Ladas Klassikwelt 72: König Ludwig II. als Pygmalion

Ladas Klassikwelt 72: König Ludwig II. als Pygmalion

Besprechung des Romans „König Ludwig und sein Schützling“ – eine Geschichte über platonische Liebe, wohlwollende Freundschaft und die Musik Richard Wagners.

von Jolanta Łada-Zielke

Möge es jedem fröhlichen Kind so geschehen, wie der kleinen Walpurga Malwinger genannt Burgerl!  Das Mädchen ist die Titelheldin des romantischen, historischen Romans „König Ludwig und sein Schützling“ von Hedwig Courths-Mahler (1867-1950), den sie unter dem Pseudonym Hedwig Brand veröffentlichen ließ. Das Buch erschien 1911 bei Richard Hermann Dietrich in Dresden, am 25. Jahrestag des tragischen Todes des Königs im Starnberger See. Hedwig Courths-Mahler war eine der Lieblingsautorinnen der Kriegsgeneration.

Die neue Ausgabe des Buchs hat gerade, 110 Jahre später, der BoD Verlag veröffentlicht (ISBN-13: 9783753464282). Luc-Henri Roger, der unseren Lesern schon bekannt ist, hat es aus dem Original in gotischer Schrift transkribiert und ein Nachwort mit der Biographie der Autorin dazu verfasst. Früher übersetzte er bereits das Buch ins Französische, herausgegeben von der französischen Abteilung des BoD-Verlags unter dem Titel „La pupille du roi Louis II de Bavière“.

LUC-HENRI ROGER

„Als ich die Übersetzung fertiggestellt hatte, sagte ich mir, dass es sich auch lohnen würde, den deutschen Originaltext erneut zu veröffentlichen, da er nicht mehr vollständig verfügbar war. Der Lübbe Verlag hatte ein gutes Drittel davon gekürzt[1].“, erzählt Luc-Henri Roger.

„Die Galathea“ des Königs ist die Tochter eines Försterehepaares, das in einem Wald bei Schloss Hohenschwangau lebte. Ludwig II. freundet sich mit ihr an und ist von ihrer Einfachheit, Ehrlichkeit und Direktheit gefangen. Walpurgas Geschwätz im bayerischen Dialekt lenkte ihn von seinen Sorgen ab. Er nennt das Mädchen seinen Sorgenbrecher, Sonnenschein und Waldvöglein. Auch Walpurga behandelt Ludwig sofort mit großer Vertraulichkeit. Auf die Bemerkung Ihrer Eltern, dass es nicht angemessen sei, den Herrscher mit „du“ anzusprechen, antwortet die Kleine: „Man duzt Herrgott, darf man also den König auch!“

Der König beschließt, seiner kleinen Freundin eine bessere Zukunft zu beschaffen. Er kümmert sich nicht direkt um ihre Ausbildung, sondern bezahlt ihren Aufenthalt in der Bildungseinrichtung von Frau Moritz in München. Nachdem er zufällig entdeckt hat, dass das Mädchen eine wundervolle Stimme hat, ermöglicht er ihr auch eine musikalische Bildung.

Die idyllische Erzählung wird in einem Punkt unterbrochen. Das Münchner Institut beherbergt Mädchen aus aristokratischen bayerischen Familien, die amüsiert und sogar verächtlich reagieren, als sie ihre neue Schulkameradin, die kein Hochdeutsch spricht, im Dirndl sehen. Sie planen sogar eine Verschwörung, um sie von ihrer exklusiven Schule zu vertreiben. In dieser feindlichen Gesellschaft gibt es jedoch eine, genauso einsam wie Burgerl, und die beiden schließen eine dauerhafte Freundschaft. Mit der Zeit verstehen die Schulkameradinnen von Burgerl, dass „der Adel des Herzens wertvoller als der Geburtsadel ist“.

Das resolute Kind wächst zu einer schönen jungen Dame heran, deren Stimme selbst Richard Wagner bewundert. Selbst Walpurgas erstes Treffen mit dem Komponisten wird märchenhaft beschrieben. Während eines Waldspaziergangs im Sommer 1876 beginnt Walpurga beim Anblick des Schlosses Neuschwanstein die Arie Elisabeths aus „Tannhäuser“ zu singen: „Dich, teure Halle, grüße ich wieder“. Ludwig II. und Wagner erwischen die junge Sängerin dabei. „Richard Wagner war außer sich von Entzücken über die goldklare, quellfrische Stimme und dem trotz mangelhafter Schulung genialen Vortrag“, lesen wir. Der Komponist sorgt dafür, dass Walpurga den Gesang erlernt und  kontrolliert persönlich ihre Fortschritte.

Am 8. Oktober 1880 wird sie in die Königliche Oper aufgenommen, wo sie als Elisabeth in „Tannhäuser“, Evchen in  „Meistersinger“ und Sieglinde in „Die Walküre“ debütiert. Wenn man Hedwig Brand Glauben schenkt, sang Walpurga „wirklich so, dass kranke Menschen gesund und alte wieder jung werden konnten“.

Man kann sofort erkennen, dass eine Frau diese Geschichte im Stil des 19. Jahrhunderts schrieb: Gefühle, Gefühle, Gefühle. Die Autorin erzählt ein bisschen märchenhaft, zeigt aber, wie sehr das bayerische Volk seinen König liebte. An manchen Stellen ist die Sprache des Romans ein wenig pathetisch, die Aussagen des Königs und von der bereits erwachsenen Walpurga voller Erhabenheit. Es gibt jedoch kein künstliches Happy End, was man eigentlich auch nicht erwartet, wenn man das Leben von Ludwig II. kennt. Was aber wahrscheinlich ist: Bei jedem Besuch der Försterhütte vergaß der König die ganze Außenwelt, Hofintrigen und Feinde, die in seiner unmittelbaren Umgebung anwesend waren. Er sehnte sich nach Einfachheit. Im späteren Leben war der Schützling des Königs auch eine Erleichterung für ihn.

Der Begriff „Depression war zu dieser Zeit unbekannt. Die Königskrankheit nennt die Autorin bei keinem Namen, weil die Autorin seinen Zustand aus der Sicht ihrer Protagonistin beobachtet, die intuitiv spürt, dass ihr geliebter König lebensmüde und unglücklich ist. „Er wusste ja von sich selbst, wie einsam und unglücklich der Mensch auf den höchsten Höhen des Lebens sein kann“. Die Szene der Trennung Ludwigs von seinem Schützling wird besonders dramatisch beschrieben. Walpurga hat schon Erfolg als Wagner-Sängerin, möchte sich jedoch lieber um den König kümmern und ihn in seiner Krankheit pflegen. Er lässt das nicht zu, weil sie und ihre schöne Stimme der Welt gehören, die er bald verlassen wird. Zum Abschied singt Walpurga für Ludwig das Lied „Die linden Lüfte sind erwacht“ von Franz Schubert.

Im Hintergrund der von Hedwig Brand erzählten Geschichte gibt es authentische historische Fakten. Walpurga ist Zeugin der Grundsteinlegung im Schloss  Neuschwanstein und wird sogar 1876 zur Premiere von „Der Ring des Nibelungen nach Bayreuth eingeladen. Die Autorin gibt die genauen Daten der Aufführungen von Wagners Opern an, die in der Königlichen Hofoper in München stattfanden. Luc-Henri Roger weist im Nachwort darauf hin, dass Walpurga Malwinger eine Figur der kroatischen Sängerin Mathilde Mallinger (1847-1940) sei, die tatsächlich von Richard Wagner entdeckt wurde. Die Bedeutung dieses Romans ist auf jeden Fall für die damalige Zeit emanzipiert.

 „Dieser Roman, wie viele andere von Courths-Mahler, bringt eine Botschaft, die der Erzählung zugrunde liegt, dass Frauen durch ihre Talente und ihre Arbeit einen sozialen Status erreichen können“, so Roger. „König-Pygmalion gibt natürlich einen berühmten Schub, aber er glaubt auch, dass Walpurga es alleine geschafft hätte, wahrscheinlich auf schwierigeren Wegen. Ich sehe eine klare Parallele zwischen dem Schicksal von Walpurga und dem der Autorin Courths-Mahler. Dieser Weg aus der Armut durch Arbeit, Studium, künstlerische Berufung (ob Schreiben oder Singen) und den festen Willen, sich selbst zu erfüllen und der eigenen Kunst zu dienen. Das ist ein sozialer Aufstieg mithilfe der Kunst.“

Trotz aller Mängel und Archaismen habe ich mich gefragt, warum ich beim Lesen dieses Romans geweint habe. WARUM DENN? Meine Tränen sind hier der beste Kritiker.

Jolanta Łada-Zielke, 24. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

[1] Nach dem Tod von Hedwig Courths-Mahler (1950), hat das Haus des Lübbe Verlags die Rechte an dem gesamten Werk von Courths-Mahler gekauft und ihre Romane in einer gekürzten Fassung veröffentlicht, um sie günstig verkaufen zu können.

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Jolanta Łada-Zielke, 49, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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