Luca Pisaroni singt sich in die Herzen

La sonnambula, V. Bellini,  Wiener Staatsoper

Foto: M. Pöhn (c)
La Sonnambula (Die Nachtwandlerin), Vincenzo Bellini
Wiener Staatsoper, 7. Jänner 2017

Wer eine Oper semiseria, eine Mischung aus ernsten und heiteren Rollen, in sehr guter Besetzung sehen möchte, der ist bei „La sonnambula“ (Die Nachtwandlerin) von Vincenzo Bellini an der Wiener Staatsoper in einer pompösen Inszenierung gut aufgehoben. Die Komposition, uraufgeführt am 6. März 1831, hat klassik-begeistert.at indes nicht vollends von den Socken gehauen: Ihr fehlt der Melodienreichtum oder gar die Genialität eines Giuseppe Verdi. Aber sie offeriert den Solisten schöne Partien, bei denen sie zeigen können, was sie drauf haben und was nicht.

Dabei ist Bellini natürlich nicht so schlimm, wie das deutsche Jahrtausend-Genie Richard Wagner einst notierte: „Wäre Bellini bei einem deutschen Dorfschulmeister in die Lehre gegangen, er hätte es wahrscheinlich besser machen lernen, ob er aber dabei nicht seinen Gesang verlernt hätte, steht allerdings sehr zu befürchten.“

Der Abend in der Staatsoper – die 51. Aufführung in dieser Inszenierung – offenbarte immer wieder nette Passagen mit schönem Gesang und schönen Szenen des Chors der Wiener Staatsoper. Star des Abends war zweifelsohne der Belcanto-Tenor Juan Diego Flórez. Er sang den Elvino, mit dem er es bisher im Haus am Ring auf 19 Auftritte gebracht hat. Seinen 20. singt er an seinem Geburtstag, den 13. Jänner 2017, da wird er 44 Jahre alt. Felicidades, Senor Flórez!

Der Peruaner aus Lima hat seit 2006 die österreichische Staatsbürgerschaft, zusätzlich zur peruanischen. Seit dem 23. April 2007 ist er mit der deutschen Schauspielerin Julia Trappe verheiratet. Die standesamtliche Zeremonie fand in Wien statt. Die kirchliche Hochzeit wurde am 5. April 2008 in der Kathedrale von Lima gefeiert. Seit 2012 ist er Österreichischer Kammersänger.

Flórez zeigte wieder einmal sehr schön, mit welcher herausragenden Strahlkraft er in den ganz hohen Lagen zu singen in der Lage ist. Ansonsten galt für ihn, was klassik-begeistert.de schon beim Solistenkonzert in der Wiener Staatsoper am 28. September 2016 notiert hatte: „Keine Frage, es war ein sehr guter, ein hoch professioneller Auftritt, den Juan Diego Flórez hinlegte. Was aber in weiten Teilen fehlte an diesem Abend war das Magische, das Gänsehautgefühl, das Unter-die-Haut-Gehende, für das der Tenor schon während zahlreicher Opernabende im Haus am Ring gesorgt hat. Flórez’ Stimme fehlte an diesem Abend das Leichte, das Selbstverständliche, das Samtige. Ja, man kann fast sagen, er sang nicht ganz mit Herz und Seele, sondern spulte sein Programm auf sehr hohem Niveau ab.“

Wer einmal einen Juan Diego Flórez auf Weltklasseniveau hören möchte, der höre sich bitte auf YouTube folgende Einspielung von „La sonnambula“ aus der Wiener Staatsoper aus dem Jahre 2001 an:

https://www.youtube.com/watch?v=iRthlGFyqx0

Der Peruaner singt bei dieser Aufnahme wie am 7. Jänner 2017 den reichen Bauern Elvino. Aber er singt ihn im Vergleich zu Samstag tragender, freier, größer, weniger kehlig, weniger gepresst.

Die Verlobte Elvinos, Amina, singt auf dieser YouTube-Einspielung Stefania Bonfadelli. Auch an diese Leistung vermochte die im niederöstereichischen Pottenstein geborene Sopranistin Daniela Fally am Samstag nicht heranzureichen. Die Koloraturen der 36-Jährigen waren anfangs noch statisch und teilweise unsauber ­– wurden dann aber immer besser. Fally überzeugte in den lyrischen Passagen mit angenehmen weichen Tönen. Je länger die Aufführung am Samstag dauerte, desto klarer und leichter wurden auch ihre Koloraturen. Fally ist Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und war vier Jahre lang Ensemblemitglied der Wiener Volksoper.

Die größte Wohlfühlstimme präsentierte an diesem Abend der Italiener Luca Pisaroni, geboren am 8. Juni 1975 in Ciudad Bolívar, Venezuela. Er ist ein italienischer Opernsänger (Bassbariton), der an bedeutenden Opernhäusern singt und für seine Mozart-Interpretationen bekannt wurde. Pisaroni wohnt in Wien. Im März singt er im Haus am Ring den Méphistophélès in der Oper „Faust“ von Charles Gounod.

Als Pisaroni vier Jahre alt war, zog seine Familie laut Wikipedia von Venezuela in die norditalienische Kleinstadt Busseto, in der einst Giuseppe Verdi lebte und wirkte. Sein Vater besaß eine Autoreparaturwerkstatt, seine Mutter arbeitete als Lehrerin. Der Sänger sagt über seine zweite Heimatstadt, in ihr spüre „man den Geist Verdis in allen Ecken und Enden“. Daher stamme auch seine Leidenschaft für die Oper. Er ging regelmäßig mit seinem Großvater in die Oper und wusste bereits im Alter von 11 Jahren, dass er Opernsänger werden wollte.

Luca Pisaroni war der einzige Sänger, der am Samstag mit seinem Gesang das Herz zu öffnen vermochte. Seine tiefere Lage ist sehr männlich, voll und viril. Seine größte Stärke liegt aber zweifelsohne im höheren Register; hier singt er sehr zarte, butterweich schmelzende Töne, die die Sinne erfreuen. Grazie, Signore Pisaroni, für diesen formidablen Auftritt! Sie haben wirklich mit Herzblut gesungen!

Der Spanier Guillermo García Calvo dirigierte das Orchester der Wiener Staatsoper mit Verve und Präzision. „Im Gegensatz zu Bellinis übrigen Opern enthält ‚La sonnambula’ keine dramatischen, leidenschaftlichen Ausbrüche“, sagt der Opernkritiker Rolf Fath. „Die Titelfigur Amina inspirierte ihn zu einer elegisch ausgesponnenen, weichen Musik, in der die volkstümlichen Chöre heitere Akzente setzen.“

Als einzige von Bellinis Opern verschwand „La sonnambula“ nie von der Bühne, da sich die großen Primadonnen wie Maria Callas (1955 im Teatro alla Scala) und zuletzt Anna Netrebko (2006 in der Wiener Staatsoper) gern des Schweizer Waisenmädchens Amina annahmen.

P.S. Das Gänsehautgefühl, das Unter-die-Haut-Gehende, das Herzeröffnende offenbarte einen Tag später das Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper von 2011 bis 2016, Valentina Nafornita, 29. Die Moldawierin glänzte im wahrsten Sinne des Wortes im Großen Musikvereinssaal am 9. Jänner 2017 mit vier Titeln beim Neujahrskonzert des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich unter dem Wiener Dirigenten Alfred Eschwé, der an der Volksoper Wien das gesamte Repertoire in Oper und Operette betreut.

Hier ein schönes Klangbeispiel der Sopranistin aus YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=GH5ZV3wX0pU

Wer Valentina Nafornita in dieser Saison in Wien hören möchte, sollte Karten an der Wiener Staatsoper kaufen:

– März 2, 5, 9 2017, Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni (Zerlina)
– April 28, Mai 2, 4 2017, Mozart: Le nozze di Figaro (Susanna)
– Juni 22, 25, 28 2017, Gaetano Donizetti: L’elisir d’amore (Adina)

Andreas Schmidt, Wiener Staatsoper
8. Jänner 2017

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