Frau Lange hört zu 13: Same same, but different

Frau Lange hört zu 13: Same same, but different

Cover-Versionen können eine schreckliche Sache sein. Oft sind sie schlechter als das Original, einfallslos, langweilig. Andere sind interessant, vergnüglich, gar herrlich skurril – und oft steckt dahinter eine spannende Geschichte. Zum Beispiel darüber, wie kulturelle Trends in anderen Ländern übernommen werden.

von Gabriele Lange

Same same, but different“ ist Tinglish (Thai-Englisch). Es bedeutet: irgendwie gleich, aber auch wieder nicht. Diese Redewendung passt wunderbar auf Adaptionen von vertraut geglaubten Musikstücken. Besonders wenn sie dabei von einem Kulturkreis in den anderen übertragen werden. Manchmal scheitert das wunderhübsch, trotz bestem Bemühen, gesanglichen Fähigkeiten und kompetentem Umgang mit den Instrumenten. Manchmal will da einer allerdings bloß einen Erfolg wiederholen und biedert sich an einen vermuteten Massengeschmack an. Das hat allerdings auch eine gewisse Aussagekraft …

Serge Gainsbourg hätte gelächelt…

Ich weiß, das geht gerade schwer – aber stellen Sie sich vor, Sie sitzen Anfang der 2000er auf einer noch halbwegs unentdeckten thailändischen Insel auf einem wackeligen, viel zu niedrigen Holzhocker im Sand vor einer grob zusammengenagelten Strandbar. Sie warten seit einer Stunde darauf, dass einer der fröhlich kiffenden Barmänner sich an den bestellten Gin Tonic erinnert. Einstweilen spielen Sie Jenga (eine Art Mikado mit Holzquadern) und blinzeln in den Sonnenuntergang. Dann wechselt einer der Thai-Rastas die Musik. Bisher gab‘s:

Thai-Reggae (klingt seltsam? Nö – richtig gut!).

Nun kommt „Heartbreak Hotel“. Die Version klingt, als hätte sie eine thailändische Schulband mit dem Musiklehrer am Klavier fürs Abschlussfest eingespielt. Danach folgen eine schräge Version von „Hit the Road, Jack“ und die Erkennungsmelodie von James Bond, 60ies Style im Tempeltanz-Remix. Yessss! Mehr davon!

Wieder daheim mache ich mich auf die Suche und finde ein paar Sampler mit Thai-Pop aus den 60ern und 70ern, auf denen auch diese Songs enthalten sind (Thai Beat a gogo 1-4, etwa bei Spotify verfügbar). Und mir geht ein Licht auf: Während des Vietnamkriegs wurden viele US-Soldaten zum Urlaub nach Thailand geschickt. Für die brauchte man Live-Bands. Die entwickelten dann ihren eigenen Stil. Die US-Clubs und die Radioprogramme für die Soldaten dürften sich zudem ähnlich ausgewirkt haben wie zuvor in Deutschland nach dem Weltkrieg: Die Jugend sucht Ausdrucksformen, die sich möglichst vom Geschmack der Eltern unterscheiden, übernimmt begeistert die neue Musik und macht sie sich zu eigen. Mal mehr, mal weniger stilsicher.

Saccharin & Schmalz statt Honig & Steak

Wer über die verschrobene Rhythmik und das „huuuhuuu“ der Thai-„Lady Madonna“ kichert, höre sich zum Beispiel das süßliche „Lied von der Liebe“ von Ted Herold an, vergleiche mit dem schmelzenden Original von Elvis und schweige künftig. Überhaupt ersoffen deutschsprachige Versionen gerne mal in Zuckerguss und Schlagsahne, besonders in den 50ern und frühen 60ern mit ihrem unstillbaren Bedürfnis nach heiler Welt. Aus Jim Lowes frechem Countrysong Gambler’s Guitar, erfolgreich interpretiert von Rusty Draper, machte Fred Bertelmann im Abendanzug mit Fliege einen schmierigen „Lachenden Vagabunden“, der von erotischen Abenteuern in einer Weise erzählt, dass man sicher sein kann: Die hat er im Ratskeller den anderen Honoratioren bei der dritten Flasche Krötenheimer Nonnenzipfel verzapft und bemüht sich nun, selbst dran zu glauben. Den erfrischenden Gegenpol zu diesem Midlife-Crisis-Don-Juan bietet die furchtlose Trude Herr, die aus Boots Randolphs Lied über eine Kaffeemaschine die unvergessliche Moppel-Hymne „Ich will keine Schokolade“ zauberte – mit jeder Menge Rock’n’Roll.

Trailers for sale or rent, rooms to let, fifty cents
No phone, no pool, no pets, I ain’t got no cigarettes

Statt des sarkastischen Sozialrealismus von Roger Millers „King of the Road“ gibt’s im Fernsehen zu Silvester 1966 den armen, mit Widerwillen Buttercremetorten-Schlager singenden Roy Black als wohlerzogenen Hippie mit perfektem Haarschnitt.

Mit der zunehmenden Reiselust der Deutschen und Österreicher bediente sich die Schlagerbranche auch in Italien oder Griechenland. Das elegante „Nel blu dipinto di blu“ von Domenico Modugno trat seinen Siegeszug als „Volare“ um die ganze Welt an. Dean Martins halb-englische Fassung etwa ist gefühlvoll, sommerlich, swingend … Und dann gibt es Peter Alexander. Der fliegt nicht vor Glück, sondern hat beim Quiz einen Italienurlaub gewonnen und probiert seine zweifelhaften Flirtkünste erfolglos an einer „Bambina“ aus.

Heintje blieb immerhin beim Thema, als er die Muttertagshymne „Maaaamaaaa“ krähte.

Mit erfahrener Schmeichelraffinesse liegt Beniamino Gigli mit „Mamma“ allerdings im Wettbewerb um brechende Damenherzen uneinholbar vorn.

Sogar ein tieftrauriges Lied des großen griechischen Komponisten Mikis Theodorakis wurde mit einer Extradosis Saccharin für den deutschen Markt zum naiven Liebeslied der kindlichen Vicky Leandros verarbeitet. Es wird uns in den folgenden Jahrzehnten unerbittlich zum Ouzo nach dem Poseidonteller und zum „Volkstanz“ im Pauschalurlaub vorgedudelt.

Ich hab die Liebe gesehen

Das Original „O Kaimos“ (Kummer) kann man sich in eher pathetischen Fassungen mit Theodorakis‘ Stammsängerin Maria Farantouri anhören – oder auf scheinbar fröhlichem Bouzouki-Teppich unsentimental mit Irene Pappas‘ lebenserfahrener Stimme. Wenn man im griechischen Radio ab und zu genauer hinhört, merkt man übrigens: Vicky Leandros ist eine unterschätzte Sängerin. Erst recht gilt das für Nana Mouskouri, die außerhalb des deutschen Sprachraums die größten Hallen als brillante Jazzsängerin füllte. Deren sehr deutsche „weiße Rosen aus Athen“ waren übrigens mal ein griechisches Volkslied

Tja, und dann kommen Glam Rock und Heavy Metal aus England. Da wollte man bei uns auch gern dabei sein. Wer sich ein neues Musikgenre zu eigen machen will, übt erstmal an Cover-Versionen. Bevor die Scorpions von Hannover aus mit ihrem massentauglichen Unterhaltungs-„Metal“ weltweit die Charts eroberten (merkt man, dass ich kein Fan bin? Stimmt. Ich bin kein Fan), vergingen sie sich unter anderem an einem Hit der Glamrocker Sweet (Tobias, danke für den Tipp!).

„Fuchs geh voran …
Fuchsi Fuchs, komm sei schlau
Geh in den Bau.“

Ja, sie schrappen sich hier durch „Fox on the run“. Jungs, der Wechsel zu englischen Texten war eine gute Idee. Da fällt das Weghören leichter.

Dass Übersetzungen beziehungsweise deutsche Neufassungen böse enden können, beweist auch Cindy und Berts „Hund von Baskerville“. Hier erleben wir einen abstrusen Höhepunkt der kulturellen Aneignung – einen Uptempo-Horror-Schlager mit deklamierend bebendem Gesang, ergänzt durch wirre Orgel- und Gitarren-Soli. Mit dem düsteren „Paranoid“ von Black Sabbath hat das außer dem ungefähren Grundrhythmus nicht mehr viel zu tun.

In der US-Folkszene dagegen bediente sich Juliane Werding. Sang Joan Baez in „The night they drove ol‘ Dixie down“ von Hunger und Verzweiflung im US-Bürgerkrieg, riet Werding dringend vom Haschrauchen ab (Conny Kramer).

Dazu dürften die Mitglieder von „The Band“, mit der Baez auftrat, mit einiger Sicherheit eine andere Meinung gehabt haben. Werdings treuherzig verkitschtes „Die Antwort weiß ganz allein der Wind“ beklagt passiv die schlechte Welt – vom überheblichen Sarkasmus Bob Dylans ist da nichts übrig.

Bevor ich mich jetzt noch darüber aufrege, was etwa Truck Stop oder Volker Lechtenbrink den Country-Göttern Johnny Cash und Kris Kristofferson angetan haben (nein, keine Videos. Wer das unbedingt anhören will, findet das Zeug…), lieber endlich ein Beispiel für einen gelungenen Kulturtransfer – vom Folk Bob Dylans zum Austrolied: Wolfgang Ambros hat lange vor „Skifoan“ eine Platte mit Dialektversionen von Bob-Dylan-Songs gemacht. Die sind hörenswert – Musik und Texte bilden eine organische Einheit. Aus „Like a Rolling Stone“ wird bei ihm:

„Allan wia a Stan“. Das Gefühl stimmt. Dylan ist in Wien angekommen.

Das Thema Cover-Versionen gibt übrigens noch sehr viel mehr her.

Bevor ich aber vom Hundertsten in Tausendste komme, gibt’s heute nur noch ein Cover. Einer der seltenen Fälle, in denen eine Version immer besser wird, je öfter man sie hört – auf jeden Fall interpretieren die Künstler das Original eigenständig und mit viel emotionaler Ausdruckskraft. Leider viel zu kurz.

Seals (Seehunde) „singen“ Seals Welthit „Kiss from a Rose“.

Gabriele Lange, 11. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Langes Klassikwelt 12: Jammerlappen-Pop klassik-begeistert.de

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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie (hoffentlich bald wieder) etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de.

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