16.000 Klassik-Begeisterte feiern "Klassik am Odeonsplatz"

Klassik am Odeonsplatz, München, 15. Juli 2017
Manfred Honeck, Dirigent
Martin Grubinger, Schlagzeug
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Tan Dun – Concerto for Percussion and Orchestra „The Tears of Nature“, 1. Satz: Summer (for Timpani and Orchestra)
John Corigliano – „Conjurer”, Concerto for Percussionist and String Orchestra, 2. Satz: Metal
Bruno Hartl – Konzert für Schlagzeug und Orchester op. 23, 1. Satz: Energico, con precisione – Andante espressivo – Feroce – Cadenza, 2. Satz: Ostinato. Presto, molto ritmico – Coda
Carl Michael Ziehrer – „Hereinspaziert“, Walzer op. 518 aus der Operette „Der Schätzmeister“
Antonin Dvořák – „Rusalka-Fantasie“, Suite aus der Oper „ Rusalka“ op. 114 (zusammengestellt von Manfred Honeck, orchestriert von Tomáš Ille)
Dimitrij Schostakowitsch „Suite für Varieté-Orchester“

von Elena Milis

Zwei Konzertabende jedes Jahr seit 2000 – ausgenommen 2001. Keine schlechte Bilanz mit etwa 8.000 Besuchern pro Abend – hier sind nicht einmal die Bewohner miteingerechnet, die von ihrer Wohnung aus zuhören. Anfangs als ein Milleniumskonzert zur deutsch-französischen Aussöhnung gedacht, ist „Klassik am Odeonsplatz“ mittlerweile eines der musikalischen Highlights im Münchner Musiksommer.

Viel Show und Prunk verbergen sich hinter der Open-Air-Veranstaltung. Die Oldtimer und Neumodelle des Hauptsponsoren lassen nicht nur die Herzen von Autoliebhabern höher schlagen. Und auch die exklusive Atmosphäre, umringt von der Theatinerkirche, den teuren Geschäften, die Medienpräsenz und die Fanfaren zu Anfang des Spektakels verraten, dass man bei einem extravaganten Abend dabei sein darf.

Martin Grubinger begeisterte bereits 2013 bei „Klassik am Odeonsplatz“. Dieses Jahr durfte er am Samstag ein zweites Mal gastieren und als ebenbürtiger Ersatz den chinesischen Pianisten Lang Lang vertreten. Seine Präzision, sein Gesichtsausdruck und Charme, mit dem er die Zuschauer in seinen Bann zieht, weisen ihn nicht nur als erstklassigen Musiker, sondern auch als Entertainer aus. Drei besondere Werke gibt er an diesem Abend zum besten.

Zunächst den 1. Satz des für ihn von Tan Dun komponierten Werks „Tears of Nature“. Die vier Jahreszeiten und die beängstigende Seite der Naturgewalt spiegeln sich hier wider. Der 1. Satz verkörpert „the color of nature’s thunder“. Den Anfang macht die Harfe, hinzu kommt das virtuose Spiel des Solisten mit zwei Steinen. Faszinierend, wie viele unterschiedliche Töne aus zwei aufeinander treffenden Steinen entstehen können. Tan Dun hatte mit dem Solisten vor der Uraufführung 2012 spezielle Techniken mit dem außergewöhnlichen Instrument sowie das Reiben, Scheuern und Schnippen auf der Pauke geübt.

Zeigt das erste Stück Grubingers Fähigkeiten als Virtuose, so glänzt er beim zweiten Stück als Zauberer. John Coriglianos „Conjurer“, zu Deutsch „Zauberer“, setzt den Solisten an den Anfang – das Orchester folgt ihm wie auf einer magischen Reise. Das Mystische dieser Komposition bekommt durch den neuen Anstrich der Orchesterbühne – die Feldherrnhalle am Odeonsplatz – einen passenden Touch. Besonderes Augenmerk legt der 2. Satz, wie der Untertitel „Metal“ verrät, auf die Metallinstrumente. Das Xylophon passt sich an das Streichorchester an und wird selbst zum Streichinstrument umfunktioniert: Gekonnt streicht der österreichische Percussionist mit einem Bogen an der vorderen Kante des Instruments. Die celesta-ähnliche Aufmachung im Verlauf des Stücks lässt an die Filmmusik zu „Harry Potter“ erinnern. Würden hier die zwei Löwenstatuen plötzlich zum Leben erweckt und in den Zuschauerraum springen, es würde kaum verwundern. Martin Grubinger nimmt einen mit in seine Welt – so konzentriert, so authentisch fesselt er jeden.

Dann präsentieren das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, der Dirigent Manfred Honeck und Martin Grubinger wieder ein eigens für den Multipercussionisten geschriebenes Werk: den 1. und 2. Satz aus dem „Konzert für Schlagzeug und Orchester“ von Bruno Hartl. Bereits 2000 entstand dieses Werk für den gerade einmal 17-jährigen Grubinger. Als ein „splittriges Puzzlespiel“, das sich aus 24 Percussion-Instrumenten zusammensetzt, fliegen hier vor der Pause die Fetzen. Rücken an Rücken agieren Honeck und Grubinger bei diesem Stück. Die Silhouette der beiden versetzt ins Grübeln: wer dirigiert hier tatsächlich das Orchester?

Die Schlägel fliegen nur so über die verschiedenen Instrumente: vor, neben und hinter dem Virtuosen. Betrachtet man ihn bei diesem Tanz, kann man nachvollziehen warum er körperlich viel trainiert und sein Puls während einer Aufführung meist zwischen 160 und 190 liegt.

Nach der Pause stellt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sein Können unter Beweis. Auch Leichtigkeit und Hingabe zeichnet den Klangkörper bei diesem Auftaktkonzert des zweitägigen Open-Air-Highlights aus. Flüchtige Momente, die die Kamera von einzelnen Orchesterspielern auffängt, lassen einen die Musik noch mehr genießen. Wenn sich die Violinistinnen anlächeln oder der Klarinettist seine Augen geschlossen hält, ist das wahrer Musikgenuss.

Die „Rusalka-Fantasie“ zeigt den Dirigenten Manfred Honeck auch als Arrangeur des Stücks. Dieses hatte er mit Tomáš Ille anhand der letzten Oper Antonin Dvořáks zusammengetragen, da es noch kein konzertantes Arrangement gab. Honeck sagt, dass alle wichtigen Motive und Figuren aus der Oper aufgegriffen wurden: die Geister, die Hexen und die Seejungfrauen. Es gehe ihm nicht darum, ein Best of zu kreieren und die Musiktitel aneinanderzureihen, als vielmehr den Gesamteindruck der Oper zu vermitteln. Die explosiven Stellen der Komposition wirken authentisch, und auch die ruhigen Passagen beherrschen die Orchesterspieler wie aus dem Effeff. Des Öfteren muss der Dirigent das Orchester vorantreiben, um dem Trott der teilweise schmalzigen Melodien zu entrinnen. Den Kern der „Rusalka“ zu vermitteln, gelingt ihm in dieser wunderbaren Atmosphäre und macht Lust auf mehr Honeck’sche Arrangements. Vielleicht kommt er ja demnächst mit seiner „Elektra Suite“ nach München.

Die „Suite für Varieté-Orchester“ von Dimitrij Schostakowitsch ist das letzte Stück des Programms. Sie dürfte eher wenigen Zuhörern bekannt gewesen sein und erlangte durch den Stanley-Kubrick-Film „Eyes Wide Shut“ und den Star-Violinisten André Rieu Bekanntheit.

Die Zugabe verlangt dann noch einmal höchste Präzision des Percussionisten Martin Grubinger. Mit „The Typewriter“ von Leroy Anderson hat sich Honeck ein eher ungewöhnliches Stück als Abschluss dieses Abends gewünscht. Die Lacher und der Applaus sind auf seiner Seite. Mit einer Schreibmaschine und einer Rezeptionsklingel aus dem „Bayerischen Hof“ macht es sich Martin Grubinger am Ende dieses Abends noch einmal auf der Bühne bequem. Wie ein seriöser Sekretär will er wirken und schafft es auch, mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen.

Elena Milis, 16. Juli 2017, für
klassik-begeistert.de

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