Andrzej Filończyk: „Auf der Bühne kann man viel Spaß haben“

kb im Gespräch mit Andrzej Filończyk, Bariton  Hamburgische Staatsoper, 20. Oktober 2026

Andrzej Filończyk © Wojciech Kubik

Jolanta Łada-Zielke im Gespräch mit dem Bariton Andrzej Filończyk, dem Interpreten der Titelrolle in „Don Giovanni“ an der Hamburgischen Staatsoper.

Andrzej Filończyk absolvierte die Gesangsabteilung der Musikakademie in Breslau. Er nahm am Programm „Young Talents“ der Polnischen Nationaloper sowie am Internationalen Opernstudio in Zürich teil. 2016 wirkte er am „Young Singers Project“ der Salzburger Festspiele mit und sang dort 2017 die Partie des Gubetta in Donizettis „Lucrezia Borgia“. Sein Operndebüt gab er 2015 am Teatr Wielki in Posen als Tonio in Leoncavallos „Pagliacci“.

klassik-begeistert: Ihr musikalischer Weg begann mit Klavierspielen. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Instrument zugunsten des Gesangs aufzugeben?

Andrzej Filończyk: Es war eine Art Abneigung gegen das Klavier. Ich hatte keine Lust, den ganzen Tag dazusitzen und zu üben, um das Programm für die Abschlussprüfung vorzubereiten. Eine Stunde am Tag reicht nicht aus, um mehr zu zeigen oder sich durch die Musik auszudrücken; dies erfordert eine lange und mühsame Arbeit an Technik und Interpretation. So habe ich aufs Klavierspielen verzichtet. Meine Mutter, die ebenfalls Sängerin ist, hat mir geraten, meine Ausbildung an der Musikschule der zweiten Stufe in Breslau (Wrocław) in der Gesangsklasse von Professor Bogdan Makal fortzusetzen. Das habe ich getan, und es hat mir dort sehr gut gefallen. In der Gesangklasse hat eine angenehme Atmosphäre geherrscht, und der Professor hat uns unterstützt und motiviert. Das hat mich ermutigt, diesen Weg weiterzuverfolgen.

klassik-begeistert: Ich selbst bin Absolventin der Musikschule der zweiten Stufe in Krakau und kann daher bestätigen, dass an Schulen dieser Art eine angenehme Atmosphäre herrscht. Die Sängerinnen und Sänger, die anschließend an die Musikhochschule wechseln, berichten oft von der dortigen stärkeren Konkurrenz unter Studierenden und einem höheren Leistungsdruck seitens der Dozenten. Haben Sie das auch so erlebt?

Andrzej Filończyk: Ja, aber dieser Wettbewerb mit älteren, erfahreneren und technisch versierteren Studierenden ist etwas Positives, etwas Anspornendes. Auch im späteren Berufsleben ist das gemeinsame Auftreten auf der Bühne eine Art „kleine“ Konkurrenz: Wer gibt mehr, wer weniger? Wer gestaltet eine stimmlich und darstellerisch glaubwürdigere Figur? Wem gelingt es, das Publikum zu amüsieren oder zu berühren? Doch vor allem macht es einfach Spaß.

klassik-begeistert: Lässt sich Don Giovanni, den Sie zuletzt an der Hamburgischen Staatsoper gesungen haben, noch weiter vertiefen – gesanglich und darstellerisch?

Andrzej Filończyk: Definitiv. In den Produktionen, an denen ich bisher mitgewirkt habe, ist jeder Regisseur anders an diese Figur herangegangen. In Hamburg war Don Giovanni ein Frauenheld, der zwischenmenschliche Beziehungen zur eigenen Unterhaltung nutzt. Er dringt rücksichtslos in das Leben anderer ein und zerstört es ohne Gewissensbisse, weil er sich als Herr der Welt betrachtet. Aber natürlich lässt sich Don Giovanni noch weiter vertiefen. Der entscheidende Ansatzpunkt ist hier seine Einsamkeit; denn wer im Inneren leer ist, könnte nicht einmal für sich selbst interessant werden. Don Giovanni benutzt die Menschen um sich herum, um sein eigenes Selbstwertgefühl zu steigern und sich besser zu fühlen.

klassik-begeistert: Und diese tiefgründigere Version des notorischen Verführers ist für Sie leichter zu spielen?

Andrzej Filończyk: Ein Schauspieler muss vor allem für sich selbst glaubwürdig sein. Ein Sänger fühlt sich auf der Bühne wohl und locker, wenn er sich irgendwie mit seiner Figur identifiziert. Oft habe ich das Gefühl, dass das Verhalten meines Helden nicht mit dem übereinstimmt, wie ich in der jeweiligen Situation handeln würde – doch das darf ich das Publikum nicht spüren lassen. Natürlich agiere ich freier, wenn die Interpretation aus meinem Inneren und meiner Lebenserfahrung heraus entsteht. Dann ist es für mich angenehmer und für das Publikum verständlicher.

Andrzej Filończyk (in der Mitte) nach der Vorstellung von „Don Giovanni“ an der Hamburgischen Staatsoper © Dr. Ralf Wegner

klassik-begeistert: Sie verfügen über ein so breites Rollenspektrum, dass Sie wohl kaum befürchten müssen, vom Publikum in eine Schublade mit dem Namen eines bestimmten Komponisten oder einer Epoche gesteckt zu werden …

Andrzej Filończyk: Ich meine, dass man sich gerade in jungen Jahren für neues Repertoire öffnen sollte. Andernfalls läuft ein Sänger Gefahr, mit der Zeit ein Langweiler zu werden, der – zum Beispiel als Verdi-Bariton – seit zwanzig Jahren dieselbe Partie aufführt, dabei Legati singt und so tut, als sei er der Beste seines Fachs. Das kann jeder, aber man kann sich dabei zu Tode langweilen. Ich bin offen für italienisches, französisches und deutsches Repertoire, auch wenn mir das italienische am meisten liegt. Doch solange sich meine Stimme technisch noch nicht endgültig gefestigt hat, probiere ich Neues aus, damit sie sich weiterentwickeln kann.

klassik-begeistert: Begünstigt die aktuelle Lage auf dem Musikmarkt diese Entwicklung?

Andrzej Filończyk: Ich möchte den Markt nicht kritisieren, aber ich beobachte, dass man beim Vorsingen an vielen Opernhäusern weltweit Solisten auf der Grundlage ihrer bisherigen Leistungen auswählt. Die Intendanten prüfen, ob eine Person eine bestimmte Partie bereits gesungen und damit Erfolg gehabt hat, und sagen: „Mal sehen, ob er/sie auch bei uns so großartig singen wird – aber zumindest wissen wir, dass er/sie die Partie beherrscht.“ Solche Entscheidungen erleichtern den Intendanten die Arbeit, schränken jedoch die Perspektive der Sänger ein.

klassik-begeistert: Wie gehen Sie mit Situationen um, in denen der Dirigent am Tag der Premiere erkrankt und ein Kollege ihn vertritt, der andere Tempi wählt?

Andrzej Filończyk: Es kommt vor, dass derselbe Dirigent bei der Premiere andere Tempi für ein Stück anschlägt, das wir lange geprobt haben, oder diese während der Vorstellung ändert. So etwas geschieht häufig und kann durchaus amüsant sein. Wir Sänger müssen dabei flexibel sein und uns schnell anpassen.

klassik-begeistert: Älteren Zuschauern gefiel die Videoprojektion im Hamburger „Don Giovanni“ nicht. War das für die Sänger eigentlich störend?

Andrzej Filończyk: Ich bin kein Freund allzu stark modernisierter Inszenierungen, da ich der Meinung bin, dass es unserer Welt an klassischen Aufführungen mangelt. Die Menschen gehen ins Theater, um etwas zu erleben, das sich von ihrem Alltag unterscheidet – etwa von einem Rapper, der auf der Straße seine Texte vorträgt, auch wenn dieser ebenfalls Botschaften vermittelt und sein Publikum hat.

Doch ausgerechnet bei der „Don Giovanni“-Produktion in Hamburg haben mich die Videoeinspielungen nicht gestört. Ich habe sie nicht im Detail verfolgt, da ich mit meiner Rolle beschäftigt war – auch vor der Kamera, die die Bilder direkt auf die Leinwand übertrug. Auch ich habe unterschiedliche Meinungen dazu gehört: Die einen fanden es gut, andere hielten es für überflüssig oder überladen. Doch das gesamte Konzept des sogenannten Schauspieltheaters zielt darauf ab, die „Leerstellen“ auf der Bühne zu füllen.

In dieser Inszenierung gab es wenige Kostüme und Requisiten. Wir – Sängerinnen und Sänger – standen im Mittelpunkt, nicht das Video oder das Bühnenbild; daher haben wir versucht, uns von unserer besten Seite zu zeigen und gleichzeitig Freude am gemeinsamen Spiel auf der Bühne zu haben. Das Spiel vor der Kamera ist eine andere Art der Darstellung, die ebenfalls Spaß machen kann.

klassik-begeistert: In einigen modernen Opernproduktionen setzt man künstliche Intelligenz ein, wie zum Beispiel in den letzten Jahren in Bayreuth. Was halten Sie davon?

Andrzej Filończyk: Ich befürworte den Einsatz von KI ebenfalls nicht, um nur modern zu wirken. Ich habe die Kritiken zum Bayreuther „Parsifal“ von 2023 gelesen, und die Meinungen waren eher negativ. Schade, dass Wagner sich nicht mehr von selbst trägt und man sich irgendwelche Zusätze für ihn ausdenken muss. Wenn jedoch etwas interessant ist und die Attraktivität des Festivals steigert, bin ich absolut dafür.

Als wir vor einem Jahr die Saison an der Metropolitan Opera eröffneten, sah ich zum ersten Mal ein komplettes Bühnenbild, das per Computer auf eine Wand projiziert wurde; die Farben wechselten, und es erschienen verschiedene Ornamente darauf. Das sah genial aus. Wenn sich die Wand von der Bühne bewegte, wanderte die Animation mit ihr. Es war auch eine neue Ebene der Wahrnehmung, denn auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, dass es sich um eine Animation handelte. Dieser Kunstgriff verlieh der Aufführung Tiefe und erleichterte dem technischen Team die Arbeit, da er den Bühnenumbau beschleunigte. Wir arbeiteten damals an „The Amazing Adventures of Kavalier and Clay“ von Michael Chabon. Das Problem bestand darin, dass eine Szene nur fünf Minuten dauerte, und vor der nächsten musste man das ganze Bühnenbild relativ schnell wechseln, weil der nächste Schauplatz der Times Square war. In dieser Hinsicht bewährt sich die künstliche Intelligenz.

klassik-begeistert: Wie oft treten Sie in Polen auf?

Andrzej Filończyk: Leider selten. An ausländischen Theatern werden künstlerische Veranstaltungen zwei bis vier Jahre im Voraus geplant, in Polen hingegen nur ein halbes Jahr oder maximal ein Jahr im Voraus – und das oft nicht sehr detailliert. Es ist schwierig, die Termine abzustimmen. Aber kürzlich habe ich am Festival Vratislavia Cantans im Nationalen Musikforum einen Liederabend mit polnischen Werken gegeben, und im Februar 2027 werde ich die Rolle des Miecznik in Moniuszkos „Das Gespensterschloss“ (Straszny Dwór) an der Oper Breslau singen. Endlich gebe ich mein Debüt an dem Theater, in dessen Garderobe ich schon als kleines Baby gelegen habe. Meine Mutter (Dorota Dutkowska, Anm.d.Red.) sang dort bereits damals und tut es auch heute noch; daher wird es mir eine besondere Freude sein, auf dieser Bühne aufzutreten.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin!

Jolanta Łada-Zielke, 20. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Andrzej Filończyk absolvierte die Gesangsabteilung der Musikakademie in Breslau. Er nahm am Programm „Young Talents“ der Polnischen Nationaloper sowie am Internationalen Opernstudio in Zürich teil. 2016 wirkte er am „Young Singers Project“ der Salzburger Festspiele mit und sang dort 2017 die Partie des Gubetta in Donizettis „Lucrezia Borgia“. Sein Operndebüt gab er 2015 am Teatr Wielki in Posen als Tonio in Leoncavallos „Pagliacci“. Zu seinen Engagements zählen unter anderem „Le nozze di Figaro“ am Palau de les Arts in Valencia, „Die tote Stadt“ an der Bayerischen Staatsoper, „La Bohème“ am Royal Opera House, am Teatro San Carlo und am Teatro Real in Madrid sowie „I Puritani“ an der Oper Frankfurt, „Don Giovanni“ an der Semperoper Dresden, „Il barbiere di Siviglia“ am Teatro dell’Opera di Roma und „Madama Butterfly“ in Stuttgart sowie an der Metropolitan Opera. Andrzej Filończyk arbeitet regelmäßig mit Dirigenten wie Nicola Luisotti, Daniele Gatti, Emmanuel Villaume und Pier Giorgio Morandi sowie mit Regisseuren wie Emma Dante, Damiano Michieletto, Mario Martone und Richard Jones zusammen. Er ist Gewinner des Grand Prix des 9. Internationalen Stanisław-Moniuszko-Gesangswettbewerbs.

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