz mit sonorer Gelassenheit und jener selbstverständlichen Autorität, die seine Bassstimme seit Jahren auszeichnet. Er sang nicht nur die berühmten ersten Worte, sondern erzählte sie geradezu. Gemeinsam fanden die vier Solisten zu einem wunderbar ausbalancierten Miteinander, ließen ihre Stimmen leuchten, steigerten sich in den großen Jubel des Finales hinein und verschmolzen schließlich mit dem fulminant aufblühenden Chor der Bayreuther Festspiele.

Dieser Chor packte zu, riss mit und entfaltete eine Klangfülle, die das Festspielhaus bis in den letzten Winkel erfüllte. Die Sängerinnen und Sänger formten Beethovens gewaltige Chorsätze mit Präzision und Leidenschaft, ließen die Worte von Schillers „Ode an die Freude“ lebendig werden und trugen die Botschaft von Brüderlichkeit und Menschlichkeit mit einer spürbaren inneren Kraft hinaus in den Saal. So wuchs aus den vielen einzelnen Stimmen ein überwältigender Klangkörper, der den Schluss des Jahrtausendwerks  zu einem bewegenden gemeinsamen Bekenntnis werden ließ. So gewann Beethovens Vision von Freude, Menschlichkeit und Brüderlichkeit ihre ganze Kraft – bewegend, mitreißend und von großer musikalischer Geschlossenheit.

Der Kanzler und die Ex-Kanzlerin
Fiebern in der Mittelloge mit

Die erste Eröffnung der Bayreuther Festspiele im Festspielhaus mit Beethovens 9. Sinfonie fand 1951 statt: Zur Wiedereröffnung der Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg dirigierte Wilhelm Furtwängler die Neunte als Auftakt der Festspiele. Diese Aufführung gilt als legendär. Die Eröffnung 2026 mit Beethovens 9. Sinfonie ist also nicht die erste, sondern die erste Festspieleröffnung mit diesem Werk seit 1951. Zuletzt war das Werk innerhalb regulärer Festspiele 2001 (125 Jahre) erklungen, den Stab führte: Christian Thielemann.

Vier Jahre vor der Eröffnung des Festspielhauses, am 22. Mai 1872, dirigierte Richard Wagner in Bayreuth Beethovens 9. Sinfonie zur Grundsteinlegung des Festspielhauses. Jetzt knüpfte die Jubiläumseröffnung 2026 mit der Neunten bewusst an diesen historischen Moment an.

Eröffnet wurde die Eröffnung durch das Vorspiel aus „Die Meistersinger von Nürnberg“ sowie den Einzug der Gäste aus „Tannhäuser“. Dazu sprachen Bundeskanzler Friedrich Merz, der bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder und als Festrednerin Professorin Dr. Nike Wagner.

Andreas Schmidt, 25. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Aus der Gästeliste:

  • Francis Fulton-Smith – Schauspieler und langjähriger Bayreuth-Gast
  • Udo Wachtveitl – Schauspieler und bekanntes Gesicht des deutschen Fernsehens (Tatort)
  • Florian Silbereisen – TV-Moderator
  • Johnny Logan – Sänger und Komponist, 2-facher irischer Grand-Prix-Gewinner als Sänger und einmal als Komponist
  • Michl Müller – Kabarettist und Entertainer
  • Volker Heißmann und Martin Rassau – fränkisches Künstlerduo
  • Friedrich Merz – Bundeskanzler
  • Angela Merkel – ehemalige Bundeskanzlerin (mit ihrem Ehemann Joachim Sauer)
  • Markus Söder – Bayerischer Ministerpräsident
    Nina Warken  – designierte Kanzleramtschefin
  • Wolfram Weimer – Kulturstaatsminister
  • Alexander Dobrindt – Bundesinnenminister
  • Dorothea Bär – Bundesforschungsministerin
  • Cem Özdemir – Ministerpräsident von Baden-Württemberg
    Mario Voigt – Thüringens Regierungschef
  • Ricarda Lang – Bundestagsabgeordnete

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Beim Festakt zur Eröffnung entschuldigte sich Katharina Wagner abermals explizit bei Michel Friedman. Sie sprach von „Unstimmigkeiten und Fehlern im Vorfeld, die wir zu verantworten haben“.

Merz: „Canceln ist jedenfalls auch hier keine Lösung“

Die Festspiel-Leiterin stellte sich entschieden gegen einen Rechtsruck in Politik und Gesellschaft. Es gehe darum, „hier Nein zu sagen“ gegen Rassismus, Chauvinismus und eine Verharmlosung der Geschichte, sagte Katharina Wagner in der Begrüßungsrede. Die gelte vor allem „wegen der sehr persönlichen Verknüpfung“ ihrer Familie mit dem NS-Regime unter Adolf Hitler. Darum sei das Jubiläum „weit mehr als ein Anlass, zu feiern“. Ziel müsse es sein, „die Tradition ernst zu nehmen, ohne sie zu verklären“ – „damit die Zukunft nicht erneut in der Finsternis der Vergangenheit endet“.

Auch Friedrich Merz erinnerte in seinem Grußwort an die dunkle Seite der Festspielgeschichte und Wagners Antisemitismus. Er zitierte Thomas Mann und empfahl bei Wagners Musik: „genießen, aber nicht ohne Misstrauen“. „Canceln ist jedenfalls auch hier keine Lösung“, sagte Merz. Besser sei eine kritische Auseinandersetzung, wie sie bei den Bayreuther Festspielen geschehe: „Spät, aber es ist geschehen“. Quelle: br.de

Auf den Punkt 66: Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg / Eröffnung Bayreuth 2025 Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2025

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