Ladas Klassikwelt 20: Wie kann ein Dirigent Sänger ermutigen?

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Als wir alle hochkonzentriert und mit ernsten Mienen auf der Bühne der Philharmonie in Katowice standen, trat Peter Shannon ein. Er sah uns an und bemerkte natürlich, dass wir sehr angespannt waren, und plötzlich … streckte er einfach die Zunge raus. Natürlich bemerkte das Publikum das nicht, weil er mit dem Rücken zu ihm stand, aber sicherlich überraschte die Zuschauer der Ausdruck unserer Gesichter. Die meisten von uns machten zuerst fassungslos große Augen, und dann lächelten fast alle.

von Jolanta Lada-Zielke
Foto: Peter Shannon (c)

In meinem bisherigen Leben habe ich in acht verschiedenen Chören gesungen, die von verschiedenen Dirigenten geleitet wurden. Oft luden Chorleiter irgendwelche externe Dirigenten ein, um eines der Konzerte zu leiten, die zu besonderen Anlässen stattfanden. Einer von ihnen war Peter Shannon, der 2006 in Krakau und Katowice die Aufführung von Mozarts „Krönungsmesse“ dirigierte. Ich werde sein Charisma, seine Herzlichkeit, Fröhlichkeit und Freiheit bei der Arbeit an dem Stück nie vergessen, aber vor allem werde ich mich immer daran erinnern, was er getan hat, um uns Mut zu machen.

Am 12. Mai 2006 feierte die Jagiellonen-Universität in Krakau, wie jedes Jahr, ihren Festtag. 2005 wurde der Bau des sogenannten Auditorium Maximum abgeschlossen, das zu den Uni-Gebäuden gehört. Neben Hörsälen befindet sich drinnen ein riesiger Amphitheater-Saal, in dem 1200 Zuschauer Platz finden. 2006, anlässlich des Universitäts-Festes, beschlossen die Universitätsbehörden ein Konzert mit Mozarts „Krönungsmesse“ im neuen Konzertraum zu organisieren und das Orchester der Universität Heidelberg zur Teilnahme einzuladen, die wie Jagielloński in Polen die älteste Universität Deutschlands ist. Peter Shannon war damals der Chefdirigent des Orchesters der Uni in Heidelberg.

Von der Gesangsseite aus wurde das Werk von den kombinierten Krakauer Ensembles aufgeführt: dem Männerchor der Jagiellonen-Universität und dem gemischten Chor der dortigen Technischen Universität, dem ich als Aushilfe beigetreten war, sowie von Solisten des Chors des Polnischen Rundfunks in Krakau. Drei oder vier Damen aus dem Rundfunkchor schlossen sich ebenfalls den Reihen der Altistinnen und Sopranistinnen an. Während der Probe im Auditorium Maximum verhielten sich diese Frauen sehr unfreundlich. Sie kritisierten und kommentierten jede Geste und jede Bemerkung des Dirigenten mit respektlosen Worten. Sie standen in einer Reihe genau hinter mir, also konnte ich es schließlich nicht mehr ertragen. Ich drehte mich zu ihnen um und sagte: „Bitte hören Sie auf zu kommentieren, weil wir uns nicht konzentrieren können!“

Sie sahen mich überrascht und empört an, dass ich es wagte, sie – Profis – zu belehren. Die Damen hielten mich wahrscheinlich für eine der  Studentinnen, obwohl ich wie sie als Externe zu diesem Projekt engagiert worden war. „Worauf soll man sich hier konzentrieren?“, schnaubte eine von ihnen nach einem Moment und die andere nickte ihr zu. Aber dann war schon Schluss mit Reden. Peter Shannon schuf während der Proben eine sehr freundliche und entspannte Atmosphäre, und die akademische Jugend mochte es.

Wir hatten zwei Konzerte mit diesem Programm: das erste in der Philharmonie in Katowice. Nach nur zwei Proben mit dem Orchester waren wir alle etwas unsicher. Natürlich hatten wir die „Krönungsmesse“ so gut wie möglich während der Proben mit den Chorleitern gemeistert. Vor dem Auftritt führte ich ein Interview mit Peter Shannon für meinen Akademischen Rundfunksender. Er sagte, er habe natürlich „Kribbeln im Bauch“, weil er an einer solch großen Feier teilnehme, er versuche aber sein Bestes zu machen.

Die Mitglieder der Universitätschöre fühlten sich am wenigsten zuversichtlich, weil sie selten ein so anspruchsvolles Stück in Begleitung eines Orchesters aufführen. Als wir alle hochkonzentriert und mit ernsten Mienen auf der Bühne der Philharmonie in Katowice standen, trat Peter Shannon ein. Er sah uns an und bemerkte natürlich, dass wir sehr angespannt waren, und plötzlich … streckte er einfach die Zunge raus. Natürlich bemerkte das Publikum das nicht, weil er mit dem Rücken zu ihm stand, aber sicherlich überraschte die Zuschauer der Ausdruck unserer Gesichter. Die meisten von uns machten zuerst fassungslos große Augen, und dann lächelten fast alle. Ich konnte mir vorstellen, wie die Damen vom Rundfunkchor diese Geste des Dirigenten aufnahmen, die die Stimmung erleichterte, aber ich hörte auf, mich darum zu kümmern.

Wir sangen beide Konzerte mit Hingabe und Leichtigkeit und feierten die gegenseitige musikalische Zusammenarbeit beider Universitäten. Das Publikum belohnte uns mit langem Applaus. Nach dem Konzert im Auditorium Maximum hatten wir eine gemeinsame Party mit Gästen aus Heidelberg in einem der berühmtesten Lokale in Krakau, „Stalowe Magnolie“. Einige von uns sagten Peter, wie sehr uns das geholfen hat, was er in Katowice tat.

Heute verfolge ich gelegentlich Peter Shannons Karriere auf Facebook und erinnere mich an die beiden Konzerte mit Mozarts „Krönungsmesse“, die ich in Krakau und Katowice unter seiner Leitung gesungen habe. Ich hoffe, dass ich noch einmal die Gelegenheit haben werde, zusammen mit ihm aufzutreten.

Jolanta Lada-Zielke, 24. Februar 2020, für
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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de .

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