Die fünfte Aufführung der Macbeth-Inszenierung von Tobias Kratzer geriet an der Hamburgischen Staatsoper zu einem theatralischen Triumph
Inés López Fernández (2. und 3. Erscheinung), Chao Deng (Arzt), Colin Aikins (Malcolm), Alexander Vinogradov (Banco), Nino Machaidze (Lady Macbeth), Simon Keenlyside (Macbeth), Dovlet Nurgeldiyev (Macduff), Mariana Poltorak (Dame der Lady), Hubert Kowalczyk (Diener des Macbeth, Mörder, 1. Erscheinung) (Foto: RW)
Nino Machaidze und Simon Keenlyside setzten ihr Stimmmaterial ganz im Sinne der psychologischen Durchdringung des Dramas ein. Sie ergänzten sich vortrefflich und führten das grausame Ehepaar auf eine bisher von mir nicht erlebte theatralische Höhe. Das alles ist Tobias Kratzer zu verdanken, der sich intensiv mit der Psychologie der handelnden Personen auseinandergesetzt hat.
Macbeth, Oper von Giuseppe Verdi
Inszenierung: Tobias Kratzer, Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Leitung Tomáš Hanus
8. Oktober 2026, 5. Aufführung seit der Premiere vom 12. September 2026
von Dr. Ralf Wegner
Es gibt Abende, da treten alle gesanglichen Petitessen in den Hintergrund. Diese fünfte Aufführung seit der Premiere von Verdis Macbeth in der Inszenierung von Tobias Kratzer war so ein Abend. Das Orchester spielte unter der Leitung von Tomáš Hanus fabelhaft, der Chor sang noch besser, präziser als bei der Premiere, das Ensemble hatte sich eingesungen und eingespielt. Es gab nur eine Änderung, die Partie des Macbeth sang diesmal der mittlerweile 67-jährige, deutlich jünger aussehende, physisch in Topform auftretende und gesanglich immer noch mit virilem Stimmkern und zur dramatischem Attacke mächtige britische Bariton Simon Keenlyside.
Reiner Schöngesang war von ihm nicht zu hören, ebenso wenig von Nino Machaidze als Lady Macbeth. Beide setzten ihr Stimmmaterial ganz im Sinne der psychologischen Durchdringung des Dramas ein. Sie ergänzten sich vortrefflich und führten das grausame Ehepaar auf eine bisher von mir nicht erlebte theatralische Höhe. Auch die anderen Sänger und Sängerinnen wie Alexander Vinogradov als Banco, Dovlet Nurgeldiyev als Macduff, Colin Aikins als Malcolm, Mariana Poltorak als Dame der Lady, Chao Deng als Arzt, sowie Hubert Kowalczyk und Inés López Fernández in kleineren Nebenrollen trugen zum großartigen Opernabend in der Hamburgischen Staatsoper bei.
Das alles ist Tobias Kratzer zu verdanken, der sich wie wohl kaum einer seiner Vorgänger so intensiv mit der Psychologie der handelnden Personen auseinandergesetzt hat, jedenfalls nicht auf der Hamburger Bühne. Kratzer sucht und findet den Kern des Menschlichen selbst im Bösen, und die Edlen verfallen dem Irrsinn unter gegebenen Umständen genauso wie der vom Schicksal sich zu Höherem berufen fühlenden Macbeth.
Wenn man weiß, wie es dem kleinen Sohn Macbeths am Ende ergeht, wirkt schon die anfängliche traute Familienszene bedrohlich. Am Ende fragte ich mich, was wohl der Sänger des Macduff empfunden haben mag, als er, der eigentlich Gute, mit dem wir um seine gemordete Familie trauern, vom Regisseur die Aufforderung erhielt, dem jungen Macbeth-Buben den Hals aufzuschlitzen. Wir sehen betroffen zu und schweigen.

Das Publikum sah und hörte dem Geschehen auf der Bühne gebannt zu. Nur geringer, wieder rasch abflauender Zwischenbeifall störte den dramatischen Handlungsablauf. Dafür wurde das Ensemble am Ende mit langanhaltendem Jubel für alle Beteiligten belohnt. Es gab wohl kaum jemanden, den dieses Drama an diesem Abend nicht erschüttert hat.
Dr. Ralf Wegner, 9. Oktober 2026, für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giuseppe Verdi, Macbeth Hamburgische Staatsoper, PREMIERE, 12. September 2026
Giuseppe Verdi (1813-1901), Macbeth Nationaltheater München, 5. Juli 2026