Pralles Musiktheater, das Spaß macht: fein, heutig – und doch im Spiegel von immerwährendem Sexismus und kruder Moral

Albert Lortzing, Der Wildschütz, Staatstheater am Gärtnerplatz, München 23. Februar 2018

Titelbild:  Bildquelle Gärtnerplatztheater/ Christian Pogo Zach
Albert Lortzing, Der Wildschütz, Staatstheater am Gärtnerplatz, München
23. Februar 2018

Dirigat, Kiril Stankow
Regie, Georg Schmiedleitner
Choreografie, Ricarda Regina Ludigkeit
Bühne, Harald Thor
Kostüme, Alfred Mayerhofer
Licht, Wieland Müller-Haslinger
Graf von Eberbach, Liviu Holender
Die Gräfin, seine Gemahlin, Margarete Joswig
Baron Kronthal, Bruder der Gräfin, Alexandros Tsilogiannis
Baronin Freimann, Schwester des Grafen, Mária Celeng
Nanette, ihr Kammermädchen, Anna-Katharina Tonauer
Baculus, Schulmeister, Christoph Seidl
Gretchen, seine Braut, Jasmina Sakr
Pankratius, Haushofmeister des Grafen, Martin Hausberg
Ein Hochzeitsgast, Thomas Hohenberger
Chor und Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz     

von Tim Theo Tinn

Ein beglückender schnörkelloser Abend, dem der Spagat zwischen krudem Biedermeier, theatralem heutigem Anspruch und glänzender Unterhaltung gelungen ist, genial und simpel. Statt sich durch mühselige Chronologie von Ort, Zeit und Handlung zu hangeln, geschieht stilbildendes ewiges Theater verpackt als heutige Revue: Verkleidung, Verwechslung, Verstellung mit durchweg attraktiven Protagonisten und erfreulicher psychologisch/ dramaturgischer Stimmigkeit – es gab keine inhaltliche Verfälschung gem. Regietheater-Unsitte.

Spieloper = musikalische Komödie mit gesellschaftlichen Seitenhieben und Gesellschaftskritik: permanente Heiratstriebe erinnern bruchlos an heutiges politisches Establishment mit vielfacher Heirat. Schrulliger Schulmeister zieht hübsches Kind (Gretchen) für eigene schräge Zwecke (Ehe = Sex) auf (Alberich lässt grüßen), will dann sein Mündel für großes Geld verkaufen. Tatsächlich zeigt diese Inszenierung einer Vorlage von 1842 sämtliche Frauen in Überwindung der aktuellen „me too“-Umtriebe, usw. Die Themen sind also aktuelles Zeitgeschehen.

Optik: Shakespeare-Bühne, leerer Raum nach Theater-Magier Peter Brook, Maskeraden–Geisterstunde mit Feen, Kobolden nach Verdi’s Falstaff, surreale Elemente u.s.w.–  die stilbildende Regie ist eine derb-komische Anlage gem. den Hans-Wurstiaden, die es schon seit dem 16. Jahrhundert gibt (für ewig gestrigen Puristen: so ist auch Papageno in Mozarts Zauberflöte angelegt). Das alles verpackt in einer rasanten Revue mit überbordendem Charme. Theater – tatsächliches Theater im 21. Jahrhundert, das kann kein Film.

Der geneigte Leser findet die überbordende Handlung im Internet.

Mit der Ouvertüre geht es los. Ein mächtiger Hirsch blickt fragend provokant ins Publikum, dann wird koitiert. Es wird schlüpfrig, anzüglich ohne Doppelbödigkeit – die platte Eindeutigkeit, der Klamauk erwischte den Rezensenten zunächst auch mit eigener Prüderie, aber Gefahr erkannt …  Masturbation mit übergroßen  Billiardstöcken, das Kammermädchen nötigt einen schüchternen echten Zuschauer aufzustehen, um dem Publikum seine Attraktivität vorzuführen usw. Alles macht ein schmunzelndes Augenzwinkern.

Wichtiger Grundsatz rustikaler Komik – siehe clownesken Hans Wurst, sauigelnde Comedians: stoische Ernsthaftigkeit, kein outrieren (= albern übertreiben, aufbauschen, grimassieren).

Bei der alternierenden Besetzung ist das nicht immer gelungen.

Kostüme sind zum Teil ein Ärgernis. Schwarze u. a. Straßenanzüge erinnern an unseliges Regietheater. Perücken, insbesondere der Chorherren, sind erstaunlich schlecht. Man stelle sich mal surrealen assoziierten hanswurstigen Biedermeier mit angelehnter Pop-Art vor. Hervorragend surreal sind z. B. die Gämsen/Reh–Geweihe des Herrenchores.

Die tolle Inszenierungsidee könnte optimaler umgesetzt werden – gerade beim Gesprochenen wirkt vieles probiert aber nicht nachhaltig geprobt.

Es sind aber nur Marginalien im Gesamtpaket – denn das macht unbeschwertes Vergnügen. Vielleicht traut man sich mal, das Gerede in Rezitative zu bringen. Sänger müssen die Stimme in der Maske (Resonanzräume im oberen Schädel) halten, folgen somit andern Möglichkeiten als Schauspieler.

Bildquelle Gärtnerplatztheater/ Christian Pogo Zach

Das Bühnenbild ist in seiner Einfachheit Weltklasse. Der Raum wird ausschließlich durch wehende Vorhänge und eine große rotierende Scheibe bestimmt. Die ist Tanzboden, Zielscheibe, surreale Beleuchtungskapsel und Fahrstuhl in Parallelwelten, durch wechselnde Neigungen aber auch Rutschbahn vom Wolkenkuckucksheim in weltliche Irrungen. Diese runde Wenigkeit basiert auf der typischen Shakespeare-Bühne (Guckkastenbühne mit Manegenrund) und wird optimal, nahezu artistisch bespielt. Kompliment auch an die Technik, die diese Einmaligkeit perfekt bedient.

Musikalische Leitung und Ausführung hat richtig gut gefallen. Kiril Stankow hatte ein  Nachdirigat und demgemäß wohl auch nur eingeschränkte Probenmöglichkeiten – davon hat man nichts gemerkt. Der Rezensent hat diese Musik durchaus schon mehr gerappelt als musiziert erlebt … Umtata …, hier war alles fein ziseliert, die Instrumenten-Gruppen sorgsam miteinander abgestimmt, ausgelotet die wichtige Abstimmung mit den Sängern, da war nichts überdeckt, ein feiner Genuss einer durchaus rustikalen Partitur, die insgesamt trotz Arien etc. den Eindruck eines fast durchgehenden Parlandos (dem Sprechen näherndes Singen) macht. Dezibel, Dynamik und Feinzeichnung waren mit sensiblem Können ausgezeichnet.

Die Textverständlichkeit, insbesondere bei Gesprochenem war im Wesentlichen gut, hat aber noch Luft nach oben.

Die Sänger: das Gärtnerplatztheater glänzt mit einem hohen Potenzial von schönen jungen Stimmen. Man muss aber die jeweilige Entwicklung und Partienkongruenz erwähnen.

Graf von Eberbach – Kavalierbariton – Liviu Holender : glänzende Erscheinung, spielt gut, auch expressiv, bis er exponiert singen muss. Mittellage sehr schön, aber leider kommt das hohen Register recht unausgeglichen. Es wird eng, gestemmt und rappelt – da kann man noch einiges mit dynamischer Öffnung von Resonanzräumen trainieren – dann hat diese schöne Stimme große Zukunft.

Gräfin von Eberbach – Spielalt/Lyrischer Mezzosopran – Margarete Joswig: begeistert mit manieriertem Vortrag antiker Sophokles-Texte – überzeugt mit außergewöhnlicher Bühnenpräsenz. Gesanglich konnte man ein schönes warmes Mezzofundament wahrnehmen – leider nicht mehr, da die Rolle mehr im gesprochenen Wort angelegt ist.

Baron Kronthal – Lyrischer Tenor/Jugendlicher Heldentenor – Alexandros Tsilogiannis: Tja, das ist ein typischer junger Tenor mit Riesenpotenzial, der einfach draufhaut. Die Mittellage ist so schön – lyrisch mit Kraft und Legato – und dann kommt stimmliches Bodybuilding -Kraftmeierei – unkontrolliert schießt er Töne nach oben ab – er hat doch die Höhe, alles ist da. Mit diesen lyrischen und Legato-Qualitäten kann hier eine große Karriere starten, wenn dies auch in exponierten Lagen trainiert wird.

Baronin Freimann – Lyrischer Koloratursopran/Koloratursoubrette – Mária Celeng: Diese ausgeformte Stimme ragt mit bestem Niveau heraus. Das ist schönster heutiger klassischer Gesang – mühelos ohne Schärfe, dynamische Registerwechsel – die Stimme schwebt und begeistert.

Nanette, ihr Kammermädchen – Sopran/Mezzosopran – Anna-Katharina Tonauer: begeistert als  junger Nachwuchs mit runder Bühnenpräsens. Hat hier leider wenig zu singen – da scheint eine Karriere im Anmarsch.

Baculus, Schulmeister auf dem Gut des Grafen – Spielbass/Bassbuffo – Christoph Seidl: sicher Hoffnungsträger, wenn es den Terminus gäbe: lyrischer Kavalierbass. Mit dieser Besetzung schadet man. Er soll ein alter Hagestolz sein – tatsächlich sieht man einen etwas unbeholfenen jungen Mann mit miserabler Perücke, den die Maske auch nicht ansatzweise alt geschminkt hat.  Seiner Paradearie „5000 Taler“ kann er nicht gerecht werden – noch fehlt diesem jungen leichten Bass das breite Fundament – auch wenn die Stimme in alle Lagen durchlässig und schön ist. Da ist wohl auch kein Mangel an Technik – aber in die Statur der alten Bass-Haudegen dieser Partie muss er noch hineinwachsen.

Gretchen, seine Braut – Spielsopran/Soubrette – Jasmina Sakr: die großartige Stimme sitzt bombig, ist weit über dem hier vorgegebenem Fach. Da kommt sicher eine jugendlich Dramatische. Die Stimme ist groß, schlank, ganz klar und sauber, völlig dynamisch in Registerwechseln – vielleicht könnte man dem Wohlklang noch etwas hinzufügen, wenn es gelingt, auch dem oberen Register eine zarte fühlende Weite zu geben – also nach oben nicht nur nasal linear zu gehen, sondern auch die Räume in der Schädelvertikale zu finden.

Pankratius, Haushofmeister des Grafen – Buffo – Martin Hausberg: „der Buffo ist für die Komik zuständig“. Diese Rolle kann man oft als grandiose Knallcharge erleben, mit extemporierten Kabinettstückchen (s. Frosch, Negus). In dieser Inszenierung bleibt die Figur leider farblos – gerade hier könnte die derb-komische Anlage dazu verführen, dem „Affen mal richtig Zucker zu geben“. Schade.

Nach drei Stunden beendete tosender Applaus den ausverkauften Abend, der nicht nur die leichte Muse bediente.

Noch ein Tipp an Kritiker, die diese Inszenierung unbedingt mit dem Freischütz, Rossini-Opern oder weiteren Opern in völlig anderen Musiktheater–Gattungen vergleichen wollen. Im Gärtnerplatz ist in der Spieloper „Der Wildschütz“ tatsächlich das drin, was drauf steht – und dies in aller Fülle – Unterhaltung in optimaler professioneller Aufbereitung mit dem Angebot auch tiefere Gedanken mitzunehmen. Daher: wer Freischütz oder Rossini will, sollte die doch dann auch nehmen. Der Wildschütz wurde als Wildschütz mit Begeisterung aufgenommen.

Tim Theo Tinn, 24. Februar 2018,
für klassik-begeistert.de

Titelbild:  Bildquelle Gärtnerplatztheater/ Christian Pogo Zach

 

 

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