Tolle junge Stimmen strahlen in Münchens schönstem Theater

Bayerische Staatsoper – Cuvilliés-Theater, 13. April 2018
Ernst Krenek: Der Diktator, Viktor Ullmann: Der zerbrochene Krug
Karsten Januschke: Dirigent
Opernstudio der Bayerischen Staatsoper
Münchner Kammerorchester

von Maria Steinhilber

„Wie schön die Welt ist heute, ruhig liegt der See im Abendrot. Man könnte denken, es sei Friede auf der Welt.“ Mit diesen Worten wird der tragische Einakter von Ernst Krenek (1900-1991) eröffnet. „Der Diktator“ wird an diesem Abend im vielleicht schönsten Theater Münchens aufgeführt: dem Cuvilliés-Theater. Das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper präsentiert die angehenden neuen Gesangs-Sternchen. Begleitet werden die jungen Sänger vom Münchner Kammerorchester unter der Leitung von Karsten Januschke.

So kurz und knackig wie die Dauer der Oper lässt sich auch die Handlung beschreiben. Die junge Maria, deren Ehemann ein erblindeter Kriegsverletzter ist, will sich an dem schuldigen Diktator rächen und ihn töten. Sie wird jedoch von diesem verführt. Marias Mann, der Offizier, will den heuchlerischen Diktator erschießen, doch Maria wirf sich vor ihn und stirbt selbst.

Es geht um die brisante Thematik der Machtausübung, ihres Missbrauchs und vor allem ihrer Wirkung.

Die knappe halbe Stunde verfliegt schnell. Grund dafür sind vier fantastische Sänger, die auf engstem Raum ihr schauspielerisches Können zeigen: Kitschige Screens, Masken, Manipulation und Kunstblut.

Die erweiterte Tonalität, Chromatik, Kontraste, Erinnerungsmotive und melodische Kantilenen erscheinen expressiv und gebrochen. Im schnellsten Tempo wechselt sich die Stimmung. Nach 30 Minuten sitzen frisch gebackene Krenek-Fans in den wunderschönen Münchner Logen.

Noch ein kurzes Loblied auf die Sänger: Boris Prýgl (Bass-Bariton) ist ein mächtiger Diktator, beherrscht die schwierigen Töne der Neuen Musik und lässt sich dabei nicht beirren. Seine Frau Charlotte singt Réka Kristóf. Die slowakische Sopranistin besingt mit ihrer hellen Stimme den Konflikt perfekt. Den jungen Offizier gibt Galeano Salas, er krümmt sich vor Leid in der Ecke, aber sein Tenor schwebt trotzdem unheimlich frei durch den Raum. Zu guter letzt Paula Iancic als Maria: Iancic wird die Bühnen erobern, sie stirbt Lucia-artig (Donizetti) und ihre Technik trägt die Stimme weit.

Der Dirigent lehnt sich zurück, das Orchester wird voller, die Bühne größer und beweglicher, dank Drehtechnik.

Viktor Ullmanns „Der zerbrochene Krug“ nach einem Libretto von Heinrich von Kleist füllt die letzten 40 Minuten. Der Komponist zählt zu den bedeutendsten der Prager Zwischenkriegszeit. Der ehemalige Schüler Schönbergs präsentierte in kurzer Zeit einen kontrapunktischen Satz, angereichert mit viel Fantasie und Liebe zur Farbpalette der Orchestrierung.

Viktor Ullmann befand sich unter den jüdischen Häftlingen von Theresienstadt und wurde 1944 in Ausschwitz ermordet. Während er im Konzentrationslager saß, entstand unter anderem die turbulente musikalische Komödie „Der zerbrochene Krug“ über ein korruptes Justizwesen.

Musikalisch sehr interessant beginnt die Ouvertüre: Sich überlappende Ohrwürmer und hohe Querflöten. Das Orchester wirkt stärker und mächtiger. Auf der Drehbühne befinden sich auch in diesem Werk sehr interessante Sänger, die sich die Thematik zu eigen gemacht haben. Je mehr man von jedem Einzelnen hört, desto besser wird es. Auch wenn der Applaus, im Vergleich zu der großen Bühne im Nationaltheater etwas verhalten wirkt, muss ein Loblied ausgesprochen werden.

Milan Siljanov ist Dorfrichter Adam und trägt Wunden im Gesicht und Kopf. Er verdient sich viel Applaus, denn seine gesangliche Leistung wurde fast von der schauspielerischen überdeckt.

Ebenbürtig ist Long Long als Schreiber Licht. Die beiden geben ein fantastisches Team auf der Bühne ab.

Nennenswert sind auch die beiden Mezzosopranistinnen: Alonya Abramowa als Frau Marthe Rull, die eine große und schwierige Partie bravourhaft bewältigt und Niamh O´Sullivan als zweite Magd, die mit ihrem dunklen Timbre und ihren Blicken noch in größeren Rollen Erfolge feiern wird.

Auch die Sopranistin Anna El-Khashem als Eve überzeugt und erhält ihren verdienten Applaus.

Oleg Davydov als Gerichtsrat, der Bediente, Alexander York, und Frau Brigitte, Ulrike Arnold, vervollständigen das Ensemble.

Das satirische Spiel über haltlose Männermacht und Machtmissbrauch findet sein Ende. Nach eineinhalb Stunden Neuer Musik verlässt das Publikum nachdenklich aber auch angeregt die Residenz.

„Fiat justitia, damals wie ebenda: Richter soll keiner sein, ist nicht sein Herze rein“ trotzt das Ensemble kräftig zum Schluss. Die Töne hallen nach. Der berüchtigte Freitag, der 13. schadete dieser Premiere in keinem Fall.

Gratulation an das Opernstudio und weiterhin eine erfüllte und erfolgreiche Reise!

Maria Steinhilber, 14. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Der Diktator
Inszenierung: Martha Teresa Münder
Diktator: Boris Prýgl
Charlotte: Réka Kristóf
Maria: Paula Iancic
Offizier: Galeano Salas

Der zerbrochene Krug

Inszenierung: Andreas Weirich
Walter: Oleg Davydov
Adam: Milan Siljanov
Licht: Long Long
Marthe: Alyona Abramowa
Eve: Anna El-Khashem
Veit: Boris Prýgl
Ruprecht: Galeano Salas
Brigitte: Niamh O’Sullivan
Bedienter: Alexander York
Erste Magd: Paula Iancic
Zweite Magd: Niamh O’Sullivan
Frau Brigitte: Ulrike Arnold

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