Poesie und Perfektion – die Seebühne Bregenz übertrifft sich selbst mit einer fantastischen „Madame Butterfly“

Giacomo Puccini, Madame Butterfly  Bregenzer Festspiele, Seebühne, 22. Juli 2022

Die Bregenzer Festspiele überraschen immer wieder mit einer neuen, grandiosen Opernproduktionen: Ausnahmslos sind die aufwändigen Bühnenbilder, welche jeweils für zwei Jahre aufgestellt werden und Winterstürmen und Sommergewittern trotzen, ästhetisch und technisch von höchster Perfektion. Die Inszenierungen auf der Seebühne überbieten sich gegenseitig in ihrem kreativen und höchst originellen Zugang zu den wohlbekannten, auf allen großen Bühnen der Welt immer wieder aufgeführten Meisterwerken der Opernliteratur. Mit „Madame Butterfly“ hat die Seebühne einen neuen Volltreffer gelandet. Nach der eigenwilligen, turbulenten und konsequent umgesetzten Umdeutung von Verdis „Rigoletto“ als Zirkusvorstellung mit dem gigantischen Clown-Kopf und seiner sensationellen Technologie im Mittelpunkt hat Bregenz mit „Madame Butterfly“ in der Regie von Andreas Homoki einen kühnen Kontrapunkt gesetzt: Erstmals ein statisches Bühnenbild (Michael Levine), dessen Stärke in vollendeter Poesie, klar umgesetzter Metaphorik und beeindruckenden High-Tech-Projektionen besteht. Die stimmlichen Leistungen, vor allem der jungen Cio-Cio-San alias „Butterfly“ (Barno Ismatullaeva) waren grandios, die Wiener Symphoniker unter Enrique Mazzola überragend wie immer.

Bregenzer Festspiele, Seebühne, 23. Juli 2022

Giacomo Puccini, Madame Butterfly

von Dr. Charles E. Ritterband (Text und Fotos)

Man ist, auf den ersten Blick, fast ein wenig enttäuscht, nach den spektakulären Bühnenbildern der letzten Jahre – doch unmittelbar nach Beginn der Oper erweist sich die Enttäuschung als grandiose Täuschung:

Dieses Bühnenbild, die Technologie und die damit verbundene Metaphorik sind schlicht großartig. Da ist nichts weiter als ein simples, zerknittertes Blatt das auf der Seebühne aus den Fluten aufsteigt. Doch dieses Bühnenbild ist mit seinen 1340 Quadratmetern fast doppelt so groß wie das des „Rigoletto“ in den letzten beiden Jahren, es besteht aus 117 Einzelteilen in Holz, Metall und Styropor, es misst 33 mal 23 Meter, wiegt 300 Tonnen ist auf 119 hölzernen Pfählen im Seeboden verankert und hat, wie alle Bregenzer Bühnenbilder, allenfalls schwere Schneelasten zu tragen und im Sommer Stürmen und Wellen zu trotzen: Der Eindruck der Schwerelosigkeit dieses weißen Papierblatts ist eine Täuschung – eine Illusion, ebenso wie die vermeintliche Ehe zwischen Butterfly und Pinkerton. Das Papier verkörpert die Zartheit und Verletzlichkeit der 15-jährigen Geisha, die sich in den amerikanischen Seemann verliebt – zugleich ist es eine kulturelle Anspielung an die alte japanische Tradition der Papier-Faltkunst Origami.

Doch dieses Papier ist nicht von ästhetischem Raffinement, sondern zerknüllt wie die Hoffungen der „Butterfly“ – und die Westler, vor allem Pinkerton und später auch seine Frau Kate, betreten die Bühne durch eine Öffnung, die in dieses Blatt Papier gerissen wurde: deutlicher kann die Symbolik nicht sein, und auch die mächtige amerikanische Flagge, deren Mast das Papierblatt durchstößt und die während Pinkertons patriotischem Ausbruch (der von Puccini mit „Stars and Stripes“ so brillant in Musik gesetzt wurde) emporwächst ist ein überdeutliches Symbol des gewaltsamen Eindringens einer westlichen Kolonialmacht in „exotische“, während Jahrtausenden gewachsenen Kulturen. Dass Pinkerton – später auf das Blatt projiziert – in einem amerikanischen Kriegsschiff in Nagasaki einfährt, spricht eine deutliche Sprache.

Das scheinbar nur weiße Blatt entpuppt sich rasch als Projektionsfläche für subtile Bilder: Eine japanische Berglandschaft, wie mit Tusche hingemalt – und irgendwie auch die Fortsetzung zur Berglandschaft des Bregenzer Pfänders, der rechts von der Seebühne aufragt. Raffiniert ändert sich die Farbe dieses Blattes und widerspiegelt die seelischen Vorgänge in der 15-Jährigen: Liebe, Hoffnung, Schock, Enttäuschung. Am Ende, nach dem Selbstmord der Geisha, geht das Blatt und schließlich auch die ganze Bühne in Flammen auf.

Wie in jeder Bregenzer Inszenierung bot der See zugleich Chance und Herausforderung: Er muss jeweils einbezogen werden. Hier wird Prinz Yamadori auf einer riesigen Sänfte – auf einem für die Zuschauer nicht sichtbaren Unterwasser-Schlitten, von Höflingen in Butterflys bescheidene Behausung durch das Wasser getragen. Ein wie von Kinderhand (von Butterfly s dreijährigem Sohn?) gefaltetes Papierschiff, bemalt mit blauen Stars and roten Stripes ist eine Anspielung auf das Schiff, welches Pinkerton nach Japan und wieder zurück nach Amerika getragen hat. Und der lästige Heiratsvermittler Goro wird von Butterfly in die Fluten gestoßen (er ist unverkennbar ein ausgezeichneter Schwimmer).

Überaus ästhetisch (die farbenprächtigen und authentischen Kostüme: Antony McDonald) der Aufmarsch der Geishas in schwindelnder Höhe am oberen Rand des  Blattes, die Schar der weißen Geister, kontrastierend mit den Kostümen der vier amerikanischen Protagonisten in ihren grellen Farben Blau (Pinkerton – Anspielung auf seine Uniform), Kanariengelb (Sharpless) und Rosa (Kate) als naive Amerikanerin, die weder mit dieser Kultur noch mit dieser Situation irgend etwas anzufangen weiß.

Die „Butterfly“ hat man schon unzählige Male auf allen Bühnen des Erdballs gesehen – und wie bei der „Bohème“ gleicht eine Inszenierung der nächsten wie ein Ei dem anderen: Die Schauplätze sind vorgegeben und Bühnenbilder sowie Regisseur bleibt wenig Spielraum für Originalität und Kreativität. Hier war das ganz anders: Das in sämtlichen Inszenierungen aufgestellte, traditionell japanische Haus des Paares mit seinen Papierwänden wird konsequent weggelassen, und das ist richtig so: Bei dessen Kauf beschreibt es Pinkerton ja anschaulich genug – man hat es sich einfach vorzustellen. Dadurch gewinnt die Inszenierung an Abstraktion und zusätzlichem künstlerischem Wert. Auch der Auftritt des „bösen“ weil traditionsbewußten Onkels Bonzo mit seinem Gefolge, der ausnahmslos in jeder anderen Inszenierung effektvoll erfolgt, fand hier physisch nicht statt – stattdessen erschien das riesige, fratzenhaft verzerrte Antlitz des Onkels als riesige Projektion auf der Leinwand.

Mit höchsten Raffinement wurde der stumme Chor der weißen Geister eingesetzt: Sie schwebten auf die Bühne und lösten sich alsbald  wieder auf, sie kaschierten die plötzlich in irgendeiner unsichtbaren Versenkung verschwindenden und dann in Sekunden wie aus Zauberkraft anderswo in neuem Kostüm wieder auftauchenden Protagonisten. Auf der stets offenen Seebühne, die ja keine Vorhänge und in dieser Inszenierung auch keine verschiebbaren Kulissen bietet musste eine andere Lösung gefunden werden für Abgänge und Auftritte und vor allem für die große Zäsur zwischen der Abreise von Pinkerton und dem Warten der Butterfly mit ihrem inzwischen schon dreijährigen Sohn.

Musikalisch war diese Inszenierung überragend: An erster Stelle „Butterfly“, die ja in diesen zwei Stunden permanent auf der Bühne ist. Die usbekische Sopranistin Barno Ismatullaeva vollbrachte diese Glanzleistung mit Bravour: Ihre klare, starke Stimme, mit ihrem warmem Timbre ergoss sich in höchste Harmonie und Feinheit über die Bühne wie das Meer von Kirschblüten, welche die Geisha als Willkommensgruß für ihren scheinbar zu ihr zurück gekehrten Ehemann ausstreut. Ismatullaeva brachte mit ihrer jungen, wunderschönen Stimme das ganze, breite weite Spektrum an Emotionen in dieser Oper zum Ausdruck: Liebe, Enttäuschung, Verzweiflung. Ihr zur Seite stand der erstklassige litauische Tenor Edgaras Montvidas, der vor allem im Duett mit seiner Butterfly im Zentrum der Oper den edlen Schmelz seiner Stimme zum Tragen brachte. Als Kontrast der amerikanische Bariton Brian Mulligan, der dem Sharpless stimmlich all jene Wärme verlieh, welche er – als ein in Japan stationierter und mit der Kultur und Mentalität des Gastlandes wohl vertrauter Konsul – mit großem Einfühlungsvermögen und Mitgefühl der jungen Frau gegenüber verwendete.

Die Wiener Symphoniker, dirigiert vom Italiener Enrique Mazzola mit seiner besonderen Affinität zur italienischen Oper, intonierten die herrliche Musik Puccinis mit ihren vom Komponisten so aufwändig recherchierten japanischen Tonfolgen mit Leidenschaft und zugleich Subtilität.

Dr. Charles E. Ritterband, 22. Juli 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Inszenierung: Andreas Homoki
Bühne: Michael Levine
Kostüme: Antony McDonald
Musikalische Leitung: Enrique Mazzola

Wiener Symphoniker
Prager Philharmonischer Chor
Bregenzer Festspielchor
Wired Areal Theatre
Tänzer/innen der Bregenzer Festspiele

Cio-Cio-San alias „Butterfly“: Barno Ismatullaeva
Pinkerton: Edgaras Montvidas
Sharpless: Brian Mulligan
Suzuki: Annalisa Stroppa
Kate Pinkerton: Hamida Kristoffersen
Goro: Taylan Reinhard
Yamadori: Omer Kobiljak
Onkel Bonzo: Stanislav Vorovbyov
Das Kind (Dolore): Riku Seewald

Giacomo Puccini, Madama Butterfly Bayerische Staatsoper, Nationaltheater München, 31. Mai 2022

Giacomo Puccini, Madama Butterfly, Semperoper Dresden, 8. April 2022

Giacomo Puccini,Turandot Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 18. Juni 2022 PREMIERE

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