Thomas Guggeis zelebriert Mahlers Zweite als Klangspektakel

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 2 c-Moll „Auferstehungssinfonie“, Thomas Guggeis  Alte Oper, 19. Oktober 2026

Fotos: Copyright by Tibor Florestan Pluto

Alte Oper Frankfurt am Montagabend. Gustav Mahlers zweite Sinfonie steht auf dem Pult, jene monumentale Auferstehungssinfonie, die sich vom bodenlosen Entsetzen einer existenziellen Trauerfeier bis zum transzendenten Jauchzen des Finales emporarbeiten will. Thomas Guggeis leitet das Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Man blickt auf einen massiven Apparat aus vierchöriger Vokalherrlichkeit, bestehend aus dem Cäcilienchor, dem Figuralchor, der Frankfurter Kantorei sowie der Frankfurter Singakademie. Ein gewaltiges Aufgebot auf dem Podium, das akustische Großtaten verspricht. Die Erwartungshaltung im vollen Haus vibriert spürbar.

Alte Oper, 19. Oktober 2026

Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 2 c-Moll „Auferstehungssinfonie“

Nombulelo Yende, Sopran
Corinna Scheurle, Mezzosopran

Cäcilienchor Frankfurt
Figuralchor Frankfurt
Frankfurter Kantorei
Frankfurter Singakademie

Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Thomas Guggeis, musikalische Leitung

von Dirk Schauß

Doch schon der erste Satz, diese düstere Totenfeier, stolpert über seine eigene Äußerlichkeit. Die Musik bricht zwar ruppig und bedrohlich herein, die vom Komponisten akribisch geforderten dynamischen Extreme bleiben jedoch auf dem Podium stecken. Guggeis wählt ein spürbar getragenes Tempo und fächert die vielschichtige Partitur mit großer Sorgfalt auf. Das Orchester spielt auf hervorragendem Niveau: präzise, klanglich ausgewogen, mit hervorragenden Soli in den einzelnen Gruppen und einer durchweg hohen technischen Souveränität. Doch genau hier liegt das Problem. Was man hört, ist ein sehr kontrolliertes, mikrogemanagtes Klanggebilde – gut aufgefächert, aber ohne den zwingenden inneren Antrieb, ohne jenen erzählerischen Atem, den dieses Werk ab den ersten Takten verlangt. Mahlers Seelenschmerzen verkommen zu einer hübsch dekorierten, vordergründigen Kulisse. Die Überwältigung bleibt aus.

Copyright by Tibor Florestan Pluto

Im zweiten Satz geht die seismografische Erkundung menschlicher Abgründe vollends verloren. Das Andante moderato plätschert freundlich dahin, charmant im Tonfall, jedoch völlig ohne Hintersinn oder jene fragile Nostalgie, die der Musik erst ihre schmerzliche Kontur verleiht. Wo traurige Erinnerung an verwehte Glücksmomente aufblitzen sollte, herrscht bürgerliche Gemütlichkeit.

Noch schwerer wiegt das groteske Scherzo des dritten Satzes. Die dämonische Unruhe verpufft als brave Behauptung. Schuld daran ist vor allem eine folgenschwere Disposition im Schlagwerk, die bereits im Kopfsatz negativ auffiel und sich nun rächt. Der auffallend häufige Griff zu übermäßig gedämpften Paukenschlägeln verhindert jede Kontur. Der überraschende, sonst knallige Auftakt versackt völlig im Dumpfen, weshalb die vielen rhythmischen Soli der Pauke durchweg unscharf geraten. Das verwendete Beckenpaar, für die gesamte Sinfonie in einer einzigen, bescheidenen Größe veranschlagt, kapituliert vor den großen Eruptionen und bleibt allzu blass hinter dem Bläserapparat zurück. So gerät die Welttheater-Ironie dieses Satzes bieder und seltsam harmlos.

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Ganz anders präsentiert sich der vierte Satz, der eine unverhoffte Wende bringt. Die ursprünglich vorgesehene Mezzosopranistin Zanda Švēde erkrankte kurzfristig. Für sie springt Corinna Scheurle aus Nürnberg ein und liefert mit dem schlichten Gesang des Urlichts den unbestrittenen, echten Höhepunkt des Abends. Ihr Vortrag atmet tiefe Empfindung, ist von bannender Tonschönheit getragen und strahlt eine innere Dringlichkeit aus, die mühelos bis in die hintersten Ränge der Empore trägt. Selbst als ihre Stimme von der Höhe des Raumes erklingt, behält sie ihre feine Fokussierung. Hier, und nur hier, stellt sich für einige Minuten jene seelische Erschütterung ein, die man zuvor vergebens suchte. Gänsehaut.

Der gewaltige fünfte Satz ist von Guggeis wiederum umsichtig strukturiert, kämpft aber mit hausgemachten Balanceproblemen. Die Aufstellung der Fernmusiken lässt deutliche Wünsche offen. Den Hörnern fehlt es schlicht an Raum, sie klingen merkwürdig trocken. Trompeten und Schlagwerk hinter der Bühne sind derart weit positioniert, dass sie wie verirrte Echos aus einer anderen Postleitzahl wirken. Zudem lärmen die Glocken zu den Schlussakkorden maßlos, was die dynamischen Größenordnungen unschön verschiebt. Die vier Frankfurter Chöre hingegen schlagen sich wacker. Mit großer Geschlossenheit, guter Textverständlichkeit und stets kultiviertem Ton agieren die Ensembles auf beachtlichem Niveau. Einzig der heikle A-cappella-Beginn verrutscht schmerzlich in der Intonation, was sich aber schnell beheben lässt, sobald das Orchester rettend einsteigt.

Copyright by Tibor Florestan Pluto

Leider kann die Sopranistin Nombulelo Yende an die vokale und expressivе Leistung ihrer Mezzosopran-Kollegin in keiner Weise anknüpfen. Mit kleiner, in der Höhe obertonarm geführter Stimme singt sie stilistisch entfernt vom geforderten Ausdruck, zudem leider weitgehend unverständlich. Was bei Scheurle natürliche Dringlichkeit und innere Konzentration war, wirkt hier schlapp und beiläufig. Das mindert die schlussendliche Wirkung des riesigen Finalapparates deutlich.

Copyright by Tibor Florestan Pluto

Das Publikum in der Alten Oper ist indes hingerissen. Nach dem Verhallen des letzten Akkords bricht sofort kollektiver Jubel aus, gefolgt von stehenden Ovationen für alle Beteiligten auf der Bühne. Man feiert ein rauschendes Klangspektakel in prächtiger Breitwandkulisse. Die Musik hinter den Noten, die spirituelle Erschütterung und die göttliche Hoffnung bleiben an diesem Abend allerdings eher Suggestion als echte Einlösung – bis auf jene wenigen Minuten des Urlichts, in denen plötzlich alles stimmte.

Dirk Schauß, 20. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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