"Three Chords and the Truth", Ken Burns’ faszinierende Reise durch die soziokulturelle Seele amerikanischer Volksmusik

DVD Besprechung, Ken Burns: „Country Music – A Story of America, One Song at a Time“, klassik-begeistert.de

Ken Burns legt mit dieser DVD-Box „Country Music – A Story of America, One Song at a Time“eine faszinierende Produktion vor, die ihresgleichen sucht. Zusammen mit dem auf jeder einzelnen DVD enthaltenen Bonus-Material kann man gut eine ganze Woche veranschlagen, um diese kinematografische Entdeckungsreise mitzumachen, die auch für Liebhaber klassischer Musik interessant sein dürfte.

DVD Besprechung (8 DVD-Box)
Produktion: PBS
Erstausstrahlung: 15. September 2019

ASIN: ‎ B07XQRH1JW (Amazon)

von Dr. Holger Voigt

Kultur ist stets zugleich auch Kulturgeschichte. Niemand weiß dieses besser als der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete US-amerikanische Dokumentarfilmer Ken Burns, nach dem im Übrigen der sog. „Ken-Burns-Effekt“ benannt wurde: Die filmende Kamera fliegt wie eine Drohne über eine unbewegliche Fotografie und erzeugt dadurch den Effekt einer dynamischen Filmsequenz.

Ken Burns legt mit dieser DVD-Box „Country Music – A Story of America, One Song at a Time“eine faszinierende Produktion vor, die ihresgleichen sucht. Zusammen mit dem auf jeder einzelnen DVD enthaltenen Bonus-Material kann man gut eine ganze Woche veranschlagen, um diese kinematografische Entdeckungsreise mitzumachen, die auch für Liebhaber klassischer Musik interessant sein dürfte.

Was aber ist nun „Country Music“ wirklich?

In Deutschland – so befürchte ich – wird man vermutlich davon ausgehen, dass es sich um eine Musik handelt, bei der sich mehrere Instrumentalisten nebst Sänger einer Musikband Cowboy-Hüte aufsetzen und Cowboy-Stiefel anziehen, um dann rhythmisch akzentuierte Unterhaltungsmusik („Good Times Music”) zu machen, die mit oftmals seichten Texten versehen unterhaltsame Belanglosigkeiten transportieren. Das ist vielleicht für viele recht unterhaltsam, doch es hat mit „Country-Music“ nichts gemein. Es wäre so, als würde man sich Kenntnisse der amerikanischen Geschichte durch das Studium der Schriften Karl Mays aneignen wollen. „Country Music“ ist aber nun einmal keine Schlagermusik.

Tatsächlich ist „Country-Musik“ die Musik der Einwanderer. Sie wird besser als „American Roots-Musik“ oder kurz: „Americana“ bezeichnet. Sie ist in Zeiten von Armut und Entbehrung („hardship“) entstanden und reflektiert die existenziellen Nöte der ersten Einwanderergenerationen, die mit Armut und Lebensumständen zu kämpfen hatten, die man sich hierzulande kaum vorstellen kann. Vermutlich der größere Anteil von Country-Musikern wurde vom Strudel eigener Erfolglosigkeit in die Tiefe gerissen und starb elend in Armut oder Alkoholismus. Die Drogen damaliger Zeiten waren Alkohol und die damals erst aufkommenden Wachmacherpillen, deren gesundheitlichen Schädigungseffekte und Abhängigkeit noch gar nicht bekannt waren. Viele,  auch erfolgreiche und berühmte Country-Stars gingen letztlich daran zugrunde, zumal sie von Radiosendern und Plattenfirmen unter Erfolgsdruck gesetzt wurden, dem sie nicht entsprechen konnten. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelte sich eine Kultur unabhängiger Sender und  Plattenlabels, die den ausübenden Künstlern eigene Kreativität ermöglichte. Das heutige Internet trägt ebenso dazu bei, dass Kreativität wieder in den Vordergrund rücken kann. Das ist ein ermutigender Aspekt, zumal nach einer Gesetzgebung der Clinton-Adminstration die Radiosender legitimiert worden waren, nur die Titel zu spielen, die auf abgesprochenen nationalen Playlists gelistet worden waren und dabei den Erwartungen und Marketingvorstellungen maßgeblicher Musik-Produzenten entsprachen. Dagegen spielen heute eine zunehmende Anzahl unabhängiger Labels an und ermöglicht eine kreative Weiterentwicklung dieses Genres.

Die legendären „Pilgrim Fathers“ als erste kolonialisierende Siedler des Jahres 1620 brachten den christlischen Glauben auf den neuen Kontinent. Kein liturgisch festgezurrter Katholizismus, sondern eine freie, der Gemeinschaft verbundene Form des Glaubens. In ihrer Nachfolge etablierte sich die bis heute überdauende Tradition des „Sacred Harp“-Singing. Dabei handelt es sich nicht um eine Form eines Gottesdienstes, sondern eine Zusammenkunft von Gemeindemitgliedern zum gemeinsamen Singen religiöser Hymnen und Choräle, deren Herkunft oftmals gar nicht bekannt ist und als Tradition von Generation zu Generation weitergegeben wird. Dabei finden diese Zusammenkünfte in Gemeindehäusern (nur selten in Kirchen) statt, wobei die Teilnehmer in einer quadratischen Anordnung um eine gleichfalls quadratische zentrale Freifläche sitzen. Als Musterbeispiel von gesellschaftlicher Inklusion und Emanzipation wird die Sitzanordnung ausschließlich durch die Stimmlage vorgegeben. Nicht jeder konnte damals lesen, schreiben oder gar singen, was aber niemanden scherte. Die Regeln gelten noch heute: Wer ein Lied oder eine Hymne vorschlagen möchte, stellt sich in die zentrale Freifläche und benennt die Nummer der zu singenden Hymne, deren Sammlung der „sacred Harp“ ihren Namen gab. Der/die Vorschlagende stimmt nun die Melodie und den Rhythmus an, zunächst unter Verwendung eines Do-re-mi-fa-so-la-ti-Notationstextes (auf der Basis sog. „Sharp Notes“). Nach dem ersten Probelauf erfolgt dann im Anschluss das vollständige, meist mehrstrophige Durchsingen, wobei dieses von allen Beteiligten im Fortissimo vorgetragen wird. Es hat sich dabei „eingebürgert“, dass jeder Singende sich sichtbar selbst den Takt schlägt. Es gibt keinerlei Hierarchie, ist also im besten Sinne „ur-demokratisch“, und das viele Jahrunderte vor dem Aufkommen von freiheitlichen Menschenrechten und Emanzipation.

Diese Zusammenkünfte können bis zu 10 Stunden dauern und führen bei den Beteiligten zu einem Gemeinschaftsgefühl, das nahezu alle individuellen Probleme klein erscheinen lässt und somit quasi therapeutische Effekte hat. In den Pausen werden Kuchen und Barbecue-Häppchen gereicht, und nach Beendigung des Singens sind alle positiv gestimmt. Es gibt keinen Gottesdienst und auch keine Predigt, auch wenn die gesungenen Lieder und Hymnen im christlichen Glauben verankert sind.

Die Tradition des „Sacred Harp Singing“ schien sich schon auf dem Rückzug zu befinden, aber es kam in den letzten Jahren tatsächlich zu einer Art „Wiederentdeckung“, die sogar dazu führte, dass sie sich auch wieder nach Europa zurück ausbreitete. Auch in Deutschland kann man an derartigen Zusammenkünften teilnehmen und eigene Erfahrungen sammeln. Es ist keine Sektenbewegung oder kirchliche Repräsentation, sondern ein aktives Gemeinschaftsleben.

Beispiel (aus Irland): https://www.youtube.com/watch?v=t4liEuDm8ac

Aus dieser „Sacred Harp“-Tradition hat sich schließlich der amerikanische Gospel entwickelt, der zu einer Art DNA amerikanischer Volksmusik wurde. Geografisch im Südosten des neuen Kontinents zwischen den Flußläufen des Mississippi-River und des Missouri-River verortet, entwickelten sich in kurzer Zeit musikalische Stilrichtungen, die immer mehr zusammenschmolzen, auch wenn sie mit entsprechenden Bezeichnungen ihre Eigenständigkeiten herausstellten: So traten neben dem Gospel die Richtungen Hillbilly, Honky Tonk, BlueGrass, Rockabilly, Folk Music und anderes mehr hervor, deren Merkmale in Ken Burns’ Dokumentation akribisch dargestellt wurde. Dabei ist es besonders interessant festzustellen, einen wie großen Einfluß die jeweiligen Instrumente spielten: Einwanderer nahmen als oftmal letztes Bindeglied zur Heimat ihre Musikinstrumente mit in ihr neues Leben, wobei es sich praktisch ausschließlich um Streich- und Zupfinstrumente handelte („Fiddle“, Gitarre, Mandoline). Ergänzt wurd dieses durch das Aufkommen des Banjo, das von schwarzafrikanischen Einwanderern in das Mississippi-Delta eingeführt wurde. Ein Piano oder eine Schlagzeug-Perkussion wird man in dieser Musik vergeblich suchen. Es dauerte dann aber noch fast hundert Jahre, ehe durch das Aufkommen der Jazzmusik Blas- und Schlaginstrumente die Instrumentationsmöglichkeiten erweiterten. Und erst dann hatte die neue, amerikanische Musik auch einen signifikanten Einfluß auf die klassische Musik, die sich erst allmählich in der Nachfolge europäischer Importklassik entwickeln konnte.

DVD 1: Beginn – 1933
DVD 2: 1933 – 1945
DVD 3: 1945 – 1953
DVD 4: 1953 – 1963
DVD 5: 1964 – 1968
DVD 6: 1968 – 1972
DVD 7: 1973 – 1983
DVD 8: 1984 – 1996

Dr. Holger  Voigt,  15. Dezember 2021,  für
klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.de

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