So schön kann ein Konzertflügel klingen

Mitsuko Uchida, Mozart, Schumann, Widmann,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
Mitsuko Uchida: Wolfgang Amadeus Mozart, Sonate C-Dur KV 545 „Sonata facile“;
Robert Schumann: Kreisleriana / Acht Fantasiestücke für Klavier op. 16;
Jörg Widmann: Sonatina facile;
Robert Schumann: Fantasie C-Dur op. 17;
Elbphilharmonie Hamburg, 18. Januar 2017

Die Meisterin war zufrieden. Und der Klavierstimmer ebenso. Der Steinway-Flügel mit der Nummer 604 163 hat am Mittwochabend seine Feuertaufe im Großen Saal der Elbphilharmonie im Hamburger Hafen bravourös bestanden. Die sensible Weltklasse-Pianistin Mitsuko Uchida holte aus dem Flügel made in Hamburg-Bahrenfeld ganz wunderbare Töne, vom zartesten Pianissimo bis zum muskulösen Fortissimo, hervor. Der renommierte Schweizer Klaviertechniker Georges Ammann hatte das kostbare Instrument zuvor auf Perfektion getrimmt.

Hätten Wolfgang Amadeus Mozart und Robert Schumann das feinfühlige Spiel der Britin japanischer Herkunft zu ihren Lebzeiten hören dürfen, sie hätten gesagt: Feiner, bewegender, atemberaubender können unsere Werke nicht erklingen. Der Komponist Jörg Widmann konnte Uchida persönlich seinen Dank für die großartige Uraufführung seiner Komposition Sonatina facile (2016) aussprechen. Und die 2100 Zuhörer in der Elbphilharmonie dankten Dame Uchida mit tosendem Applaus schon vor der Pause: nach Mozarts Sonate C-Dur KV 545 „Sonata facile“ (1788) sowie Schumanns „Kreisleriana“, den acht Fantasiestücken für Klavier op. 16 aus dem Jahre 1838 – sowie acht Minuten lang zum Schluss nach der „Sonatina facile“ von Jörg Widmann und Schumanns Fantasie C-Dur op. 17 (1836).

Liebe Steinway-Klavierbauer, liebe Dame Mitsuko: Sie haben so gut harmoniert, dass das Publikum in der Elbphilharmonie dem Spiel fast ohne jegliche Geräusche und ohne Bewegung folgte. Ergriffen und glücklich. Verträumt in der Welt des Wohlklangs.

So schön kann ein Flügel klingen.
So wunderbar kann eine Meisterin spielen.
Mit Herz und Leidenschaft.

Fünf Konzertflügel waren von Steinway & Sons in der Fabrik in Hamburg-Bahrenfeld für die Elbphilharmonie ausgewählt worden – von 12 Flügeln. Von diesen fünf Konzertflügeln suchte Dame Mitsuko mit Unterstützung des Chefakustikers der Elbphilharmonie, Yasuhisa Toyota, drei aus: in D, der Flaggschiffgröße von Steinway, jeder 2,74 Meter lang und rund 150.000 Euro teuer. „Wir suchen einen sehr brillanten Flügel für das virtuose Repertoire“, sagte Generalintendant Christoph Lieben-Seutter damals. „Dann einen, der groß klingt, aber ein bisschen wärmer ist, für Solokonzerte mit Orchester, und schließlich einen für Kammermusik und Liedbegleitung, der eher im Kleinen Saal zu Hause ist.“

Der Franzose Sylvain Genet, 40, in Hamburg zu Hause und bei Limoges geboren, war schier begeistert nach seinem dritten Besuch in der Elbphilharmonie. „Die Akustik im Großen Saal ist phantastisch,“ sagte der ausgebildete Klarinettist und Diplom-Ingenieur zu klassik-begeistert.de. „Das ist eine Riesenkonzerthalle, und es klingt trotzdem sehr intim.“

Sylvain Genet hatte am Mittwoch noch um 18.30 Uhr an der Abendkasse eine Konzertkarte der teuersten Kategorie für 75 Euro erworben. „Ich musste nur zwei Minuten warten. Je suis très heureux – ich bin sehr glücklich“, sagte der Franzose. „Frau Uchida spielt sehr leicht und luftig, ja leger: locker und ungezwungen. Die Schumann-Stücke hat sie mit einer tollen Technik gespielt – ich war einfach nur verträumt.“

Auch Genets Arbeitskollege Santaro Sakata, 32, geboren in Tokio, war hin und weg von der Darbietung der Grande Dame am Steinway-Flügel: „Ich spiele seit 26 Jahren Klavier und kenne die Sonata facile von Mozart in- und auswendig. Das Stück hört sich scheinbar einfach an und könnte sehr langweilig klingen, wenn man einfach nur nach Noten spielt. Das hat Frau Uchida aber nicht gemacht. Sie wechselte bravourös von leicht zu schwer, von schnell zu langsam. Ich finde es ganz wunderbar, dass sie diese bekannte Mozart-Sonate ausgewählt hat – die kennt jeder, aber mit dieser Spielfreude habe ich sie noch nie gehört.“

Die Deutsche Presse Agentur (dpa) hat den Gala-Auftritt von Mitsuko Ushida zusammengefasst: „Der erste Klavierabend in der Hamburger Elbphilharmonie ist am Mittwoch vom Publikum gefeiert worden. Mitsuko Uchida (68), britische Pianistin japanischer Herkunft, spielte im 2100 Besucher fassenden Großen Saal Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann und dem zeitgenössischen deutschen Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann (43). Uchida gehört zu den bedeutendsten Pianisten der Gegenwart. Sie hat als Interpretin von Werken Mozarts und Schuberts Weltruf. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen gehören ein Grammy für Mozarteinspielungen und der als ‚Nobelpreis der Künste‘ bekannte Praemium Imperiale.

Von Mozart stand in der Elbphilharmonie zunächst die Sonate ‚Sonata facile’ auf dem Programm. Dann interpretierte Uchida mit tiefem Gefühl und weichem Anschlag Schumanns ‚Kreisleriana’. Der 1838 komponierte Klavierzyklus gilt als ein Schlüsselwerk der romantischen Klavierliteratur.

Nach der Pause brachte Uchida Widmanns ‚Sonatina facile’ mit expressivem Spiel und höchstem technischen Können zur gefeierten Uraufführung. Das rund zehnminütige Werk knüpft nicht nur vom Namen an Mozarts ‚Sonata facile’ an. ‚Mozarts Musik war für mich Ausgangspunkt und Experimentierfeld für etwas Neues’, erklärte Widmann in einem Interview. ‚Meine Klaviermusik spielt sich oft in den Extremlagen der Tastatur ab. Bei Mozart herrscht die Mittellage vor, gerade in der Sonata facile (…) Der Titel ,facile‘ ist bei mir auch fast eine Provokation: Es ist alles andere als leicht zu spielen, soll aber leicht klingen.’ Den Abend beschloss Schumanns romantische ‚Fantasie C-Dur op. 17’.

Am 7. Februar ist ein gemeinsames Konzert von Uchida mit Widmann vorgesehen, und am 23. Februar leitet sie vom Klavier aus ein gemeinsames Konzert mit dem Mahler Chamber Orchestra – als Abschluss ihrer kleinen Konzertreihe an der Elbe.“

Andreas Schmidt, 19. Januar 2017
klassik-begeistert.de

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