George-Balanchine-Trust hat Copyright
- aber nicht recht

Brahms/Balanchine –  Zwei Ballette von George Balanchine, Hamburg Ballett John Neumeier, Staatsoper Hamburg, 13. Dezember 2018

Foto: © Kiran West
Brahms/Balanchine – Zwei Ballette von George Balanchine (1904-1983), Hamburg Ballett John Neumeier, Staatsoper Hamburg, 13. Dezember 201
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Liebeslieder Walzer
Choreografie: George Balanchine
Bühnenbild: Heinrich Tröger
Kostüme: Karinska

Brahms-Schoenberg Quartet
Musik: Johannes Brahms, Arnold Schönberg
Choreografie: George Balanchine
Bühnenbild: Heinrich Tröger
Kostüme: Judanna Lynn

Musikalische Leitung: Markus Lehtinen
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

von Teresa Grodzinska

Auf den  Abend des 13. Dezember habe ich mich besonders gefreut. George Balanchine und Brahms… ein russischer Tänzer und Choreograph lässt Hamburger Romantiker tanzen. Leider geriet der Abend ins Rutschen. Ich wünschte es wäre anders gewesen. Beide Namen sind groß, beide Männer wissen Kunst zu machen. Nur diese Mischung aus Brahms‘ “lieblicher” Musik und Balanchines großen, monotonen Gesten zündete nicht. Nicht im Geringsten.Liebeslieder Walzer op. 52 und 65 zu Texten von G. F. Daumer, 1855 von ihm gedichtet, aber als Übersetzung aus polnischen, russischen, und ungarischen Volksliedern herausgegeben, verwirren ungemein: ein Salon, ein Flügel, venezianische Fenster zum verschneiten Garten. Sieben Paare, Männer in Frack, Frauen in Recamiere-Roben. Sechs Stühle, ein Sofa. Viel Platz.

Drei der Paare tanzen nicht, tragen aber die gleichen Kostüme wie die Tänzer. Verwirrung in den vorderen Rängen beim Publikum: was tanzen sie gleich? Und die Musik… kein Orchester? Das Klavierduo sitzt mit dem Rücken zum Bühnengeschehen und – fatal – auch zu den Sängern: es gibt keinen Augenkontakt, keine Dynamik, nur den krampfhaften Versuch nicht aus dem Takt zu kommen. Die Tänzer bewegen sich mal zu zweit, mal zu viert, die Bewegungen wiederholend, spiegelbildlich, ermüdend, einschläfernd. Ich wünschte mir plötzlich eine Eisfläche… Das Quietschen der Ballettschuhe der Männer und der Tanzschuhe der Ballerinas war bizarr gut zu hören.

Wenn es Balanchine darum ging, die Langeweile des aristokratischen Salons darzustellen – das ist ihm  vollends gelungen.

Ich zitiere das dritte Lied:
“O die Frauen, o die Frauen,
wie sie Wonne tauen!
Wäre lang ein Mönch geworden,
wären nicht die Frauen!

Nach diesem Vierzeiler – und nur dort –  regte sich ein lauer Applaus. Danach sind wir alle wieder eingelullt worden und wachten am Ende des ersten Teils auf, klatschten kurz aber warm und gingen in die Pause. Volles Haus, 1200 Menschen trabten zur Tränke.

Ich ging, wie immer, erst an die frische Luft, dann in den ersten Stock, um das hervorragende Porträt von John Neumeier zu sehen. Ich wandte mich sozusagen ratsuchend an den Maestro. Es ist ein ungemein gutes Bild. Samtige Schwärze, aus der nur Gesicht, Hand und Füße ragen. Ein Yoga-Asana. Ein Mann, der es nicht nötig hat, mehr zu zeigen. Ein schweigender Ballett-Gott. Ein sanfter Allmächtiger.

Diesmal hat er den Stab an den George-Balanchine-Trust abgegeben. Copyright von höchster Qualität: Es ist niemand anderem als den Schülern von George Balanchine erlaubt, Ballette von George Balanchine einzustudieren. Ist das der Grund des Übels? Haben die Nachfolger George Balanchines (Nilas Martin, Maria Calegari, Bart Cook) „die Tradition zu Asche verkommen lassen, statt das Feuer zu bewahren”, um das berühmte Zitat zu bemühen?

Der zweite Teil des Abends “Brahms-Schönberg-Quartet” bestätigt diese Vermutung. Vier  10-15-minütige Tänze machen es zwar möglich, dass die ganze Belegschaft der John-Neumeier-Compagnie auftreten kann, aber als Grund für die Wiederaufnahme ist das entschieden zu wenig. Auch die im Interview mit John Neumeier im Programmheft angeführte Koinzidenz – ich zitiere unpräzise: “Unsere Ballettschule liegt in Horn und auch Brahms schrieb sein Werk dort” – überzeugt nicht wirklich. Nicht einmal das Finale, Rondo alla Zingarese, der Höhepunkt des Abends, wie die Journaille es nennt, zündet. Bedaure.

Ich war in dieser Vorstellung zusammen mit meiner russischen Freundin. Sie – gut erzogen und Kummer gewöhnt – sagte nur schmallippig: “zu wenig Sprünge und wenn, dann zu niedrige, zu viel Arbeit am Boden, kein Feuer. Unterdurchschnittlich.” Die Frau ist mit dem russischen Ballett in der Sowjetunion groß geworden.

Ich und jeder andere Zuschauer kann jederzeit auf YouTube-Filmchen zurückgreifen, in denen sowohl hohe Sprünge als auch jede Menge Feuer in beiden Balletten zu bewundern sind. Balanchine hat das Medium Film sehr bewusst genutzt. Er war auch eine Zeitlang in Hollywood, Nord- und Südamerika mit seiner Truppe unterwegs. Die große Depression der 1930er-Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts trieb ihn von dort fort. Sonst wäre das Feuer womöglich noch da.

Es gab einen Hauch von Balanchines Genialität: der dritte Satz des Brahms-Schönberg Quartets, das Andante, kam leichtfüssig und präzise daher. Das Corps de Ballet, in fantastische Kostüme von Judanna Lynn gehüllt, war wunderbar. Als die allesamt sehr jungen Ballerinas am Ende zu Boden sanken, rührte sich etwas in uns allen… Ach, so war es damals 1966 in New York bei der Premiere… Klasse…

Jetzt haben wir es mit dem George-Balanchine-Trust zu tun.

Teresa Grodzinska, 17. Dezember 2018
für klassik-begeistert.de

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