"Vollendet ist das große Werk!"

Die Schöpfung, Oratorium, Joseph Haydn;
NDR Elbphilharmonie Orchester, Thomas Hengelbrock;
Elbphilharmonie Hamburg, 19. Januar 2017

Sie haben extra ihre wunderschöne Insel verlassen, um in Hamburg eines der schönsten Werke der Musikgeschichte zu hören: Wiebke, 64, und Ulrich Hahn, 66, nahmen am Donnerstag um 9.35 Uhr die Fähre in Wittdün auf der Nordseeinsel Amrum, fuhren zum Festland nach Dagebüll (Schleswig-Holstein) und dann weiter mit dem Auto in Richtung Hamburg. Dort verfolgte das Ehepaar dann um 20 Uhr gemeinsam mit 2100 Zuhörern die erste Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ – dargeboten vom NDR Elbphilharmonie Orchester unter Thomas Hengelbrock, dem NDR Chor und fünf Solisten.

Seit Jahren haben die Hahns ein Abonnement des NDR Elbphilharmonie Orchesters – und sie haben viele Jahre darauf gewartet, dass dieses Rundfunkorchester von der Laeiszhalle in die Elbphilharmonie umziehen wird. Am Donnerstag gaben Thomas Hengelbrock und seine Musiker im Großen Saal der Elbphilharmonie das vierte Konzert binnen acht Tagen: nach den beiden Eröffnungskonzerten am Mittwoch und Donnerstag vorheriger Woche sowie Felix Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“ am Sonntag nun also das am 30. April 1798 in Wien uraufgeführte Oratorium „Die Schöpfung“. Am heutigen Freitag sowie am Sonntagvormittag folgen noch zwei weitere Aufführungen.

„Von der Elbphilharmonie hat man ja schon ähnlich wie vom Hamburger Sport-Verein geredet: Der HSV hat ein tolles Stadion, aber eine schlechte Mannschaft“, sagte Ulrich Hahn. „Aber ich bin rundum begeistert: Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt sehr gut, die Nuancen zwischen den leisen und den lauten Stellen sind sehr gut zu hören. Mir gefällt die Akustik im großen Saal. Die Dynamik der ‚Schöpfung’ ist sehr gut hörbar.“

„Vollendet ist das große Werk! – Mit Staunen sieht das Wunderwerk der (Himmels-) Bürger frohe Schar“: Diese Worte aus Josephs Haydns „Schöpfung“ gelten dem Sechstagewerk Gottes. Sie liegen dieser Tage in ähnlicher Form vielen Konzertbesuchern auf den Lippen, wenn sie das erste Mal den Großen Saal der Elbphilharmonie betreten.

Auch die Zeugen der ersten Aufführungen der „Schöpfung“ waren vor 218 Jahren überwältigt. Haydn schlug mit seinem Oratorium ein neues Kapitel der Geschichte dieser Musikgattung auf. Noch zu Lebzeiten des Komponisten wurde das Werk in seiner musikalischen Vollkommenheit geradezu als „zweite Schöpfung“ gehandelt.

Sujet, Musik und Spielstätte führten im Konzert am Donnerstagabend zu einem fulminanten Zusammenklang: Das im Werk ausgedrückte Lob der neu erschaffenen Welt, das sich von 1798 bis heute unmittelbar mit der Begeisterung über Haydns seinerzeit neuartige Komposition verbindet, geht im Jahre 2017 mit der Euphorie im neuen Konzertsaal einher.

Nun sind Gottes alttestamentarisch überlieferte Welterschaffung in sechs Tagen, Haydns Vollendung der Partitur in rund 15 Monaten und der Bau der Hamburger Elbphilharmonie in knapp zehn Jahren gewiss nicht vergleichbar. Aber es finden sich doch Parallelen zwischen diesen drei „Schöpfungen“: Wann immer es um das Entstehen von etwas Großartigem, vorher nie Dagewesenem geht, begleiten Irrungen und Wirrungen, hohe Erwartungen und Hoffnungen den Weg.

„Der NDR Chor hat den Saal sehr schön mit Wohlklang gefüllt“, sagte Wiebke Hahn, „als Sängerin im Hamburger Laienchor Da Capo hat mir der Gesang dieses Profichores ganz hervorragend gefallen. Der Raumklang im Großen Saal ist besonders schön, wenn der NDR Chor singt.“

Ja, der von Philipp Ahmann einstudierte NDR Chor bot wie das Orchester wieder eine sehr gute Leistung. Nur eines müssen die meisten Damen und Herren noch stärker berücksichtigen: Bitte den Blick nach vorne beim Singen! Dann sieht und hört sich das Ganze noch besser an. Die Frauen machten das teilweise ganz gut. Die Männer guckten hingegen vornehmlich in die Noten, besonders intensiv und stur tat dies der Tenor in der ersten Reihe ganz links, wohingegen der Bass in der ersten Reihe ganz rechts das ganze Werk vollkommen auswendig sang – es war eine Freude, Ihnen zuzuschauen, lieber NDR-Bass!

Thomas Hengelbrock führte sein Orchester sehr leicht und locker durch das Oratorium – nur die Hörner gaben dabei einige Misstöne von sich. Das Residenzorchester der Elbphilharmonie kommt aber immer besser mit den Feinheiten des Großen Saales der Elbphilharmonie klar und lotet die Pole zwischen Pianissimo und Fortissimo immer feinfühliger aus. Das war die bislang stärkste Leistung des Hamburger Klangkörpers.

Unterm Strich sehr gut waren die fünf Solisten. Alle waren sehr gut aufeinander abgestimmt, sehr facettenreich in der Dynamik und Lautstärke, sehr einfühlsam und sehr textstark.

Die Sopranistin Christina Landshamer bestach als Gabriel mit einer tollen Höhe, vermochte aber auch im tieferen Register sehr angenehm zu überzeugen. Ein Höhepunkt in dieser Saison ist für die gebürtige Münchnerin die Europatournee mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Alain Gilbert. Dort singt sie in Gustav Mahlers 4. Sinfonie.

Die Sopranistin Anna Lucia Richter als Eva bot eine sehr überzeugende Leistung mit einer sehr angenehmen Tiefe und einer schönen Strahlkraft in der Höhe. Zu den Höhepunkten in dieser Saison zählen das Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals mit Gustav Mahlers 8. Sinfonie sowie Liederabende in der New Yorker Carnegie Hall sowie im Amsterdamer Concertgebouw.

Phantastisch war der Tenor Maximilian Schmitt als Uriel. Wow, was für eine Strahlkraft in der Höhe! Sehr angenehm war der ehemalige Regensburger Domspatz in allen Bereichen zu hören. Schmitt gibt im Juni 2017 sein Debüt an der Mailänder Scala als Pedrillo in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“.

Der gefragte kanadische Bassbariton John Relyea bot ebenfalls eine außergewöhnlich gute Leistung. Schon nach seinen ersten warmen, tiefen Tönen als Raphael hing das Publikum an seinen Lippen: „Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war leer, und Finsternis war auf der Fläche der Tiefe“ – wunderbar männlich, viril, väterlich. Thank you, John! Sie haben diese Hauptrolle wunderbar ausgefüllt.

Auch sehr gut war der Bariton Johannes Kammler als Adam im dritten Teil. Er überzeugte in allen Lagen. Der ehemalige Augsburger Domsingknabe singt den Adam in dieser Saison noch unter der Leitung von Gustavo Dudamel, dem diesjährigen Dirigenten des Neujahrskonzertes aus dem Großen Musikvereinssaal, in der Disney Concert Hall mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra.

Andreas Schmidt, 20. Januar 2017
klassik-begeistert.de

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