Elbphilharmonie: Bayreuth grüßt munter nach Stockholm

SHM Festival, Kungliga Hovkapellet Stockholm, Alan Gilbert, Catherine Foster  Elbphilharmonie, Hamburg, 18. August 2026

Catherine Foster und Alan Gilbert, Photo: Andreas Ströbl

Konzert im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2026

So etwas wie einen Schnelldurchlauf durch Wagner-Opern boten Alan Gilbert und die Kungliga Hovkapellet Stockholm mit Catherine Foster am 18. August 2026 im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie.
Für Liebhaber, die nicht nach Bayreuth konnten, war dies ein kleiner Ausgleich, und für diejenigen, die gerade erst vom Grünen Hügel zurückgekehrt sind, ein schöner Rückblick. Dazu gab es die herzerfrischende Stenhammar-Serenade. Schade, dass ganze Reihen leer geblieben sind.

Richard Wagner, Opernauszüge

Wilhelm Stenhammar, Serenade op. 31

Catherine Foster, Sopran
Alan Gilbert, Dirigent
Kungliga Hovkapellet Stockholm

Elbphilharmonie, Großer Saal, Hamburg, 18. August 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Vom Liebestod in den Mittsommer

Ihr 500-jähriges Bestehen feiert die Kungliga Hovkapellet Stockholm (auch als Royal Swedish Orchestra bekannt) dieses Jahr; das Orchester ist damit einer der ältesten aktiven Klangkörper der Welt. Als besondere Ehre darf es daher gelten, dass die Schweden das SHMF, noch dazu in der Hamburger „Elphi“, mit einem besonderen Konzert bereicherten. Zur Illustration der Verbindung von deutscher und schwedischer Musik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts eignete sich natürlich ein Programm mit Auszügen aus Wagners „Ring“, dem „Tristan“ sowie dem „Tannhäuser“ und der dagegen luftig-leicht wirkenden Serenade von Wilhelm Stenhammar, dem neben Hugo Alfvén wichtigsten Vertreter der schwedischen Spätromantik.

Gleichsam zur Einstimmung geht es schwergewichtig in die höchste Emotionalität, und zwar mit Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“. Mit seidig-samtigem Strich spielen die Violinen und Celli unter der feinfühligen, fast vorsichtigen Leitung des NDR-Elbphilharmonie-Chefdirigenten Alan Gilbert, der sein Dirigat später zu explosiver Leidenschaft steigern wird.

Catherine Foster, die für die erkrankte Nina Stemme eingesprungen ist, singt diese Isolde auf den letzten Schritten ihres Lebens mit hellem, klarem Sopran, der aber etwas gebrochen-erschüttertes hat. Fahl klingt hier ihre Stimme, etwas unterkühlt und resigniert. Man hat ihre Bayreuther Isolde von 2023 im Kopf, der sie eine schnörkellose Resolutheit ohne lyrische Mädchenhaftigkeit verliehen hatte.

Frisch und flink wie ein junges Reh springt dagegen der Kopfsatz von Stenhammars Serenade op. 31 in den Saal, die in der überarbeiteten Fassung aus fünf anstatt sechs Sätzen erklingt. Es lohnt ein Blick auf die vollständigen Satzbezeichnungen (im Programmheft ist eine verkürzte Version wiedergegeben), denn die „Overtura“ ist mit dem Tempo „Allegrissimo“ versehen.

Man hat den Eindruck, mit den flott spielenden Musikern durch einen sommerlichen nordischen Wald zu laufen, in dem die Vöglein singen – die Erste Geige erhebt sich in lerchenhafte Höhen. Es wird dann auch intimer, und mit leichten melodischen Linien gleißt skandinavisches Licht zwischen den Bäumen hindurch. Wenige melancholische Anklänge weisen nach Böhmen, zu Smetana oder Dvořák. Die Instrumentierung ist ausgesprochen reich, was bei der Zeitstellung nicht verwundert; 1907 begann der Komponist mit den ersten Skizzen, die Uraufführung fand erst 1920 statt.

Nach dem Verklingen der letzten Töne dieses Satzes schaffen es einige unsensible Klatscher zum Glück nicht, die Stimmung zu zerstören; Gilbert hebt kurz die Hand, das war’s. Später bimmelt wieder ein Mobiltelephon; „Das bleibt nicht aus“, meint in doppeltem Sinne ein Besucher. Dabei hatte die Leiterin der Konzertplanung, Laura Thomsen, vor Beginn des Konzerts charmant aber deutlich darauf hingewiesen, dass sich der Abend am besten mit ausgeschalteten Geräten genießen lasse. Da war wohl jemand schwerhörig.

Der Folgesatz heißt „Canzonetta“ im „Tempo di valse, un poco tranquillo“, was das tänzerische Moment dieses Stückes umreißt. Anmutig entsteht hier im gedehnten ¾-Takt das Bild eines Sommerabends mit Tanzvergnügen; man assoziiert Gemälde von Carl Larsson oder des Norwegers Edvard Munch, nur ohne dessen depressive Grundstimmung. Glühwürmchen zaubern ihre feinen zartgrünen, verschlungenen Linien und flirten mit den Lampions zu einem elegischen Liebeslied.

Alan Gilbert, Photo: Andreas Ströbl

Munter und mit heiterer Anspannung stellt sich das Scherzo ein, das eigentlich mit „una miscela variegata“ beschrieben werden könnte, denn es ist eine bunte Mischung aus Motiven, Melodien und Klangfarben. Frisch angetrieben und im rasanten presto kommt dieser Satz daher, aber es gibt immer wieder ein kurzes Innehalten, was sich vielleicht als „forsches Zögern“ beschreiben ließe. Hier ist ganz klar die Nähe zu Stenhammars Freund und Vorbild Jean Sibelius hörbar. Im Marschrhythmus erheben sich dann leuchtend die Blechbläser.

Attacca geht es ins suchende, manchmal tastende Notturno; man hat ohnehin den Eindruck, als würde die Serenade stimmungsmäßig von einem späten Nachmittag an die Stunden zählen und die Empfindungen der Gäste eines Mittsommernachtsfestes illustrieren. Und so darf die Flöte die Nachtigall singen lassen – oder schwebt hier sogar der „Schwan von Tuonela“ durch die Nacht?

Morgensonnenstrahlen beleuchten sanft die Szenerie; das Finale durchströmt freudige Frische mit jubilierenden Geigen, die aber immer wieder in sanftem pizzicato darauf verweisen, dass es der frühe Morgen ist und die meisten Stimmen der Natur noch innehalten, bevor sich alles aus dem nächtlichen Walddunkel zum immer stärker werdenden Licht hin bewegt. Spannungsreich crescendo und accelerando gibt es kleinere Ausflüge in einen dramatischen Duktus, bevor breite Wagner-Weite strömen darf. Und dann, mit einem lächelnden Augenzwinkern, verabschiedet sich die Serenade ganz unerwartet, witzig und als wäre nichts zuvor geschehen, mit einem kleinen, bescheidenen Piano-„tschüss!“. Musikalischer Humor und Selbstironie erster Güte – fernab von deutscher Schwere!

Wagner, mal rasant, mal majestätisch

Dieses vom Publikum begeistert aufgenommene Werk hätte thematisch tatsächlich besser zum „Waldweben“ im Teil nach der Pause gepasst. Den zweiten Konzertteil eröffnet die „Tannhäuser-Ouvertüre“, und aus heimeligem Waldgrün erhebt sich satter Wagner-Klang; Gilbert und die Stockholmer spielen das Stück dynamisch und im Tempo ausgesprochen differenziert. Der Dirigent geht mit weit ausholenden Bewegungen und lebhafter Mimik ganz in der Musik auf; die Orchestermitglieder lassen sich von der Leidenschaft mitreißen, wippen teils mit den Köpfen oder wiegen mit dem Körper mit. Fein ziseliert geben die Violinen die feine, flirrende Textur wieder, und schließlich erhebt sich die Wartburg in majestätischer Größe, als wollte sie Walhall nacheifern.

Von dieser gewaltigen Energie offenbar ganz erfasst, gerät das „Waldweben“ aus „Siegfried“ etwas zu rasch. Zwar baut sich die Szenerie mit den uralten Bäumen, den moosbewachsenen Felsen und den im Sonnenlicht glitzernden Spinnennetzen farbenfroh auf (man ist froh, die Bilder wieder ganz aus der Partitur entstehen zu sehen und nicht KI-überwuchert wie jüngst in Bayreuth), aber Gilbert marschiert stramm durch das Grün, anstatt sich auch einmal zwischen die ragenden Tannen zu setzen.

Im folgenden Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ steigert der Dirigent dieses Tempo noch; man hat den Eindruck, als wollte er auf dem rasch flitzenden Nachen aus „Siegfrieds Rheinfahrt“ diese Trauerfeier durchjagen. Da kommt kaum Heldenklage auf; nur zum Ende hin ahnt man die düstere Majestät des Todes.

Angemessen machtvoll hingegen gestalten alle Mitwirkenden das Finale der „Götterdämmerung“, das sagenhafte Ragnarök, in dem die bekannte Welt ihr Ende findet. Catherine Fosters Brünnhilde schmettert der Hofgesellschaft mit stolzem Trotz ihre Verbitterung entgegen; ihre Anklage ist voller Härte. „Wißt ihr, wie das ward?“, fragt sie vorwurfsvoll, und dann erweist sich die Sopranistin als wunderbar textverständliche Erzählerin des Dramas, mit lebhafter Gestik und Mimik.

Fressendes Feuer erfasst die Burg der Gibichungen und schließlich den Sitz der Götter, man hört die Flammen prasseln und die Balken bersten; was einst die Weltesche war, zerbricht zu schwarzkohligen Splittern. So muss Wagner klingen, ja krachen, und nach wenigen Momenten steht das gesamte, hellauf begeisterte Publikum. Ein sehr vielseitiger Abend mit glanzvollen Momenten!

Dr. Andreas Ströbl, 19. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Brünnhilde brennt, Uraufführung konzertant Friedrichsforum, Bayreuth, 3. August 2026

Posers Klassikwelt 8: Wer ist Catherine Foster?

Giacomo Puccini, Turandot, Catherine Foster  Deutsche Oper Berlin, 23. Juni 2026

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