Zwischen den Sätzen 1:  Bonnie & Clyde statt Macbeth?

Giuseppe Verdi / Macbeth  Hamburgische Staatsoper, PREMIERE, 12. September 2026 +++

Hamburgische Staatsoper +++ PREMIERE +++ 12. September 2026 +++

Giuseppe Verdi / Macbeth

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Chor der Hamburgischen Staatsoper
Tomáš Hanus / Dirigent
Tobias Kratzer / Inszenierung

von Jörn Schmidt

Wie endet man, wenn man nicht an Hexen glaubt, aber voll auf Selbstermächtigung setzt? Wenn Sie Tobias Kratzer fragen: Nackt, verkrümmt um einen kahlen Ast geklammert, den Blick irr zur Seite gerichtet. Abgelichtet auf einem Plakat, das in Hamburg für die PREMIERE an diesem Samstag geworben hat. Und, wie ich hinzusetzen möchte: Darauf hoffend, dass einem endlich jemand einen schwarzen Balken über das Geschlechtsteil klebt. Zumindest im öffentlichen Raum, auf dem Programmheft war immer noch alles zu sehen.

Marketing mit BartProvokation bringt Aufmerksamkeit, wird man sich an der Hamburgischen Staatsoper gedacht haben. Und sich für nackte Tatsachen entschieden haben. Das ist immer noch eine sichere Bank, wenn sich auch die Aufmerksamkeit in Grenzen gehalten hat.

Die Handlung – Der schottische Feldherr Macbeth (Kartal Karagedik) hat einen Touch für Hexen. Deren Prophezeiung, dass er König werden wird, setzt er wahnhaft-konsequent um, ermordet den amtierenden König Duncan und besteigt den Thron. Seinen treuen Freund Banco (Alexander Vinogradov) sowie die Familie seines Rivalen Macduff (Dovlet Nurgeldiyev) tötet er auch noch. Wo die Hexen nicht komplett durchdringen konnten, hilft die ehrgeizige Lady Macbeth (Nino Machaidze) nach, indem Sie ihren Gatten zusätzlich anfeuert. Die Freude ist indes nur von kurzer Dauer, Lady Macbeth zerbricht schnell an ihren Schuldgefühlen und stirbt im Wahnsinn. Macbeth wird von Macduff im Zweikampf getötet, und der rechtmäßige Erbe Malcolm wird neuer König.

Anthropozentrismus als Fluch? – Bei Verdi und Shakespeare sind die Macbeths sozusagen ein undoloses Werkzeug der Hexen, wie Juristen sagen. Die beiden konnten nicht anders, ihre Taten sind Hexenwerk. Tobias Kratzer dreht den Spieß um, Herr und Frau Macbeth sind bei ihm mitnichten hilflos einer höheren Macht ausgeliefert. Sie handeln in Freiheit und entscheiden sich sehenden Auges für das Böse. Die Hexen verkommen zum Trigger bzw. moralischen Rechtfertigung. Gelehrte Menschen nennen das eine Fatalismus (Verdi) und das andere Anthropozentrismus (Kratzer).  Zum Konzept der Inszenierung steht in der Pressemitteilung zur Premiere:

„Macbeth und Lady Macbeth bilden ein eng verbundenes Paar – Partner im Verbrechen ebenso wie in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Die Inszenierung untersucht ihre Beziehung als emotionales Geflecht aus Liebe, Ehrgeiz, Angst und Schuld. Sie fragt, wie Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen, sich gegenseitig beeinflussen und schließlich gemeinsam an ihren Entscheidungen scheitern.“

Korrespondierend ist es auf der Bühne meistenteils zappenduster, kein Licht für den antik positionierten, stark singenden  Hexen-Chor. Spotlight nur für die Eheleute Macbeth – bei Kratzer nicht kinderlos – und bestenfalls die, mit denen sie interagieren.

Katharsis braucht FatalismusKratzer verweigert dem Publikum damit die Katharsis der antiken Tragödie, auf die Shakespeare und Verdi gesetzt haben. Denn die funktioniert nur, wenn ein Schicksal unausweichlich ist. Wenn die Macbeths einfach nur ein Killer-Pärchen wie Bonnie & Clyde sind, raubt das der Geschichte die emotionale Intensität. Das ist das Problem mit Kratzers im Übrigen liebevoll durchdachter Deutung.

Karagedik und Machaidze beherrschen den ehelichen Interaktionszirkel – Die beiden Hauptdarsteller sind seit langem verheiratet, könnte man denken. Wie sie sich gegenseitig anstacheln, das gehört in jedes Lehrbuch über zirkuläre Kausalitäten. Karagedik verfügt über die stimmliche Flexibilität und Kraft, um alle Facetten von Macbeth` Ehrgeiz und Wahnsinn so darzustellen, dass es unter die Haut geht. Desgleichen hat Machaidze eine fast schon beängstigende Bühnenpräsenz, so messerscharf steigert sie Lady Macbeth` Hysterie. Sensationell, wie die beiden gegenseitig eskalieren.

Ganz ohne Fatalismus geht es nicht – Während Macduff wohl aus einem gewissen Pflichtbewusstsein zur Tat schreitet, ergibt sich Banco seinem Schicksal. Entsprechend singt Vinogradov einen würdevollen, warmen Banco, während Nurgeldiyev auf emotionale Erschütterung setzt.

Tomáš Hanus Fokus – Der Premieren-Dirigent stellt die schicksalshafte Ordnung wieder her, die Kratzer eigentlich zerstören wollte. Er feiert Verdis göttliche Musik mit donnernder Wucht und großen Kontrasten, dabei stets von Verdis späteren Werken her gedacht. Auch ein Statement zum nüchternen Bühnengeschehen. Das  Philharmonische Staatsorchester Hamburg folgt dankend – wie so oft kommt der Glanz aus dem Orchestergraben. Saisoneröffnung à la Hamburg.

Jörn Schmidt, 12. September 2026,
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi (1813-1901), Macbeth Nationaltheater München, 5. Juli 2026

Giuseppe Verdi, Macbeth, Musikalische Leitung Riccardo Muti Teatro Regio Torino, 26. Februar 2026

Giuseppe Verdi, Macbeth Opernhaus Zürich, 14. November 2025

Giuseppe Verdi, Macbeth Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 29. August 2025

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