„Der Flüchtige Augenblick“ brennt doch so tief und dauerhaft in der Seele

Kintsugi – Leon Gurvitch (Klavier), Baikhadam Tungatarov und Virginia Tomarchio © Olaf Struck

Vier Choreografien und eine musikalische Uraufführung begeistern im Opernhaus in Kiel

von Patrik Klein

Am Anfang blieb die Bühne leer und beinahe dunkel. Die Konturen eines Flügels waren schemenhaft im Bühnenbild zu erkennen. Über den Flügel gebeugt saß der schwarz gekleidete Pianist, von dem nur der Rücken zu sehen war. Auf dem geschlossenen Flügeldeckel  lag eine Tänzerin in strahlendem Weiß gekleidet. Mit Beginn des sehr zarten  Klavierspiels kam Bewegung in die Szene – die Tänzerin nahm Kontakt zum Pianisten auf und  bewegte sich dann vom Flügel weg;  der Pianist streckte sich und erhob sein Haupt. Ein weiterer Tänzer  öffnete den Deckel des Flügels und stellte dem Pianisten das Notenpult auf den Flügel – ein intensives Ensembletanzerlebnis, bei dem der Flügel, die Musik und der Tanz zu einer geschlossenen Einheit verschmolz, nahm seinen Lauf… „Der Flüchtige Augenblick, Tanzabend von Edvin Revazov, Antoine Jully und Kristina Paulin
Oper Kiel, 6. April 2024 Premiere“
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In Kiel wagt man sich erfolgreich an das mit Schwierigkeiten gespickte romantische Ballett Giselle

Fotos: RW, Vitalii Netrunenko (Albrecht), Keito Yamamoto (Giselle), Gulzira Zhantemir (Myrtha, Königin der Wilis), Jean Marc Cordero (Hilarion, Wildhüter)

Tänzerisch-technisch überraschten Keito Yamamoto als Giselle und Vitalii Netrunenko als Albrecht mit guten Leistungen, ihr gelangen die 30 auf der Spitze gesprungenen Ronds de jambe quer über die Bühne, er sprang hoch und schaffte im zweiten Akt etwa die Hälfte der 30 Entrechat six mit anliegenden Armen, danach flügelte er. Besser schaffen es auch manche „Startänzer“ nicht.

Giselle, romantisches Ballett in zwei Akten

Ballett Kiel, Premiere am 20. Janauar 2024

Musik: Adolphe Adam, Friedrich Burgmüller, Ludwig Minkus
Choreographie: Jean Coralli, Jules Perrot, Marius Petipa
Inszenierung: Olena Filipieva
Bühne: Eva Adler, Kostüme: Angelo Alberto

Philharmonisches Orchester Kiel, musikalische Leitung: Chenglin Li

Opernhaus Kiel, Premiere vom 20. Januar 2024

von Dr. Ralf Wegner

Das Kieler Ballett wagte sich an Giselle, das romantische Ballett schlechthin, und zudem noch eines der technisch und darstellerisch anspruchsvollsten überhaupt. Dem früheren Neumeier-Tänzer und jetzigen Kieler Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko war es wichtig, wie im Programmheft zu lesen ist, auch ein solch anspruchsvolles Ballett im Programm zu haben. Mit seiner Stellvertreterin, der ehemaligen Ersten Solistin bei John Neumeier, Heather Jurgensen, verfügte er zudem über eine Ballettmeisterin, die als Giselle schon auf der Hamburger Bühne großen Erfolg hatte.

„Giselle, romantisches Ballett in zwei Akten
Ballett Kiel, Premiere am 20. Januar 2024“
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Großer Jubel im Kieler Opernhaus für Amilcar Moret Gonzales’ Ballett

Didar Sarsembayev (Jago), Leisa Martínez Santana (Emilia), Virginia Tomarchio (Desdemona), Amilcar Moret Gonzales (Othello), Filippo Valmorbida (Cassio), Hannah Sofo (Bianca) (Foto RW)

Mit großer innerer Körperspannung flog Virginia Tomarchio wie eine Feder auf ihre Partner zu und hielt die Spannung mit Eleganz auch in der getragenen Höhe. Vor allem vermochte sie mit ihrem perfekten klassischem Bewegungsrepertoire bereits im ersten Akt zu fesseln, daneben überzeugten Amilcar Moret Gonzales und Tomarchio noch vor der Pause mit einem rührenden Liebes-Pas de deux.

Othello 2 nach William Shakespeare

Theater Kiel, Opernhaus, 2. April 2023


von Dr. Ralf Wegner

Mit Amilcar Moret Gonzales stand ein erfahrener Othello-Darsteller auf der Bühne des Kieler Opernhauses, hatte er doch noch 2016 als Othello bei Neumeier in Hamburg getanzt. Wie in Hamburg mit Hélène Bouchet stand ihm jetzt in Kiel mit der 27jährigen italienischen Tänzerin Virginia Tomarchio eine kongeniale Desdemona zur Verfügung. Mit ihren langen Extremitäten zeigte sie schöne Port de bras und einen bewunderungswürdigen sog. Standspagat. Mit großer innerer Körperspannung flog sie wie eine Feder auf ihre Partner zu und hielt die Spannung mit Eleganz auch in der getragenen Höhe. Vor allem vermochte sie mit ihrem perfekten klassischem Bewegungsrepertoire bereits im ersten Akt zu fesseln, daneben überzeugten Gonzales und Tomarchio noch vor der Pause mit einem rührenden Liebes-Pas de deux. „Ballett, Othello 2 nach William Shakespeare
Theater Kiel, Opernhaus, 2. April 2023“
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Triumph des bösen Willens: „Die Jüdin“ von Fromental Halévy begeistert in der Oper Kiel

Foto: Die Jüdin, Kiel (c) Olaf Struck

Opernhaus Kiel
Theater Kiel, 10. April 2022

Eugène Scribe
Fromental Halévy

DIE JÜDIN

Große Oper in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Philharmonisches Orchester Kiel
Opernchor des Theaters Kiel

Daniel Carlberg Dirigent
Luise Kautz Inszenierung

von Dr. Andreas Ströbl

Die schlimmsten Lügen sind diejenigen, die die Lügner am Ende selbst glauben. Es sind auch die wirksamsten, weil sie mit großer Überzeugung an die weitergegeben werden, die vielleicht noch zweifeln. Sitzen die Lügner auf Machtpositionen, können ihre Lügen tödlich sein.

War „Die Jüdin“ von Fromental Halévy von 1835 ohnehin ein Fanal gegen den schon zur Entstehungszeit jahrhundertealten Antisemitismus, gewann diese frühe „grand opéra“ im 20. Jahrhundert entsetzliche Aktualität. Die wird in der Kieler Produktion mit feinster und zugleich klarster Theaterdidaktik noch gesteigert.

Wer hier Bertolt Brechts „Episches Theater“ assoziiert, liegt völlig richtig, denn die Inszenierung von Luise Kautz arbeitet mit Verfremdungseffekten, die in idealtypischer Weise aus einem angedeuteten Spätmittelalter über die Zeit des Faschismus direkt in die Jetztzeit führen. Die ganze Szenerie mit dem beweglichen Bühnenbild von Valentin Mattka belässt Hauswände, Architekturversatzstücke und Innenräume ganz bewusst als Kulissen, die fast tänzerisch hin- und hergeschoben werden und sich immer wieder neu formieren. Das schafft sowohl Offenheit und Dynamik als auch Intimität, je nach Bedarf und Handlung. „Fromental Halévy, DIE JÜDIN,
Opernhaus Kiel, Theater Kiel, 10. April 2022“
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"Götterdämmerung" in Kiel: Feine Opernkunst im hohen Norden

Foto: Theater Kiel,  Olaf Struck (c)

Oper Kiel, 1. Juli 2018
Richard Wagner, Götterdämmerung
Georg Fritzsch, Musikalische Leitung
Daniel Karasek, Regie
Chiharu Shiota, Anna Myga Kasten Bühne
Claudia Spielmann,
Kostüme
George Tellos, Licht
Konrad Kästner, Video
Marc Schnittger, Großfigur, Entwurf und Bau
Lam Tran Dinh, Choreinstudierung
Kirsi Tiihonen, Brünnhilde
Bradley Daley, Siegfried
Ks. Jörg Sabrowski, Alberich
Taras Shtonda, Hagen
Tatia Jibladze, Waltraute
Thomas Berau, Gunther
Agnieszka Hauzer, Gutrune
Tatia Jibladze, 1. Norn
Agnieszka Hauzer, 2. Norn
Katrin Adel, 3. Norn
Mercedes Arcuri, Woglinde
Ks. Heike Wittlieb, Wellgunde
Tatia Jibladze, Flosshilde
Opernchor und Extrachor des Theaters Kiel
Philharmonisches Orchester Kiel
Statisterie des Theaters Kiel 

von Sebastian Koik

Wow! Gerade wenn man das erste Mal eine Oper in Kiel besucht, kann ein solch starker Beginn wie in dieser „Götterdämmerung“ massiv beeindrucken! „Richard Wagner, Götterdämmerung,
Theater Kiel“
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Witzig, spannend und berauschend: Wagner klingt gut in Kiel

Foto © Olaf Struck
Richard Wagner, Siegfried
Theater Kiel, 25. März 2017

von Leon Battran 

Richard Wagner geht es in seiner Adaption der germanischen Heldensage um nicht weniger als um das Werden und Vergehen der gesamten Welt – an einem Vorabend und drei Tagen. Die Handlung von Siegfried spielt am zweiten Tag, also unmittelbar, bevor alles den Bach hinuntergeht – diese Aufführung an der Kieler Oper zeigt dagegen geradewegs nach oben. „Richard Wagner, Siegfried,
Theater Kiel“
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