Rossini in Bad Wildbad: Altbekanntes neu eingerichtet!

37. Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad  Wildbad, 23. Juli bis 2. August 2026

Gioachino Rossini. Fotografie von Étienne Carjat, 1865

37. Belcanto Opera Festival Rossini
in
Bad Wildbad 25. – 26. Juli 2026

Das “Rossini in Bad Wildbad Belcanto Opera Festival” spielt an diesem Wochenende zwei Rossini-Opern in speziellen Fassungen:

Zuerst wird “LA GAZZA LADRA” (Die diebische Elster) präsentiert in der Fassung die Rossini 1819/20 für das Opernhaus in Neapel adaptiert hatte.

Am folgenden Tag wird es noch ausgefallener mit der “SÉMIRAMIS”, der französischen Version von Rossinis “SEMIRAMIDE”, in einer Adaptation des Komponisten und Rossini-Freund Michele Carafa.

von Jean-Nico Schambourg

LA GAZZA LADRA: Der Dieb ist nicht die Elster!

Kurz zur Handlung der Oper: Die Dienerin Ninetta wird beschuldigt, einige Silberlöffel der Familie Vingradito, wo sie arbeitet und deren Sohn Giannetto sie liebt, entwendet zu haben. In Wirklichkeit war es eine diebische Elster. Da sie ihren fahnenflüchtigen Vater nicht verraten will, nimmt sie die Schuld des Diebstahls auf sich, obwohl sie, angeklagt vom abgewiesenen Podestà, zum Tode verurteilt wird. Im letzten Moment findet ihr Freund Pippo das Silberbesteck im Nest der Elster, sodass Ninetta entlastet wird und es zum Happy End kommen kann.

Für die Aufführungen in Neapel in den Jahren 1819 und 1820 dieser Opera semiseria in zwei Akten, uraufgeführt am 31. Mai 1817 am Teatro alla Scala in Mailand, komponierte Rossini einige neue Musiknummern. Die Besetzung der Rollen des Pippo durch die große Altistin Rosmunda Pisaroni (1819), sowie des Fernando durch den berühmten Tenor Andrea Nozzari (1819), sowie den Bass Filippo Galli (1820) veranlasste Rossini, spezielle Nummern für diese großartigen Sänger zu schreiben. Diese Arien werden nun in Bad Wildbad als Ersatz einiger Originalstücke der Mailänder Fassung in den Abend eingebaut.

Der Regisseur und Leiter des Festivals Jochen Schönleber nimmt eine kleine Änderung am Ablauf der Handlung vor, indem er nicht eine diebische Elster die Löffel entwenden lässt, sondern dieser “Diebstahl” von Lucia, der Mutter von Giannetto ausgeführt wird, die die Liebe der beiden jungen Leute ablehnt. Pippo entdeckt das Versteck im Käfig der heimischen Elster. Ansonsten ist die Inszenierung dem normalen Handlungsablauf gewidmet. Geschickt nutzt dabei Schönleber die technischen Möglichkeiten der Bühne im Kurhaus, wo erstmals seit einigen Jahren wieder gespielt wird, aus.

Ein Problem hat sich allerdings anscheinend durch die Verlegung der Opern vom Trinkhaus ins Kurhaus nicht von selbst gelöst: die Lautstärke des Orchesters! Oder liegt es doch an dem jeweiligen Dirigenten (siehe “SÉMIRAMIS”)? An diesem Abend gelingt es dem Dirigenten José Miguel Pérez-Sierra jedenfalls nicht dauerhaft die richtige Lautstärke zu finden. Mit seinem engagierten Dirigat regt er das Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau zwar zu einer spritzigen Leistung an, doch überfällt er dabei die Zuhörer mit allzu knalligem Sound. Auch die Balance zwischen Orchester und Sänger gerät einige Male gehörig aus den Fugen.

Die Sängerriege schlägt sich dennoch sehr gut durch den Abend. Vor allem Claudia Muschio als Ninetta weiß mit festem Sopran das Publikum zu fesseln. Mit klarem Klang und Diktion setzt sie sich problemlos gegen das Orchester durch. Ihr Geliebter Giannetto wird von Patrick Kabongo gesungen. Dieser gehört seit einigen Jahren zum Stammpersonal des Festivals. Wie immer liefert er mit sicherem Tenor saubere Koloraturen und gute Höhen ab. Und doch hört man keine Entwicklung der Stimme im Vergleich zu den Vorjahren. Auch szenisch wirkt er (noch) immer wie ein scheuer Debütant.

Gesanglich und schauspielerisch perfekt ist dagegen Francesca Di Sauro. Mit ihrer flexiblen  und warmen Mezzosopranstimme begeistert sie als Pippo und gibt die Arie der Pisaroni mit viel Elan wieder.

Seit einigen Jahren tritt auch der Bass Nathanaël Tavernier regelmäßig in Bad Wildbad auf. Seine mächtige, kavernöse Bassstimme besitzt erstaunlich viel Flexibilität, sodass er einen erstklassigen Podestà auf die Bühne bringt. Fernando, Ninettas Vater wird von Emmanuel Franco mit sehr wuchtiger Stimme vorgetragen. Matteo Torcaso überzeugt mit gutem Parlando als Vater von Giannetto an der Seite seine Frau Lucia, ein wenig schrill gesungen von Gaja Vittoria Pellizzari.

Auch Dank der Leistung der Interpreten der kleineren Rollen, sowie des Chores der Szymanowski-Philharmonie Krakau erlebt man eine anregende Aufführung.

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SÉMIRAMIS: Ein Toter wird zum Leben erweckt!

 “Ihr habt einen Toten wieder zum Leben erweckt!” Das sollen Rossinis Worte nach der Aufführung  1860 in Paris der französischen Version seiner “SEMIRAMIDE” gewesen sein. Der Maestro hatte seit der Revision seines “GUILLAUME TELL” im Jahre 1831 alle Projekte einer neuen Opernkomposition abgewiesen. Er stand aber einer Umarbeitung eines seiner früheren Werke positiv gegenüber. Die Wahl fiel schließlich auf “SEMIRAMIDE”, 1823 in Venedig uraufgeführt.

Die Bearbeitung der Oper wurde auf Rossinis Vorschlag von Michele Carafa, einem Komponistengefährte und Freund durchgeführt. Carafa adaptierte die italienische Version auf die Pariser Ansprüche dieser Zeit. Aus dem zweiaktigen Melodramma wurde eine Opéra in vier Akten, ganz nach den Vorgaben der französischen Grand Opéra. Carafa schrieb selbst ein Ballett hinzu. Ansonsten passte er nicht nur Rossinis Musik an den französischen Text des Librettisten Joseph Méry an. Er überarbeitete auch verschiedene Orchestrierungen, verfasste neue Rezitative, fügte einige Takte ein und passte die Oper den Gesangskünsten der Sänger der damaligen Zeit an. Er schuf damit eigentlich ein neues Werk.

Diese neue “SÉMIRAMIS” erlebt jetzt im Kurhaus von Bad Wildbad ihre moderne Erstaufführung. Dazu haben sich die Verantwortlichen des Festivals alle musikalischen Trümpfe in die Hand gegeben. In der konzertanten Aufführung singt Diana Haller die Titelrolle mit rundem und farbigem Klang, der ihre Herkunft als Mezzosopran nicht verleugnen kann. Daneben singt sie aber auch glasklare Koloraturen und krönt ihre Arien mit fulminanten Spitzentönen, die sie mit viel Überzeugung ins Publikum schleudert.

Daneben klingt der Arsace von Marina Viotti heller, leichter. Mit ihrer warmen, gepflegten Stimme gibt sie einen eleganten Befehlshaber und beweist sich wieder einmal als Spitzenvertreterin des französischen Repertoires. Sie verfügt aber auch über das Feuer in der Stimme, um Arsaces Wut gegen die Mörder seines Vaters beeindruckend darzustellen. Auch wenn die Konstellation der Stimmen der beiden Interpretinnen überrascht, so fügen sich doch perfekt ineinander ein.

Der Bösewicht Assur wird von Mark Kurmanbayev mit viel Autorität gesungen. Klingt die Stimme in Piano-Passagen manchmal ein wenig knorrig, so hat sie doch über ihre ganze Spannweite eine angenehme Qualität. Seine Interpretation lässt den Zuhörer sowohl die Fiesheit als auch die Feigheit seiner Rolle erleben. Nathanaël Tavernier singt den Priester Oroès mit rundem Bassklang.

Der Bearbeitung durch Carafa fielen sowohl die Rollen der Azéma, als auch des Idrène zum Opfer, sodass Ilaria Monteverdi und Patrick Kabongo sich wenig einbringen können, dies aber in ihren wenigen Passagen sehr professionell erledigen. Giovanni Accardi singt mit gutem Bass den Schatten von Ninus, dem ermordeten Vater Arsaces. Auch der Chor der Szymanowski-Philharmonie Krakau erledigt seine Aufgaben gut.

Der Erfolg des Abends ist aber nur möglich durch die exzellente Leistung am Dirigentenpult von Andriy Yurkevych. Dem Dirigenten gelingt es das blendend aufspielende Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau zu einer Einheit zu formen und beweist, dass es auch in diesem Saal möglich ist einen angenehm homogenen Klang zu erzeugen. Nichtsdestotrotz lässt er in den relevanten Momenten das Orchester voll erklingen, erdrückt dabei die Sänger aber nie. Seinen eigenen Erfolg kann das Orchester dann mit der Ausführung der von Carafa komponierten Ballettmusik genießen, die mit viel Schwung und viel Gefühl von Yurkevych geleitet wird.

LE MARIAGE EN POSTE:  Hochzeit auf Reisen in der Bretagne

Am Sonntagmorgen gibt es noch als kleines Schmankerl im kleinen Kurtheater eine Salonoper von Jean-Baptiste Weckerlin, einem Bekannten von Rossini aus dessen Salonkonzerten. Weckerlin schrieb einige Salonopern, wovon vor einigen Jahren “LA LAITIÈRE DE TRIANON” beim Label Opera Rara erschien. In Bad Wildbad wird die Salonoper “LE MARIAGE EN POSTE” (Hochzeit auf der Durchreise) in einer Inszenierung von Eleonora Calabrò / Jochen Schönleber gezeigt.

Die Geschichte des Marquis de Boiscivry, der seine Tochter Alice mit dem Comte Émeric verheiraten will, ohne dass beide sich kennen, bietet 75 Minuten beste Unterhaltung, was auch an den drei jungen Sängern liegt. Dmytro Voronov gibt mit viel Verve den Marquis, Erwan Fosset mit angenehmem Tenor den Comte, der schließlich in die Fänge von Alice gesungen von Juliette Amirault geht, die mit ihrer charmanten Stimme und Erscheinung auch das Publikum verzaubert. Begleitet werden die drei Sänger am Klavier von Mattia Torriglia.

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