Interview Carlo Rizzi: "Ich würde gerne wie eine Fliege an der Wand dabei sein um zu sehen, wie Bach und Mozart komponieren, wie sie schreiben, wie diese unglaubliche Musik, die sie in ihrem Kopf hatten, aufs Papier kommt"

Interview mit Carlo Rizzi für Klassik begeistert  klassik-begeistert.de, 22.2.22

Interview mit Carlo Rizzi für Klassik begeistert 

Foto: The Hallé © – Carlo Rizzi

Carlo Rizzi, geboren 1960 in Mailand, studierte am Konservatorium seiner Heimatstadt Klavier, Komposition und Dirigieren. Er zählt zu den weltweit führenden Operndirigenten und ist ein gefragter Gastkünstler an den renommiertesten Veranstaltungsorten und Festivals weltweit. Er ist in Opernhäusern wie Konzertsälen gleichermaßen zuhause und hat mittlerweile über 100 Opern aufgeführt. Im Jahre 2019 wurde Rizzi zum Musikdirektor der in London ansässigen Opera Rara ernannt, die sich der Wiederbelebung und Wiederaufnahme unentdeckter bzw. unterbewerteter Werke berühmter und vernachlässigter Opernkomponisten widmet. Rizzi ist Ehrendirigent der Welsh National Opera, bei der er als Musikdirektor tätig war. Er erhält unter anderem langjährige Beziehungen zum Teatro alla Scala, dem Royal Opera House Covent Garden und der Metropolitan Opera in New York. Er ist vom 20. Februar 2022 bis zum 4. März 2022 an der Bayerischen Staatsoper in München zu erleben als Musikalischer Leiter von Puccinis „Tosca“.

von Dr. Petra Spelzhaus

Klassik begeistert / Petra Spelzhaus: Im Januar haben Sie die „Tosca“ an der Metropolitan Opera in New York dirigiert. Das Theater und das Orchester dort kennen Sie sehr gut. In wenigen Tagen dirigieren Sie dieselbe Oper an der Bayerischen Staatsoper in München. Was ist der Unterschied?

Carlo Rizzi: In München ist es eine andere Erfahrung, da ich hier zuletzt vor einer Ewigkeit gearbeitet habe, das war ungefähr 1995. Das Orchester ist inzwischen ein anderes, ich kenne es nicht. Und es gibt nur wenig Proben, da es eine Wiederaufnahme ist, keine Neuproduktion. Da können Sie nicht einfach an jeder Ecke feilen, die Ihnen auffällt. Die gute Nachricht ist, dass das Orchester in München sehr flexibel ist und sich mit der Oper auskennt. Mit Blick auf die Sänger: „Tosca“ ist eine der meistgespielten Opern der Welt. Es ist wichtig zu verstehen, was man ändern oder woran man arbeiten kann, oder was man besser so lassen sollte, wie es ist. Ein Sänger, eine Sängerin befindet sich monatelang in einer Rolle. Wenn sie eine Rolle in der Kehle haben, können sie nicht plötzlich alles verändern. Ich kannte die Sängerin der Tosca in München nicht, aber sie ist sehr gut. Ich kenne Piotr Beczała (Cavaradossi) von früher, allerdings mit einem anderen Repertoire. Mit Ambrogio Maestri (Scarpia) habe ich mehrfach zusammengearbeitet.

Petra Spelzhaus:  In München war eine andere Hauptfigur geplant. Anstelle von Anja Harteros wird Saioa Hernández die Tosca interpretieren. Wird dieses die Art und Weise Ihres Dirigats verändern? 

Carlo Rizzi: Ich habe noch nicht mit Harteros an der Tosca gearbeitet. Wenn Sie eine Oper dirigieren, müssen Sie Oper mit den Sängern machen, nicht gegen die Sänger. Ich habe es zu Beginn meiner Karriere nicht realisiert, aber in späteren Jahren. Wenn Sie bestimmte Dinge ändern, ist es so, als würden Sie einen Athleten bitten, anstelle der 10.000 Meter die 5.000 Meter zu laufen. Man muss flexibel sein, um zu verstehen, was der Sänger beziehungsweise die Sängerin tut.

Petra Spelzhaus:  Wie viele Proben haben Sie mit dem Orchester und den Sängern in München? 

Carlo Rizzi: Wir haben nur eine Probe mit dem Orchester, da es sich um eine Wiederaufnahme handelt. Mit den Sängern haben wir drei bis vier Tage Zeit, um die Produktion zu kennenzulernen und um peinliche Situationen zu vermeiden (lacht).

Petra Spelzhaus: Gibt es eine Szene in der Oper, die Ihnen die Schweißperlen auf die Stirn treibt, die Ihnen Angst macht? 

Carlo Rizzi: Nein, aber es ist eine emotionsgeladene Oper. Das Duett des ersten Aktes ist vielschichtig. Es gibt so viele verschiedene Gefühle. Zuerst kommt Tosca herein und misstraut Cavaradossi. Aber dann fangen sie an, miteinander zu spielen, wenn sie sagen: „Heute Abend nach dem Konzert können wir zu dir nach Hause gehen“. Unglaublich ist, wie sich die Musik von Puccini im zweiten Akt dramatisch ändert, wenn es zum Duett zwischen Scarpia und Tosca kommt. Es lädt mich emotional auf, zu spüren, wie Scarpia mit seiner Spitzfindigkeit Tosca umgarnt mit Cavaradossi als Köder. Tosca lässt sich in die Sache verwickeln. Scarpia ist ihr gegenüber nicht gewalttätig, aber seine Worte, die Musik und die Art und Weise, wie Puccini Worte mit solch einer kühlen Musik unterstreicht, berühren mich. Es ist ein unglaublicher Höhepunkt. „Tosca“ ist in diesem Moment grenzenlos.

Petra Spelzhaus:  Wie hat das Corona-Virus Ihr Leben in den letzten Monaten und Jahren verändert? 

Carlo Rizzi: Es war das erste Mal seit 40 Jahren, dass ich für 2020 Steuern zurückerhalten habe, anstatt welche zu zahlen (lacht). Abgesehen davon war es für uns Künstler ein kompletter „Gamechanger“. In meiner Karriere ist es noch nie vorgekommen, dass ich länger als einen Monat zu Hause geblieben bin. Ich blieb ungefähr acht bis neun Monate daheim. Das hat die Denkweise verändert. Ich fing an Dinge zu tun, die ich schon lange machen wollte. Ich habe zwei symphonische Suiten aus zwei Opern von Puccini arrangiert. Eine ist „Tosca“ und die andere „Butterfly“. Puccini gilt als großer Opernkomponist. Aber er war auch ein unglaublicher Musiker in der Art, wie er für das Orchester schrieb. Ich habe mehrere Teile der Oper zusammengefügt, die ausdrucksstärksten und diejenigen, die zeigten, wie Puccini das Orchester auf so phänomenale Weise einsetzt. Die „Tosca“ wurde bereits aufgeführt. Für mich ist kein Karaoke-Experiment. Es ist nicht wie eine Arie ohne Sänger mit Übernahme der Singstimme durch die Flöte. Den großartigen Reichtum von Puccinis Orchestermusik vergessen wir wegen der Sänger manchmal. Das Corona-Virus hat sich auch allgemein auf das Leben der darstellenden Künste ausgewirkt. Es gibt viele neue Errungenschaften: Dinge, die sich auf Zoom oder ins Digitale verlagert haben, Dinge, die wunderbar waren. Es hat sich aber gezeigt, dass das Erlebnis einer Live-Performance nicht ersetzt werden kann. Die Künstler spüren intensiv, dass es eine Energie und einen Wunsch gibt, dort zu sein, wo sie sind und Musik zu machen. Jeder Künstler hat darauf hingearbeitet, diesen Beruf auszuüben und auftreten zu können.

Petra Spelzhaus: Was tun Sie, um sich zu fokussieren, bevor Sie zu Beginn eines Konzerts oder einer Oper den Taktstock heben? 

Carlo Rizzi: Man kann nie vorhersagen, wie ein Konzert oder eine Aufführung verlaufen wird. Ich habe kein bestimmtes Ritual. Mein Augenblick maximaler Konzentration ist dieser kleine Spaziergang zwischen der Bühnentür und meinem Platz am Dirigentenpult. Er ist sehr kurz, aber für mich ist es wirklich der Moment, in dem ich denke: Ok, hier bin ich.

Carlo Rizzi (c) Credit: Tessa Traeger

Petra Spelzhaus: Sie sind Musikdirektor der Opera Rara in London. Was ist anspruchsvoller? Eine Oper zu dirigieren, die Sie schon hunderte Male dirigiert haben oder eine unbekannte Oper? 

Carlo Rizzi: Der Punkt ist nicht so sehr das Dirigieren. Wichtig ist, was vorher passiert ist. Im Moment arbeite ich zum Beispiel an der Partitur der nächsten Oper, die wir an der Opera Rara zur Aufführung bringen wollen, Mercadante’s „Il Proscritto“ (Premiere 1842 in Neapel). Ich habe mit ein paar Musikwissenschaftlern viele Partituren angesehen, heutzutage zum Glück mit digitaler Hilfe. Es gibt so viele Keller in den Konservatorien oder Theatern, die noch voller unberührter Manuskripte sind. Es gibt eine Seite, auf der die Opera Rara viele Manuskripte digitalisiert hat. Die Überprüfung der Partituren ist immer chaotisch. Wir versuchen herauszufinden, ob die Oper es wert ist, zurückgebracht zu werden oder nicht. Es ist wirklich ein langer und manchmal frustrierender Prozess. Ich gehe davon aus, dass, wenn ich mich beim Lesen des Manuskripts nach fünf Minuten langweile, sich wahrscheinlich auch die Öffentlichkeit nach fünf Minuten langweilen wird. Wenn man andererseits mit den Proben von Tosca beginnt, gibt es so viele Möglichkeiten, sie aufzuführen. Zu der Oper wurde bereits vieles gesagt, dem ich auch oft zustimme. Bei einer neuen Oper handelt es sich dagegen um eine komplette Tabula rasa:  Wie geht man mit dem Stück um, wie schnell ist es, wie formuliert man es? Deshalb bearbeiten wir diese Opern konzertant. Es gibt keine Produktion. Aber wir proben etwa sechs bis sieben Tage. Das ist ziemlich viel, zumal die Sänger gut vorbereitet sind. Man braucht mehr Zeit und Fantasie. Es ist sehr aufregend.

Petra Spelzhaus: Haben Sie einen Geheimtipp für eine unbekannte Oper, die wir unbedingt erleben müssen? 

Carlo Rizzi: Sehr oft besuchen Menschen Opern, Konzerte oder Theaterstücke, die sie kennen. Niemand kennt „Il Proscritto“. Vergessen wir nicht, dass die meisten Opern bereits aufgeführt wurden. Heutzutage werden nur noch sehr wenige moderne Opern geschrieben. Aber in früheren Zeiten war es ein Ereignis, eine neue Oper zu sehen. Wichtig ist, dass das Publikum eine offene Haltung hat und nicht denkt „Ich kenne diese Oper nicht, ich weiß nicht, was mich erwartet, das schaue ich mir nicht an.“ Gehen Sie einfach hin, öffnen Sie Ihren Geist, Ihre Vorstellungskraft und genießen Sie die Musik. Es könnte eine gute Überraschung sein, es könnte eine schlechte Überraschung sein. Aber in jedem Fall ist es eine Überraschung.

Petra Spelzhaus: Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Zeitmaschine. Sie können in die Vergangenheit reisen. Gibt es einen Künstler, Komponisten oder Sänger, den Sie gerne auf ein Glas Wein treffen würden?

Carlo Rizzi: Wenn ich das könnte, würde ich definitiv kein Glas Wein trinken. Es gibt zwei Komponisten: Der eine ist Bach, der andere Mozart. Ich würde gerne wie eine Fliege an der Wand dabei sein um zu sehen, wie sie komponieren, wie sie schreiben, wie diese unglaubliche Musik, die sie in ihrem Kopf hatten, aufs Papier kommt. Mich würde interessieren, ob sie sie spontan aufgeschrieben oder daran gearbeitet haben. Die beiden sind nicht meine Lieblingsmusiker, aber die Menge an Dingen, die Bach komponiert hat, die Mozart in seinem kurzen Leben geschaffen hat, ist einfach unglaublich. Ich möchte nur wissen, wie dieses Geschenk, das sie der Welt gemacht haben, vom Kopf auf das Papier übertragen wurde.

Petra Spelzhaus: Welche Musik hören Sie, wenn Sie sich entspannen möchten?

Carlo Rizzi: Ich höre keine Musik. Es ist nicht wahr. Ich höre natürlich Musik. Aber nicht, wenn ich mich entspannen möchte. Dann gehe ich lieber spazieren, da die Musik in meinem Kopf ist. Ich höre Musik immer kritisch und professionell, weil ich es gewohnt bin, auf Phrasen zu achten, wie sie vom Dirigenten oder Pianisten umgesetzt wurden. Meine Art, Musik zu hören, hat immer damit zu tun, dass ich Musiker bin. Mein Gehirn arbeitet, wenn ich Musik höre. Wenn ich mich entspannen will, höre ich keine Musik.

Petra Spelzhaus: Herzlichen Dank für das Gespräch!

klassik-begeistert.de, 22.2.22

DVD-Rezension: Riccardo Zandonai, Francesca da Rimini, Deutsche Oper Berlin, März 2021

Tosca https://www.staatsoper.de/stuecke/tosca/

Francesca da Rimini DVD https://naxos.lnk.to/2110711Ne!NANL022022?fbclid=IwAR0a62x2ZDynY65pV-jZcaMnvGdZRu26oJ_HemTHB-VLRW3aUmlUVvx8a1E

Francesca da Rimini video trailer: https://www.youtube.com/watch?v=2DFvZ-jJam8

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