Fotonachweis ©: Les Films Velvet/Baxter Films, Weltkino
Ein französischer Film erteilt eine Lektion in Sachen Kammermusik
Der Klang der Stradivari
Originaltitel: Les Musiciens
Ein französischer Kinofilm von 2025
Regie: Grégory Magne
Drehbuch: Grégory Magne in Zusammenarbeit mit Haroun
Kamera: Pierre Cottereau
Musik: Grégoire Hetzel
Musikalische Leitung und in der Rolle des Peter (2. Geige): Daniel Garlitsky
Kinostarts in Deutschland am 6. August 2026
und in Österreich am 20. August 2026
Kino Union, Berlin-Friedrichshagen, 28. August 2026
von Ralf Krüger
Zwei Geigen und eine Bratsche. Erschaffen von Antonio Stradivari. Ein Cello des Meisters wird auf einer Auktion für teures Geld ersteigert. Endlich kann Astrid den Wunsch ihres verstorbenen Vaters erfüllen. Dieser verfügte, dass ein Streichquartett des Komponisten Charlie Beaumont zur Aufführung gelangen solle. Von vier auserwählten Musikern auf vier alt-ehrwürdigen, jetzt vereinten Stradivaris gespielt. Das Konzert solle stattfinden in einer Dorfkirche mit großartiger Akustik, ohne Publikum vor Ort, dafür übertragen im Fernsehen.
Und so treffen sie aufeinander: George, der im Leben und in der Musik die “1. Geige” spielen will. Peter, der mit der Cellistin Lise wegen einer Liebelei nie wieder gemeinsam musizieren wollte. Und Apolline, die junge Frau mit der Bratsche, die durch „Social Media“ zum Klassik-Star mutierte, ohne je eine Hochschule besucht zu haben. In der ländlichen Abgeschiedenheit eines Châteaus sollen sie für das Konzert proben. Doch ein Grundkurs in Harmonielehre wäre weitaus wichtiger.
Auf der Website des Weltkino-Filmverleihs findet sich eine umfangreiche PDF-Datei – erdacht für den Musikunterricht an Schulen. Der Hit darin ist die zeichnerische Zerlegung einer Violine in sämtliche Einzelteile. Man erfährt auch etwas über das unsichtbare Innenleben, über Klötze, Bassbalken und Stimmstock. Die Kamera verwöhnt uns gleich zu Beginn mit einem Blick in eben dieses Innere. So ist „Der Klang der Stradivari“ auch ein kleiner Lehrfilm über Streich-Instrumente im Allgemeinen und die so besondere Handwerkskunst, die in einer langen Tradition auf Stradivari zurückgeht. Jenem Mann des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, von dem man immer noch nicht weiß, wann er genau geboren wurde.
Der Film, der sehr um Glaubwürdigkeit bemüht ist, lässt einen Geigenbauer unserer Tage die Rolle eines Geigenbauers spielen: François Ettori, der gemeinsam mit seinem Kollegen Thibault Pailler eine Werkstatt in Paris betreibt, entwarf nicht nur die Instrumente, die auf der Leinwand zu sehen sind – er spielt auch den herbeigerufenen Fachmann, der eine aus Leichtsinn zu Boden gegangene Geige repariert und somit das Konzert rettet.
Mit dem Eintreffen der Musikerinnen und Musiker am Probenort entwickelt sich die Handlung endgültig zum Kammerspiel. Im französischen Original nennen sie den Film „Les Musiciens – Die Musiker“. Das trifft es besser als der deutsche Titel. Allesamt sind sie Solisten, Könner ihres Fachs, aber auch Alphatiere, Egoisten und Besserwisser. Mit ihren vier Instrumenten müssen sie sich in Harmonie üben. Doch die ersten Proben enden im Chaos. Kleine Gemeinheiten bestimmen das Spiel. Um das Projekt noch zu retten, bittet Astrid den Komponisten inständig, der Gruppe beratend zur Seite zu stehen. Aber der hat das Streichquartett vor Jahrzehnten lustlos komponiert und ist nicht interessiert.
Wie das Werk nach einer Woche Probezeit dann doch Konzertreife erlangt, ist eine große Nummer. Der Zuschauer erlebt eine Lektion in Sachen Kammermusik. Er erlebt, wie einzelne Passagen der Partitur gespielt, geändert, geprobt und wieder verworfen werden. Er hört, wie eine plötzliche Eingebung der Cellistin die Stimmung eines ganzen Satzes beeinflussen kann. Er drückt sich in seinen bequemen Kinosessel und sieht über die Breite der Leinwand, wie sich vier in ihren Ansichten, Eigenschaften und Temperamenten so unterschiedliche Musiker zu einem Quartett formen, wo einer auf den anderen aufpasst, ihn achtet und sich mit ihm über Augenkontakte verständigt. Der unbedingte Wille nach Harmonie führt zum Happy End.
Grégoire Hetzel hat das Streichquartett direkt für den Soundtrack komponiert. Der Regisseur Grégory Magne lässt dem Film- und Musikfreund viel Zeit, es zumindest in Teilen zu genießen. Beim Abspann des Filmes steht niemand aus dem Publikum auf. Man liest und lauscht und hatte ein wohltuendes, beglückendes Kinoerlebnis.
Ralf Krüger, 30. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Buchbesprechung: Alessandra Barabaschi, Stradivari, Die Geschichte einer Legende, Böhlau Verlag
Sommereggers Klassikwelt 45: Ida Haendel – der Gesang der Stradivari