Opulente Punschkrapferlwelt

Die Fledermaus, Johann Strauß (Sohn)
Wiener Staatsoper, 4. Januar/Jänner 2017

Keine musikalische Sternstunde, aber gute, interessante Unterhaltung – das bot die dritte Aufführung der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Baptist Strauß (Sohn, 1825 – 1899) an der Wiener Staatsoper.

Wer das Glück hat, den Jahreswechsel in Wien zu verbringen, der sollte sich eine Aufführung der „Fledermaus“ in der Kulturstadt Wien nicht entgehen lassen! Die Inszenierung der „Fledermaus“ von Otto Schenk in der Wiener Staatsoper ist opulent und zuckersüß; sie stammt aus einer Zeit, die heutzutage schon ein wenig verstaubt wirkt.

Die Wiener Regie-Legende Schenk, 86, hat sie erstmals am 31. Dezember 1979 in Szene gesetzt. Mit Stofftapeten an den Wänden. Mit üppigen Kostümen, die an die Glanzzeit des „Walzerkönigs“ erinnern sollen. Mit großen, bunten Kunstblumen. Und die Herren aus dem Chor der Wiener Staatsoper tragen in der 162. Aufführung dieser Inszenierung schwarze Fracks, keine Frage.

Wie könnte wohl eine neue Inszenierung etwas frischeren Wind in das Haus am Ring wehen lassen? Wie könnte diese Punschkrapferlwelt zeitgemäß in Szene gesetzt werden?

„Es darf nichts überkandidelt wirken, darf nicht gepusht werden und komödiantisch derb daherkommen, sonst wird es ordinär“, sagt der Dirigent Sascha Goetzel in der österreichischen Zeitung „Der Standard“. Dies ist dem Team von Günther Schneider-Siemssen (Bühne) und Milena Canonero (Kostüme) gut, aber nicht sehr gut gelungen.

Die Gesangsleistungen an diesem Abend waren ganz unterschiedlich. Die beeindruckendste Partie des Abends gab die junge Sopranistin Alexandra Steiner als Kammerzofe Adele. Sie sang frisch, klar, im höheren Register sehr anmutig und auch im mittleren und tieferen Bereich schon sehr fraulich. Danke Frau Steiner, Sie haben dem Abend Glanz und Farbe verliehen. Schade, dass Sie bei den Bayreuther Festspielen in diesem Jahr nur in Nebenrollen auftreten werden: als Woglinde in Richard Wagners „Das Rheingold“ und in der „Götterdämmerung“ sowie als 1. Knappe und 4. Zaubermädchen Klingsors in Wagners „Parsifal.“

Von der Augsburgerin Alexandra Steiner, da ist sich klassik-begeistert.at ganz sicher, wird die Welt noch große Partien zu hören bekommen. Sie hat an den Musikhochschulen in Stuttgart und Würzburg sowie an der Wales International Academy of Voice studiert. Auch der „Neue Merker“ war voll des Lobes: „Alexandra Steiner, eine  junge, hübsche Sopranistin aus Bayern, hatte mit der Rolle des Wiener Stubenmadls keinerlei Probleme und gestaltete ihr Hausdebut zu einem großen, persönlichen Erfolg. Das neue Ensemblemitglied besitzt eine klare, schön timbrierte Stimme mit sicheren Höhen und lässt auch schauspielerisch keine Wünsche offen. Gemeinsam mit Regine Hangler gelang das Zusammenspiel zwischen der ‚Gnädigen’ und dem schlitzohrigen ‚Zoferl’ sowohl gesanglich als auch als Gesamteindruck – Gratulation zu diesem Debut!“

Eine sehr gute, immer wieder auch hervorragende Stimme offenbarte auch die Russin Elena Maximova, 38, als Prinz Orlofsky. Die Maximova arbeitet gerade an ihrer Weltkarriere, singt im Januar am New National Theatre in Tokio die Carmen in der gleichnamigen Oper von Georges Bizet, im März die Olga in „Eugen Onegin“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski an der „Met“ (The Metropolitan Opera) in New York und im Mai an der Opéra National de Paris die Maddalena im „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi. Bereits zur Eröffnung der Opernsaison 2015/2016 konnte sich klassik-begeistert.at im September 2015 von der wunderbaren Stimme der Maximova als Maddalena an der Wiener Staatsoper überzeugen: Sie verfügt über eine satte Tiefe und eine wohlklingende Mittellage. Ihre hohen Töne sind meist auch sehr anmutig.

Auch in der „Fledermaus“ überzeugte Elena Maximova bei den Ballszenen im 2. Akt trotz ihrer Zierlichkeit durch eine beeindruckende Bühnenpräsenz. Leider ist ihr Deutsch noch nicht gut genug, um bei den Sprechtexten zu überzeugen. Ein Minus ist auch, dass sie textlich kaum zu verstehen ist, wenn sie auf Deutsch den Prinz Orlofsky singt. Also, Frau Maximova, bleiben Sie einfach öfter in Wien und lesen Sie die Zeitungen in den Wiener Kaffeehäusern, dann wird sich Ihr Deutsch weiter verbessern. Eine Paraderolle ist der Prinz Orlofsky für Sie noch nicht.

Der Tenor Michael Schade, er wird am 23. Januar 52 Jahre alt, stammt aus Gelsenkirchen im Ruhrgebiet. Sein Vater Hans arbeitete laut Wikipedia als Ingenieur in Genf, wo seine drei Kinder, Johannes (Hans), Michael und Isabelle, geboren wurden. Nachdem Hans Schade vom kanadischen Nickelkonzern Inco angestellt worden war, zog die Familie 1977 nach Toronto (Kanada).

Michael Schade war mit der Mezzosopranistin Norine Burgess verheiratet. Derzeit lebt er in einer Großfamilie mit seiner Frau Dee McKee und acht Kindern. Schade bestritt im Rahmen der Salzburger Festspiele auch mehrere Liederabende und zahlreiche Orchesterkonzerte und Oratorien, zuletzt 2013 Die Schöpfung und Die Jahreszeiten von Joseph Haydn unter Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Er übernahm 2013 die künstlerische Leitung der Internationalen Barocktage Stift Melk (Niederösterreich) – und ist von Pfingsten 2014 bis Pfingsten 2019 für die künstlerische Programmierung des Festivals verantwortlich.

Als Eisenstein bot Michael Schade eine gesanglich und schauspielerisch sehr gute Leistung. Sein Tenor hat immer noch Strahlkraft und ist angenehm zu hören. Er spielte die Rolle des Eisenstein mit Augenzwinkern und viel Charme. Herr Schade, es war eine Freude ihnen bei der Arbeit zuzuhören und zuzusehen. Glücklich darf sich schätzen, wer im März Karten für Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ im Teatro alla Scala in Milano hat: Dort singt Schade den Stolzing.

Regine Hangler aus Eferding in Oberösterreich als Rosalinde, die Frau Eisensteins, vermochte hingegen nicht zu überzeugen an diesem Abend. Die Sopranistin offenbarte keine Wohlfühlstimme. Sie klang zu grell und zu spitz. Wir sind gespannt, wie sie im Juni 2017 im Haus am Ring die Chrysothemis in Richard Strauss` „Elektra“ zum Besten geben wird. Dass sie besser singen kann, hat sie als Gutrune in der „Götterdämmerung“ von Richard Wagner im Januar 2016 unter dem phantastischen Dirigat Adam Fischers bewiesen. Seit der Spielzeit 2013/14 ist die Sopranistin im Ensemble der Wiener Staatsoper engagiert.

Der gebürtige Wiener Bass-Bariton Wolfgang Bankl, 56, ist seit 1993 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. Der Österreichische Kammersänger hat die Partie des Gefängnisdirektors Frank schon 13 Mal gesungen. Bankl überzeugte mit einer angenehmen, vollen, männlich-virilen Stimme und mit großem Spielwitz. Sie haben klassik-begeistert.at viel Freude bereitet, Herr Bankl – herzlichen Dank! Das Publikum konnte Bankl im Haus am Ring bisher in über 50 verschiedenen Rollen in rund 800 Aufführungen hören.

Im Jahr 2000 hat Bankl gemeinsam mit dem Pianisten und Dirigenten Norbert Pfafflmeyer, dem Schriftsteller Harald Kollegger und dem Tonsetzer Schmerzhelm von Solchgemut das Kammermusikfestival giro d’arte, gegründet, das seitdem jeden Sommer stattfindet. Die Anfahrt zu den Veranstaltungsorten erfolgt dabei mit dem Fahrrad – das Programm widmet sich neben Johann Sebastian Bach und Franz Schubert der zeitgenössischen Musik.

Noch beeindruckender als Bankl war der Bariton Clemens Unterreiner, 39, auch gebürtiger Wiener, als Dr. Falke aufgelegt: „mit edel klingendem, technisch perfektem Bariton“, wie „Der neue Merker“ zu Recht notierte. „Sein natürlicher Ausdruck und sein Charme erlauben ihm scheinbar mit Leichtigkeit, die Balance zwischen temperamentvollem Spiel und nötiger Zurückhaltung zu finden und so gestaltete er den sympathischen Rächer mit Augenzwinkern aber auch mit Hingabe zu einem Gesamtkunstwerk.“ Sein „Brüderlein und Schwesterlein“ war einer der gesanglichen Höhepunkte des Abends.

Wikipedia verweist in einem sehr interessanten Artikel auf die sozialen Aktivitäten Unterreiners: „Seit er als Kind durch eine Augenkrankheit selbst erblindet war und erst durch langwierige Behandlungen seine Behinderung überwunden werden konnte, engagiert sich Unterreiner regelmäßig für karitative Organisationen und Projekte im In- und Ausland. Seit Dezember 2013 ist Clemens Unterreiner Präsident des Vereins HILFSTÖNE – Musik für Menschen in Not HILFSTÖNE. Er ist Testimonial und Pate des Aktionsraums Hilfswerk Österreich und unterstützt durch seine künstlerische, mediale Arbeit und Spenden unter anderem auch Volkshilfe Österreich, CS Hospiz Rennweg, Kinder Krebs Hilfe, Österreichischer Kinderschutzpreis und andere. Er unterstützt den Blinden- und Sehbehindertenverband Österreich (BSVÖ) und ist seit dem Jahre 2014 Botschafter dieser karitativen Organisation.“

Der Österreichische Kammerschauspieler Peter Simonischek, 70, spielte die Sprechrolle des Frosch. Von 2002 bis 2009 verkörperte er den Jedermann bei den Salzburger Festspielen. Seit 1999 ist er Ensemblemitglied des Burgtheaters in Wien. Simonischek ist ein ganz hervorragender Schauspieler, aber manche Pointen klangen ein wenig abgedroschen. Das Gelächter der Zuschauer hielt sich in Grenzen.

Internationale Bekanntheit und großes Lob seitens der Fachkritik brachte Simonischek 2016 die Titelrolle in Maren Ades Spielfilm Toni Erdmann ein. Für den Part eines alternden Musiklehrers, der seine freudlose Manager-Tochter in der Gestalt eines kauzigen Alter Egos aus der Reserve locken möchte, gewann er im selben Jahr als erster österreichischer Schauspieler den Europäischen Filmpreis als Bester Darsteller.

Der Dirigent Sascha Goetzel, 46, der dritte gebürtige Wiener an diesem Abend, ist seit Juni 2008 künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Borusan İstanbul Filarmoni Orkestrası (Borusan Philharmonisches Orchester) im türkischen Istanbul. Er lieferte mit dieser Serie seine ersten Wiener „Fledermäuse“ ab. „Die Orchesterpassagen gelangen flott und temperamentvoll – besonders das Vorspiel zum dritten Akt war mitreißend“, notierte „Der Neue Merker“ trefflich. „In den Handlungsszenen ging oft der Zusammenhalt verloren und die Einsätze kamen eher zufällig als geplant. Auch der großartige Staatsopernchor, der gesanglich und darstellerisch überzeugte, hatte unter Asynchronitäten zu leiden.“

Die Kompositionen von Johann Strauss (Sohn; „An der schönen blauen Donau“) werden von manchen Opernliebhabern ein wenig belächelt. Dabei sahen und sehen ihn bedeutende Menschen als ganz großen Komponisten:

– „Das Charakteristische jeder großen Kunst ist auch der von Johann Strauss zu eigen: Sie lastet nicht, sie schwebt und macht, dass wir mit ihr schweben …“ Felix Weingartner

– „Die Familie Strauss ist ein eigener Kosmos, der mit nichts in der Welt vergleichbar ist.“ Mariss Jansons

-„Johann Strauss ist der musikalischste Schädel der Gegenwart. […] Es leben alle musikalischen Genies von Bach bis Johann Strauss.“
Richard Wagner

-„Wir Schriftsteller zeigen der Welt, wie elend sie ist – Strauss zeigt uns, wie schön sie sein kann.“
Émile Zola

 Wikipedia schreibt: „Die Melodien in der ‚Fledermaus‘ stammen in erster Linie von Johann Strauß (Sohn). Die Instrumentierung wurde großenteils von Richard Genée beigesteuert, der auch als Librettist beteiligt war.

Die Musik soll in den wesentlichen Teilen innerhalb von 42 Tagen im Sommer 1873 in Strauß‘ damaliger Wohnung (1870–1878) in der Maxingstraße 18 in Hietzing (seit 1892 13. Wiener Bezirk) entstanden sein, wobei Strauß hauptsächlich als Urheber der Melodien in Erscheinung trat, während große Teile der Instrumentierung von Genée ausgeführt wurden. Ein Musikstück aus dem neuen Werk wurde bei einem Wohltätigkeitskonzert im Oktober 1873 erstmals dem Wiener Publikum vorgestellt, dies war der Csárdás aus dem zweiten Akt. Dieser und die Ouvertüre sind die einzigen musikalischen Teile, die vollständig von Johann Strauß komponiert wurden.

Wegen des großen Erfolges dieser Csárdás-Aufführung wurde die Uraufführung der gesamten Operette rasch vorangetrieben, musste aber infolge der inzwischen ausgebrochenen Wirtschaftskrise („Gründerkrach“) mehrfach verschoben werden. Schließlich ging sie am 5. April 1874, unter der musikalischen Leitung des Komponisten, im Theater an der Wien über die Bühne. Nach späteren Behauptungen sei sie in Wien kein „Sensationserfolg“ gewesen, in Wirklichkeit fand sie durchwegs anerkennende Zustimmung bei Publikum und Presse. Bis 1888 folgten weitere 199 Aufführungen in demselben Theater. In anderen Städten war allerdings die Aufnahme erheblich besser, zum gleichen Zeitpunkt war sie in Berlin bei einem späteren Startzeitpunkt bereits über 300 Mal aufgeführt worden.

Die erste Aufführung in einem Opernhaus erfolgte 1894 unter dem Dirigat von Gustav Mahler im Stadt-Theater Hamburg (heute Hamburgische Staatsoper).“

Andreas Schmidt
klassik-begeistert.at, 5. Jänner 2017
klassik-begeistert.de, 5. Januar 2017

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