Kommentar: Nach einem Jahr Pandemie – Kunst & Kultur sind noch immer in Geiselhaft der Politik (Teil 1)

Nach einem Jahr Pandemie: Kunst & Kultur sind noch immer in Geiselhaft der Politik (Teil 1)  klassik-begeistert.de

„Aber insgesamt gehen wir davon aus, dass sich das Virus nicht sehr stark auf der Welt ausbreitet.“

Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, Anfang 2020

von Dr. Holger Voigt

Als Wissenschaftler weiß ich: Wenn man etwas nicht genau weiß, schweigt man. Bis man es genau weiß.

In der deutschen Politik gilt offenkundig das glatte Gegenteil. Da posaunen programmiertechnische Laien wie Regierungsssprecher Seibert oder Kanzleramtsminister Braun mit dem Brustton der Überzeugung und diversen Begeisterungsschreien heraus, dass die Corona-Warn-App die beste der Welt sei. All diese Verhaltensrituale deutscher Politiker, getrieben von narzisstischer Selbstdarstellungssucht, landen alsbald als Bettvorleger und Rohrkrepierer im Nirwana der Zeitgeschichte, haben dann aber schon Unsummen an Kosten fabriziert. Im Ausland reibt man sich die Augen und begreift nicht, warum in Deutschland so etwas wie Verantwortlichkeit („accountability“) nicht zu existieren scheint: Weder Ursula von der Leyen noch Jens Spahn haben ihren Rücktritt erklären müssen – sie sind noch immer im Amt.

Es geht halt immer weiter so. Deutschland ist das Land, in dem mangelndes Können auf fehlendes Wollen trifft (Alexander Kissler, NZZ). Lautstark verkündet der Gesundheitsminister Spahn, dass man keine Notfall-Zulassung von Impfstoffen will, sondern eine „ordentliche“ Zulassung. Damit beleidigt er mal eben alle anderen Länder, die Notfallzulassungen erteilt haben, als „unordentlich“. Während Großbritannien am Tag der Zulassung (Nikolaustag 2020) bereits mit dem Impfen begonnen hatte, dauerte es noch mehr als 4 Wochen, bevor in Deutschland geimpft wurde. Derzeit rechnen viele Statistiker und Rechtsanwälte aus, wieviele Menschen in Deutschland durch die „Ordentlichkeit“ der Zulassung haben sterben müssen, weil sie infiziert wurden, als sie selbst noch nicht geimpft waren oder durch einen noch nicht geimpften Überträger. In anderen Ländern gilt dieses dann als „fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen“ und kann sehr schnell justiziabel werden. Im Übrigen gilt in den meisten Ländern, dass eine Notfall-Zulassung im Verlauf jederzeit in eine reguläre Zulassung umgewandelt werden kann.

Dass zu wenig Impfstoff vorhanden ist, ist nicht einfach „Schicksal“, sondern direktes Folgeresultat der inkompetenten und hilflosen Verhandlungsführung durch die EU-Kommission. Dass das alles noch dazu in der üblichen, beschönigenden  Weise – mit viel unerträglichem Eigenlob gespickt – und vorgetäuschter Handlungskompetenz den Bürgern übermittelt wurde, ist geradezu schamlos. Das ist Verlogenheit pur, oder – wie von Journalisten bezeichnet – ein bleibender Impfschaden der EU.

Im Zusammenhang mit dem Begriff „Lock-down“ reden Satiriker inzwischen schon von einer Beschreibung des geistigen Leistungsvermögens der Politik. Statt Sinfonien in Konzertsälen hört man in Deutschland unendliche Kakofonien, die sich fast immer aufs Haar gleichen und identische Rituale nach sich ziehen. Die Bevölkerung nimmt das entsetzt zur Kenntnis und wird von der Politik fortgetrieben. Zudem wird der Bürger weder gehört noch tatsächlich ernst genommen. Die ganz pragmatisch weiterführende Konzeption der „Luca“-App des Rappers Smudo wird gnädig zur Kenntnis genommen, aber nicht innerhalb von Stunden/Tagen übernommen, obwohl sie sofort einsatzfähig und nur von Nutzen wäre. Überall dort, wo es schnell gehen muss, werden bürokratische Hürden dazwischengeschaltet.

Jedem ist klar, dass jetzt wie wild geimpft werden muss – doch da läuft fast gar nichts wirklich schnell voran. In Deutschland gibt es etwa 40.000 Supermärkte und etwa 15.000 Tankstellen. Warum steht dort eigentlich kein Impfcontainer, jeweils mit der Aufschrift des verwendeten Impfstoffes. Elektronisch lesbare Personalausweise wurden seinerzeit eben genau wegen dieses Vorteils für teures Geld eingeführt. Dann muss man sie auch benutzen wollen und können: Einscannen, in zentraler Datenbank ablegen und Ausdruck generieren, der die Zweitimpfungsnotwendigkeit erfasst. Legt man rechnerisch 50.000 Impfstellen an Supermärkten und Tankstellen zugrunde, kann man bei 100 Impfungen pro Tag auf 5 Millionen Impfungen kommen und könnte die ganze Bevölkerung in einem Monat immunisieren. Aber man will es eben nicht, und einen Mangel an Bedenkenträgern gab es in diesem Land noch nie. Hier muss eben alles „ordentlich“ laufen.

Pixabay ©

Die Kunst- & Kulturszene hat im letzten Jahr hervorragende, innovative und überzeugende Sicherheitskonzepte entwickelt. Sie alle haben ihre Bewährungsproben mit Bravour bestanden und gezeigt, dass es wirklich geht. Im September des letzten Jahres zur Saisoneröffnung verspürte ich tatsächlich einen Hauch von Hoffnung, dass auf diesem Weg weitergemacht werden könnte. Doch das Gegenteil war dann der Fall. Schon wieder fiel die Kultur durch das Raster und musste sich schmerzhaft ein weiteres Mal in Geiselhaft begeben.

Herausgeber Andreas Schmidt wird nun meine beiden Artikel aus dem Vorjahr („Sprecht leise – haltet Euch zurück“ und „Mühseliges Wellenreiten“) erneut publizieren, da man in ihnen nachlesen kann, dass alles schon lange Zeit bekannt war und schon damals zahlreiche praktische Lösungswege aufgezeigt wurden. Traurig wird man feststellen müssen, dass wir kaum vorangekommen sind. Die Kulturschaffenden sind wieder allein, und das darf einfach nicht sein.

Dr. Holger  Voigt,  4. März 2021,  für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Exklusiv von Dr. Holger Voigt in klassik-begeistert.de:

Samstag, 6. März 2021: „Sprecht leise! Haltet Euch zurück!“ – Beethoven was perfectly right!

Sonntag, 7. März 2021:
Mühseliges Wellenreiten – wie könnte es funktionieren? Wege zum Neubeginn

 

Dr. Holger Voigt, Jahrgang 1949, lebt in Kaltenkirchen (Schleswig-Holstein) bei Hamburg und ist Arzt und Wissenschaftler auf dem Gebiet der Krebsforschung mit Schwerpunkt digitale Tumorwachstumssimulation. Seine Liebe zur klassischen Musik entstand in den frühen 70er Jahren. In den 80er Jahren begann er, seinem musikwissenschaftlichen Interesse zu folgen, indem er einzelnen Komponisten (Beethoven, Mahler, Verdi) historisch und geografisch nachreiste und vor Ort die Entstehungsbedingungen ihrer Werke studierte. Er ist Herausgeber mehrerer wissenschaftlicher Bücher und seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

 

 

 

 

Daniels Anti-Klassiker 1: Wolfgang Amadeus Mozart: „Eine kleine Nachtmusik“ (1787)

Ein Gedanke zu „Nach einem Jahr Pandemie: Kunst & Kultur sind noch immer in Geiselhaft der Politik (Teil 1)
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  1. Ich kann zu diesem Artikel nicht mehr sagen, als dass ich ihn absolut zutreffend finde. Meiner Meinung nach müsste es in unserer Demokratie längst einen Mechanismus geben, solche vor Inkompetenz und Handlungsunfähigkeit strotzenden Politiker durch das Volk jederzeit abwählen zu lassen. Schon damals bei Guttenberg hätte uns das viel Ärger erspart, andere politische Nullnummern, wie de Maiziere, Scheuer, Nahles, Dobrinth, Altmaier oder Rösler wären uns vielleicht ganz erspart geblieben oder wenigstens rechtzeitig aus dem Amt gejagt worden.
    Ich zweifele inzwischen das Demokratieverständnis unserer politischen Klasse an und bin sogar versucht, dies europaweit zu tun und nicht nur in Deutschland. Die „Volksvertreter“ sind schon lange keine Abgeordneten mehr, die im Sinne des Volkes handeln, sondern benehmen sich wie Großgrundbesitzer ihren Dienern gegenüber. Wenn sich das nicht möglichst bald ändert, kann das noch viel bösere Folgen haben, als jetzt schon offensichtlich ist. In Corona-Zeiten kostet das alles bereits Menschenleben. Da muss man doch fragen: Wie viele müssen eigentlich noch sterben, bis sich was verbessert? Oder müssen wir gar festhalten, dass unsere Politiker über alles, selbst über Leichen gehen?
    Als Politiker wäre ich jedenfalls am Boden zerstört, wenn durch mein Nicht-Handeln oder meine Unfähigkeit auch nur ein Mensch zu Schaden käme.

    Daniel Janz

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