Anna Netrebko und Yusif Eyvasov in der Wiener Staatsoper: Ist es klug ein Ehepaar als Liebespaar auftreten zu lassen?

Giacomo Puccini, Tosca, Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Wolfgang Koch  Wiener Staatsoper, 13. Dezember 2020

Giacomo Puccini, Tosca
Wiener Staatsoper, 13. Dezember 2020

Livestream am 13. Dezember 2020

von Dr. Ralf Wegner, Hamburg

Inszenierung und Bühnenbild haben mir gefallen. Es war alles so, wie man sich eine Tosca-Aufführung vorstellt. Gleiches gilt für die Bildregie, die alles unaufgeregt auf den Bildschirm brachte. Allerdings bleibt es schwierig, eine Opernaufführung, ob live übertragen oder als Filmkonserve, hinreichend zu beurteilen. Auf keinen Fall ist es möglich, die Atmosphäre und Aura einer selbst erlebten Aufführung per Bildschirm auch nur annähernd einzufangen. Das gilt etwa für die nicht einfangbare, schiere Größe der Stimme; aber auch ein ausuferndes Vibrato kann im Saal bei entsprechender darstellerischen Potenz immer vergessen werden. Gwyneth Jones war hierfür während ihrer letzten Bühnenjahre ein Beispiel.

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht. Anna Netrebko verfügt als Tosca zweifellos über eine prachtvolle große und in der Höhe aufblühende, dunkel timbrierte, schöne Stimme ohne jede Schärfe oder störendes übermäßiges Vibrato. Der Stimme mangelt es aber in meinen Ohren an Ausdrucksvermögen, an Beseelung. Gefühle wie hingebungsvolle Liebe, Verzeihen, schiere Verzweiflung und abgrundtiefer Hass werden von der Sängerin zwar gespielt, aber nicht stimmlich transportiert. In Ermangelung der ausreichenden stimmlichen Gestaltungsfähigkeit neigte Frau Netrebko als Tosca deshalb zum Chargieren, also zur übertriebenen physischen Darstellung der von ihr dargestellten Figur. Wegen ihrer Berühmtheit und zweifellosen Stimmpracht vermag es wohl kein Regisseur, ihre darstellerischen Fähigkeiten in diskretere Bahnen zu lenken. Als Troubadour-Leonara war mir das noch nicht so aufgefallen, allerdings ist die Rolle auch nicht so exponiert wie die der Tosca. Man vergleiche nur die auf Youtube vorhandenen Tosca-Interpretationen von Raina Kabaivanska oder Eva Marton, von der außerordentlichen stimmlichen und darstellerischen Gestaltungsfähigkeit der Maria Callas ganz zu schweigen.

Wolfgang Koch, Anna Netrebko. Foto: Michael Pöhn / Wiener Staatsoper (c)

Darstellerisch war ihr Wolfgang Koch als Scarpia deutlich überlegen, auch gesanglich gefiel er, wenngleich auch er im Tedeum kaum noch zu hören war. Wahrscheinlich liegt es an der Stimmfarbe, ob der Sänger des Scarpia das Orchester überstrahlt oder nicht. Man schaue sich als herausragendes Beispiel Franz Grundheber an, auf Youtube gibt es einen leider nur 43 Sekunden andauernden Ausschnitt vom Ende des Tedeums; Vergleichbares ist auch von George London, Sherrill Milnes oder Tito Gobbi filmisch dokumentiert.

Yusif Eyvazov, den Sänger des Cavaradossi und Gatten von Anna Netrebko, habe ich erstmals 2017 in Wien als Manrico gehört. Stimmtechnisch war bei ihm nichts auszusetzen. Aber dieses Timbre; es ist sicher Geschmackssache, aber für meine Ohren klang es wie gedrückt und gequetscht, ohne wirkliche Stimmschönheit. Ganz so ausprägt schien es mir gestern nicht mehr gewesen zu sein. Vielleicht ist es auch Gewöhnung, die mit der Übertragungsdauer der Oper einsetzt.  Außerdem stellte sich mir die Frage, ob es wirklich klug ist, ein Ehepaar als Liebespaar auftreten zu lassen. Beim Ballett funktioniert das, denn dort fördert das Zusammenleben und
-arbeiten die notwendige partnerschaftlich-technische Perfektion. Aber in der Oper? Wo bleibt bei einem Ehepaar die frische Chemie, die sich am Partner / der Partnerin  steigernde Leidenschaft?

Familie Netrebko-Eyvazov in Wien, 1. Bezirk, Graben, (c) Instagram

Insoweit war die gestrige Aufführung meinem Eindruck nach eher durchwachsen. Wenngleich ich zugeben muss, dass die im Opernhaus erlebbare Pracht der Netrebko’schen Stimme die fehlende Stimmbeseelung und das darstellerische Übertreiben überdecken könnte.

Auch das ist ein Problem der Übertragung auf den Bildschirm, die Kamera rückt den Protagonisten zu sehr auf „die Pelle“ und zeigt manchmal neben aufgerissenen Mündern mit flatternden Wangen, wenn nicht gar des Gaumenzäpchens Dinge, die dem Zuschauer jegliche Illusion raubt. Bei der gestrigen Aufführung war das allerdings nicht der Fall. Insoweit gilt mein Lob noch einmal der Kameraführung.

Dr. Ralf Wegner, 14. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giacomo Puccini, Tosca, Anna Netrebko, Wiener Staatsoper, 13. Dezember 2020 (Live-Aufführung)

3 Gedanken zu „Giacomo Puccini, Tosca, Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Wolfgang Koch
Wiener Staatsoper, 13. Dezember 2020“

  1. Ich stimme prinzipiell zu. Nach meiner Meinung ist Yusif Eyvazov eine böse Zumutung. Er mag gut aussehen und Anna Netrebko als jugendlich frischer Partner gute (Ehe-)Dienste leisten. Dadurch, dass sie sich aber fast ausnahmslos nur noch im Paket mit ihm verkauft, zerstört sie ihren Ruf als primadonna assoluta. Die Aufführungen sind insgesamt betrachtet allenfalls Mittelmaß. Wegen Yusif Eyvazov.

    Für eine Vorstellung mit Yusif Eyvazov würde ich keinen Cent ausgeben. Selbst geschenkt würde ich nicht hingehen.

    Ulrich Poser

    1. Werter Ulrich,

      solltest Du mal ’ne Karte mit Anna Netrebko übrig haben, steck Sie gerne in meinen Briefkasten –
      auch wenn ihr Yusif „singt“ – er ist wirkliche eine stimmliche Belastung für die beste Sopranistin der Welt, a real lame duck.
      Aber jede Sekunde, die Anna Netrebko singt, ist eine Offenbarung.

      Liebe Grüße

      Andreas

  2. ….Ja, aber…so wie Dr. Wegener das sieht, so kommen bei mir die Gedanken beim Betrachten und Hören von Frau Netrebko auf. Töne, denen die Seele fehlt und bei denen darstellerisch zu sehr forciert wird. Und der – scheinbar unvermeidliche- (Ehe) Mann an der Seite spiegelt nur eine weitere Facette der weltweiten tenoralen Misere wider. Non mi piace.
    Ich habe Herrn Koch als Sachs in London gehört. Respektabel, nicht weniger und nicht mehr. Von einem George London als Scarpia weit, weit entfernt. Kaum hörbar sozusagen…

    Konrad Messerer

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