"Tosca war meine erste Liebe"

Giacomo Puccini, Tosca
Hamburgische Staatsoper
29. März 2017

von Stefan Kreutz

Ich habe meine erste Liebe in der Staatsoper wiedergetroffen.

Mit 13 Jahren habe ich mein Herz an Tosca verloren – die dramatische Operndiva, die aus Liebe mordet und sich dann selber in den Tod stürzt. Was für eine Emotion! Für einen kleinen Steppke aus der ostwestfälischen Provinz geradezu unerhört und unerreichbar.

Und das Tollste war: Ich durfte mit Floria Tosca gemeinsam auf einer Bühne stehen und singen. Im ersten Akt von Giacomo Puccinis Melodrama, wenn noch alles scheinbar gut und in Ordnung ist, aber das Unheil bereits zu erahnen ist: In der Schlussszene bei der großen Prozession in der Kirche – und ich habe das Prozessionskreuz vorweg getragen: „Te Deum laudamus.“ Als protestantisch getaufter Junge im Gewand eines katholischen Messdieners in einem Drama um Liebe und Eifersucht, Freiheit und Verrat – so etwas geht wohl nur auf der Opernbühne.

Oder besser auf der Theaterbühne, denn die Geschichte ging damals so: Die Wanderbühne des Landestheaters Detmold war um 1980 zu Gast in der Gütersloher Paul-Thöne-Halle. Vier Abende Tosca. Und sie brachten alles mit: Orchester, Solisten, große Kulissen, Masken und Requisiten – nur keinen Kinderchor für den 1. Akt. Und hier kam ich ins Spiel. Mein Vater, der als Kirchenmusiker die lokale Singschule leitete, wurde gebeten, die Partie der Messknaben mit einigen Jungs aus seinem Kinderchor einzustudieren – und ich war mit dabei.

Der erste Eindruck auf der Bühne war überwältigend: Plötzlich standen wir inmitten einer italienischen Kirche, mitten in Ostwestfallen. Gut, sie war aus Pappmaché und hatte nur eine Vorderseite – aber sie war täuschend echt.

Drei Aufführungen ging alles gut: unser Timing beim Auftritt, die richtigen Töne getroffen, die italienische Sprache überzeugend wie römische Jungs rübergebracht. Und dann passierte es. Bei der vierten und letzten Aufführung. Hinter der Bühne machten wir uns bereit für unseren Auftritt in der Schlussszene. Die Messgewänder saßen perfekt, die Requisiten waren verteilt und meine Mitsänger, die für die Weihrauchkessel verantwortlich waren, machten sich startklar und heizten ordentlich ein. In kürzester Zeit hatten sie die Hinterbühne komplett eingenebelt und mich aus den Schuhen gehebelt. Seit diesem Abend weiß ich, dass ich eine Weihrauch-Unverträglichkeit habe.

Der Ohnmacht nahe verzichtete ich also auf meinen Auftritt, und jemand anderes musste meine tragende Rolle übernehmen und mit dem Kruzifix voranschreiten. Meine Mutter im Publikum vermisste ihren Sohn auf der Bühne, während ich hinter der Bühne vom Sommer in Rom träumte und einen Hirtenjungen am Tiber mit seiner Flöte hörte: „Ich send Seufzer dir so viele, wie die Blätter, die im Winde wehen.“

Und dann kam sie zu mir – Tosca – und strich mir über die Wange, um mich wieder zu Bewusstsein zu bringen. Aber ich blieb im Weihrauch-Koma liegen und hörte sie singen – nur für mich. Diesen Moment sollte ich nie vergessen, denn als ich sie im dritten Akt von der Engelsburg stürzen sah, war mir klar: Tosca würde nie wieder zu mir zurückkommen…

Und nun haben wir uns nach Jahrzehnten doch wieder gesehen – in der Hamburgischen Staatsoper! Und irgendwie war alles ganz anders als damals – aber ich glaube, Tosca hat mich wiedererkannt und ihre „Vissi d’arte“-Arie nur für mich gesungen!

Die Wiederaufnahme der Inszenierung des Kanadiers Robert Carsen aus dem Jahr 2000 hat etwas Zeitloses und arbeitet mit eindrucksvollen Bildern von Anthony Ward. Am Ende des ersten Aktes in der Kirche Sant Andrea della Valle taucht beim großen „Te Deum“-Finale nach Scarpias Worten „Tosca, du lässt mich Gott vergessen!“ plötzlich wie ein Traum- oder Trugbild eine Tosca-Madonna im Strahlenkranz auf, angebetet von Bischöfen und von einem Engel überflogen. Ein prachtvolles und üppiges Bild, aber nur ganz kurz – und dann fällt der Vorhang.

Der zweie Akt in Scarpias Arbeitszimmer im Palazzo Farnese zeigt den Maschinenraum der dunklen Macht der römischen Geheimpolizei. „Vietato fumare“ steht groß als Verbot an die Wand geschrieben, davor sitzt Baron Scarpia rauchend am Schreibtisch. Er steht über dem Gesetz und handelt nach eigenem Recht. Und das Bild im dritten Akt auf der Engelsburg ist schlicht und leer. Hinter der schrägen Bühne im Hintergrund die ganze Zeit eine schwarze Wand. Hier öffnet sich schließlich im Finale der schwarze Abgrund, in den Tosca hinabstürzt, als alles zu spät ist. Alle sind tot, gewaltsam gestorben, und die Musik ist vorbei – was bleibt, ist ein gleißendes Licht am Abgrund.

Vor den Vorhang treten zum Schlussapplaus nur die drei Figuren, die diese Oper tragen: Mario Caravadossi, der vornamenlose Scarpia und, natürlich, Floria Tosca, die von livrierten Dienern rote Rosen bekommt. Ein würdiger Abgang für eine große Primadonna.

Ihren verdienten Szenenapplaus erhielt die russische Sopranistin Tatjana Serjan von der Deutschen Oper Berlin im zweiten Akt nach ihrer beeindruckenden Arie „Vissi d’arte“. Serjan gab in dieser Rolle am 21. März 2017 ihr Hamburger Staatsoperndebüt. Ihre Bühnenpartner sind zwei Italiener: Der Tenor Massimo Giordano als leidenschaftlicher und ausdrucksstarker Caravadossi sowie der Bariton Ambrogio Maestri von der Bayerischen Staatsoper als physisch und stimmlich sehr präsenter und überzeugender Scarpia.

Und auch der italienische Gastdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters an diesem Abend, Renato Palumbo, wird auf die Bühne geholt. Er hat das Orchester sicher durch den Abend geleitet – nicht immer und an allen Stellen klar und präzise, aber mit Verve und dem für dieses Drama nötigen Feuer. Wo die anderen Ausführenden des Abends geblieben sind, bleibt offen – schon im Feierabend nach der 79. Vorstellung seit der Premiere am 15. Oktober 2000? Ungewöhnlich…

Die Chorschüler sind diesmal die Hamburger Alsterspatzen, der Kinderchor der Staatsoper – und es sind zu meiner Verwunderung fast nur Mädchen auf der Bühne. Auch ist ihr Auftritt nur ganz kurz, während wir damals, in meiner Erinnerung, den ganzen ersten Akt doch entscheidend geprägt haben…

Weitere Vorstellungen am Samstag, 1. April 2017, und Freitag, 7. April 2017, um 19.30 Uhr.

Stefan Kreutz, 30. März 2017
für klassik-begeistert.de

Der Autor singt auch heute noch leidenschaftlich – allerdings nicht in der Oper in Kirchenattrappen, sondern in echten Kirchen. Als Bass im Vokalensemble Capella Peregrina ist er mit seinen acht Mitsängerinnen und -sängern unter der Leitung von Ute Weitkämper am Sonntag, 16. Juli 2017, in Hamburg in der Kirche der Stille Altona zu hören. Auf dem Programm steht drei- bis neunstimmige Chormusik a cappella von der Renaissance bis zur Gegenwart. Weitere Infos unter www.klangraeume.org

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