Die Rheingold-Verhandlungen finden am Lagerfeuer in der Wüste statt

Richard Wagner (1813 – 1883), Das Rheingold  Hessisches Staatstheater Wiesbaden, 28. März 2024
Gloria Rehm © Karl und Monika Forster
Insgesamt war es eine Aufführung mit einer sehr schlüssigen und anregenden Inszenierung auf einem guten musikalischen Niveau, wozu auch das Orchester beitrug, das nur selten zu laut spielte, ansonsten aber einen schönen „Rheingold“-Klang hervorzauberte.
Der Ring des Nibelungen | Vorabend


Das Rheingold
Richard Wagner (1813 – 1883)
In deutscher Sprache mit Übertiteln.
Libretto vom Komponisten
Uraufführung 1869 in München

Hessisches Staatstheater Wiesbaden, 28. März 2024

von Dr. Bianca Maria Gerlich

Zu Ostern gibt Wiesbaden das zweite Mal in dieser Saison den „Ring des Nibelungen“ in Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg aus 2016/17.
Am Pult steht Michael Güttler, der insgesamt sein Orchester sicher durch den Abend führt und den Sängern recht subtil ihre Einsätze anzeigt, die das meist gar nicht nötig haben, so souverän beherrscht jede/r seine Rolle.
Das ist sehr angenehm, es gibt keine Unsicherheiten und die Sänger und Sängerinnen sind gut besetzt. Zwei stechen hervor, und zwar zunächst der Kammersänger Thomas de Vries als Alberich, der stimmlich besonders in der ersten Szene überzeugt, auch sein Spiel passt wunderbar zu der Figur, und irgendwie schafft er es, dass man in dieser Szene Mitleid mit ihm hat. Er wirkt sehr naiv und lässt die Rheintöchter eher schuldig erscheinen. Ach, hätten sie ihn doch gleich an sich herangelassen!

Gloria Rehm, Marta Wryk, Thomas de Vries © Karl und Monika Forster

Zurecht erhielt de Vries viel Applaus, nur übertroffen von Thomas Blondelle, der als Loge förmlich bejubelt wurde. Herrlich, wie er seine Rolle gestaltete! Seine Stimme setzte er variierend ein, je nach Loges Laune. Blondelle kann sich auch sehr leise Töne leisten und sogar zum Sprechgesang übergehen, er kann bewusst unschöne Töne produzieren, aber auch zum großen gesanglichen Bogen und Schöngesang ausholen. Es war eine Freude, Blondelle zu erleben, vor allem auch sein Spiel, wenn er nicht gerade im Einsatz war.

Die Regie hat den Loge gut passend zu Wagners Vorlage in Szene gesetzt, hat er doch im „Rheingold“ als einziger den Durchblick, was wirklich geschieht, nur kann er es nicht ändern, weil nicht er, sondern Wotan die Macht hat.

Thomas Blondelle, Ensemble, Jugendchor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden © Karl und Monika Forster

Wotan, gesungen von Simon Bailey, war nicht ganz so stark wie seine Kollegen Blondelle und de Vries, ebenso wie die anderen Sänger. Als Freia sprang Astrid Kessler ein, die ihre Rolle gut gestaltete und überzeugend sang. Beim Riesen-Brüderpaar überzeugte insbesondere Timo Riihonen als Fasolt in Szene 2; sehr gut, wie er seine Stellen mit Inbrunst füllte, ist es doch Fasolt, der verliebt ist. Young Doo Park kam dagegen als Fafner passenderweise kalt herüber. Paul Kaufmann spielte und sang den Mime gut, Aaran Cawley (Froh) und Birger Radde (Donner) waren stimmlich nicht ganz so durchschlagend.

Helena Köhne sang die Erda sehr gut, ebenso Katrin Wundsam die Fricka. Bei den Rheintöchtern gab es ein leichtes Gefälle: Am besten gefiel mir Anastasiya Taratorkina als Woglinde, gefolgt von Fleuranne Brockway als Wellgunde und Louise Fenbury als Flosshilde, die etwas zu wenig Substanz hatte.

Laufenbergs „Rheingold“ überzeugt, er lässt die Handlung im Großen und Ganzen wie bei Wagner stehen, nur ändert er das Setting.

In Szene 2 befinden wir uns im Nomadenzelt. Der Wunsch nach einer festen Wohnung, nach Sesshaftigkeit, einem gesicherten Leben wird verständlich. Wenn der Vorhang hinten in Szene 4 aufreißt und das Riesenportal zu Walhall passend zu Donners Hammerschlägen freigibt, ist das ein recht überwältigender Augenblick. Loges Feuer hatte zuvor die Götter veranlasst, sich um jenes zusammenzusetzen und zu beraten, so wie man es von Abenden in der Wüste kennt.

Ensemble, Jugendchor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden © Karl und Monika Forster

Doch auffällig ist, dass die Frauen nicht dabei sind, was ebenfalls zu einer Verortung in arabischen Wüstenwelten passt. Sie werden von den wichtigen Verhandlungen ausgeschlossen und Fricka singt in dem Zusammenhang  auch: „Doch mutig entferntet ihr Männer die Frauen“ – wie passend.

Da nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Göttin der Liebe wird verschachert. Sie wird zum Auslösen später in das verhängnisvolle Gold eingekleidet, quasi als Bauchtanzkostüm. Schön, dass gezeigt wird, wie Freia sich zu Fasolt hingezogen fühlt und seinen Tod betrauert. Erda tritt als Schamanin auf, die Runen wirft. Die Inszenierung überzeugt, sie verfremdet nicht, sondern erklärt. Auch die Kostüme waren dem Thema entsprechend angepasst und unterstrichen das Machtgehabe der Männer. Interessant, dass die Rheintöchter dieselben sind wie die Nornen, die hier zusammen mit Erda auftreten.

Insgesamt war es eine Aufführung mit einer sehr schlüssigen und anregenden Inszenierung auf einem guten musikalischen Niveau, wozu auch das Orchester beitrug, das nur selten zu laut spielte, ansonsten aber einen schönen „Rheingold“-Klang hervorzauberte.

Dr. Bianca Maria Gerlich, 29. März 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ring-Zyklus I, Das Rheingold und Die Walküre Staatsoper Unter den Linden, 18. und 19. März 2024

“Das Rheingold”, Richard Wagner Queensland Performing Arts Centre, Brisbane, 1. Dezember 2023

Richard Wagner, Das Rheingold Royal Opera House, 29. September 2023

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