Pavol Bresliks Winterreise: Dokument eines Reifungsprozesses

Franz Schubert, Winterreise, Pavol Breslik, Amir Katz,  CD-Besprechung

„An der Winterreise arbeitet ein Sänger ein Leben lang, man darf auf Bresliks weitere Auseinandersetzungen mit dem Zyklus gespannt sein!“

CD-Besprechung: Franz Schubert, Winterreise (Orfeo C 934 191)

Pavol Breslik: Tenor
Amir Katz: Klavier

von Peter Sommeregger

Der lyrische Tenor Pavol Breslik, aus der Slowakei gebürtig, wo er seinen Namen noch Brslik schrieb, hat schon seit einigen Jahren einen festen Platz weit vorne im Ranking der Operntenöre, einer seltenen Spezies, zumal in dieser Qualität. Von Beginn seiner Karriere an widmete sich Breslik auch dem Liedgesang, anfangs mehr dem Liedgut seines heimatlichen Kulturkreises, inzwischen aber auch dem Deutschen Kunstlied, und nach anfänglichem Zögern auch dem Werk Franz Schuberts.

Bereits 2015 veröffentlichte er eine CD mit Schuberts Schöner Müllerin. Diesen Zyklus ordnet man eher einem jungen Sänger zu, denn das erste Liebesleid des darin porträtierten Müllerburschen verlangt nach jugendlichem Überschwang.

Die Winterreise, vielleicht die bedeutendste Schöpfung Schuberts, verlangt da schon eher nach einer reiferen Stimme. Breslik gelingt in diesem Mitschnitt von der Schubertiade in Hohenems von 2018 das Kunststück, den Beginn des Zyklus noch ganz im Stil der Müllerin-Lieder anzulegen, um dann nach und nach das Fortschreiten der Entwicklung des Wanderers abzubilden, die Stimme dunkler zu färben und ihr mehr Volumen zu geben. So wird der Hörer Zeuge einer Verwandlung des Protagonisten, der Sänger illustriert den Seelenzustand des Verzweifelnden mit allen Farben seiner Stimme.

Dass Breslik nicht nur sehr wortdeutlich singt und dies auch idiomatisch sehr sauber, ist zwar eine Voraussetzung für den Liedgesang, wird aber nicht von allen Sängern in diesem Maß erreicht. Speziell bei den letzten Liedern des Zyklus, den Nebensonnen und dem Leiermann erreicht der Tenor eine Verinnerlichung und Intensität des Ausdrucks, die ihn schon nahe an die großen historischen Interpreten heranreichen lässt.

Sensibel begleitet von seinem langjährigen Klavierpartner, dem Israelischen Pianisten Amir Katz gelingt dem Künstler ein schönes Dokument eines Reifungsprozesses – sowohl des Wandernden als auch seiner eigenen künstlerischen Entwicklung. An der Winterreise arbeitet ein Sänger ein Leben lang, man darf auf Bresliks weitere Auseinandersetzungen mit dem Zyklus gespannt sein!

Peter Sommeregger, 2. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Víkungur Ólafsson, Claude Debussy, Jean-Philippe Rameau, CD-Besprechung

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.