Großartiger Ballettabend in der Hamburgischen Staatsoper

Beethoven-Projekt II, Ballett von John Neumeier,  Hamburg Ballett, 31. Mai 2021

Von links: Karen Azatyan, Charlotte Larzelere, Christopher Evans, Madoka Sugai, Alexandr Trusch, Kent Nagano, Anna Laudere, Matias Oberlin, Ida-Sofie Stempelmann, Atte Kilpinen (Foto: Ralf Wegner)

Hamburg Ballett, 31. Mai 2021

Beethoven-Projekt II, Ballett von John Neumeier

„Wo sieht man so etwas sonst noch auf der Bühne? In der Oper eigentlich kaum noch, auch gibt es dort keine neuen Stücke, zumindest keine, die vom Publikum so gut angenommen werden, wie gestern Abend Neumeiers neue Beethoven-Choreographie.“

von Ralf Wegner

Es war die dritte Aufführung seit der Premiere vor zwei Tagen, die Hauptpartien waren neu besetzt. Statt Aleix Martinez und Hélène Bouchet bestritten Alexandr Trusch und Madoka Sugai den ersten, mit Hausmusik übertitelten Teil. Drei Musikstücke wurden geboten: Die Sonate für Klavier und Violine Nr. 7 c-Moll opus 30 Nr. 2, Christus am Ölberge opus 85 sowie die Klaviersonate Nr. 21  C-Dur opus 53, die sogenannte Waldstein-Sonate. Der zweite Teil der Aufführung nannte sich Tanz, unter der Leitung von Kent Nagano spielte das im Hintergrund der Bühne postierte Philharmonische Staatsorchester Beethovens 7. Sinfonie A-Dur opus 92. Die Klavierstücke bestritt Mari Kodama, die Violine spielte Anton Barachovsky. Beide waren in die Szenerie eingebunden, ebenso der Tenor Klaus Florian Vogt, der den sängerischen Part des Stücks Christus am Ölberge vortrug.

Vogt, weit vorn am Bühnenrand postiert, gestaltete den Christus mit seiner silberhellen Stimme eindrucksvoll, aber für mein Empfinden im Forte auch etwas zu laut. Bezüglich des Orchesterklangs muss ich mich durch die Elbphilharmonie als verdorben bezeichnen. Der dortige glasklare, in den einzelnen Orchestergruppen gut zu differenzierende und den Saal akustisch nicht sprengende Klang stellte sich auf der Opernbühne nicht ein. Trotz der reduzierten Besetzung erschien mir das Orchester von der Lautstärke her zu dominant. Das lag wohl auch an dem seitlich, aber vor allem auch oben geschlossenen, wie ein Schalltrichter wirkenden, im Übrigen sehr schönen Bühnenbild von Heinrich Tröger. Der Schalleffekt war während des 2. und 3. Satzes der Sinfonie durch einen herabgelassenen Gazevorhang etwas gedimmt.

 

Aus dem ersten Teil: Madoka Sugai und Alexandr Trusch, Ensemblepyramide (Fotos © Kiran West)

Aber nun zum Eigentlichen, der Choreographie und dem Tanz. Es ist einfach bewunderungswürdig, was John Neumeier nach so langer Zeit immer wieder Neues auf die Bühne bringt. Formal wird wohl Beethovens Leiden mit der zunehmenden Hörstörung und seine Beziehung zu den ihm Vertrauten gezeigt, unterbrochen durch ein Christus-Solo, der auf dem Ölberg vor seiner Verhaftung durch die Römer mit Gott oder dem Teufel ringt (Karen Azatyan). Im zweiten Teil überwiegt Beethovens Freude an der Vertanzung seiner 7. Sinfonie.

Dieser Beethoven ist Alexandr Trusch, der mit Madoka Sugai zwei hinreißende, emotional ergreifende Pas de deux zeigt. Im Vordergrund stehen die nach oben über den Kopf führenden, einen Kreis, oder auch ein angedeutetes Herz stilisierenden Armbewegungen, die von Sugai in vollkommener Harmonie mit ihrem Partner geradezu zelebriert werden. Die choreographische Dominanz dieser Port de bras weist auf Hélène Bouchet hin, deren langgliedrige obere Extremitäten wie geschaffen für diese Art des tänzerischen Ausdrucks sind. Während Trusch und Sugai einfach ein wunderbar harmonisches, tänzerisch ausgezeichnetes junges Paar, ein Liebespaar, abgeben, dürften die vorausgegangenen beiden Aufführungen mit dem mehr expressionistisch tanzenden Aleix Martinez ganz anders gewirkt haben. Das ist auch das Schöne an Neumeiers Tänzerinnen und Tänzern: Die schon in der Ballettschule beginnende Förderung des individuellen Ausdrucks führt in derselben Choreographie zu ganz unterschiedlichen Interpretationen; kurz gesagt, Trusch und Sugai machen neugierig auf Martinez und Bouchet, wie es wohl auch umgekehrt der Fall ist.

Wie auch in anderen Balletten gelingt es Neumeier immer wieder, große Männerensembles zu emotional bewegenden Formationen zu führen, so im abschließenden Teil vor der Pause mit 16 bis zur sich schnell auf- und abbauenden Pyramide geführten Tänzern.

Aus dem zweiten Teil: Christopher Evans und Charlotte Larzelere (Foto © Kiran West)

Die ersten drei Sätze der 7. Sinfonie werden jeweils von einem Paar dominiert, der 4. Satz vereint alle Mitwirkenden auf der Bühne. Die recht neu im Ensemble vertretenen Ida-Sofie Stempelmann und der bereits in Ghost-Light mit furiosem Tanz in Erinnerung gebliebene Atte Kilpinen führen sechs Paare an, die sich, wenn man es so sagen darf, dem überschwänglichen jugendlichen Bewegungsdrang hingeben. Stempelmann wird dabei von einem Drehwurm erfasst, den sie mit Bravour zu Ende bringt. Der zweite Satz beginnt mit einem majestätischen Auftritt von Anna Laudere, allerdings nicht von ihrem erkrankten Ehemann Edvin Revazov gepartnert, sondern von Matias Oberlin. Vier Paare ergänzen Laudere und Oberlin, darunter Hélène Bouchet mit Félix Paquet, so dass man mitunter nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Den dritten Satz beherrscht der sprungstarke, mit langer weißer Hose gekleidete Christopher Evans, seine rotgewandete Partnerin ist Charlotte Larzelere.

Überhaupt sind die Kostüme von Albert Kriemler ein Hingucker. Blau-grau changierende Kleider, daneben welche in Grün, in Gelb und einzelne in Rot führen zu einem visuell ästhetischen Gesamtbild. Wo sieht man so etwas sonst noch auf der Bühne? In der Oper eigentlich kaum noch, auch gibt es dort keine neuen Stücke, zumindest keine, die vom Publikum so gut angenommen werden, wie gestern Abend Neumeiers neue Beethoven-Choreographie.

Ralf Wegner, 1. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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